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Wolf Lepenies erhält Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

26.06.2003 - (idw) Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

BBAW/PR-08/2003

Im Rahmen des Festaktes zum diesjährigen Leibniz-Tag am 28. Juni 2003 verleiht die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Wolf Lepenies in Anerkennung seiner besonderen Verdienste um die Förderung der Wissenschaften die Leibniz-Medaille.

Professor Dr. phil. Dr. h. c. Wolf Lepenies, geboren 1941 im ostpreußischen Deuthen, repräsentiert einen hierzulande seltenen Typus von Gelehrten, über den er selbst ebenso gern wie brillant zu sprechen versteht - er ist ein public intellectual von internationaler Ausstrahlung und Geltung.
Wolf Lepenies wurde 1967 an der Universität Münster zum Dr. phil. in Soziologie promoviert; das Thema seiner Dissertation lautete "Melancholie und Gesellschaft". Er habilitierte sich und wurde vier Jahre später, 1971, zum Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin ernannt. Durch Fellowships und Gastprofessuren nicht nur im europäischen, sondern vor allem im überseeischen Ausland stellte er seine Forschungen bereits früh in einen breiten internationalen Kontext: So war er u. a. Directeur d'études associé an der Pariser Maison des Sciences de l'Homme (1977ff.) sowie Mitglied bzw. Langzeitmitglied der School of Social Science des renommierten Institute for Advanced Study in Princeton, N.J. (1979-80 bzw. 1982-84).
Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften will mit ihrer Auszeichnung hingegen nicht einen Soziologen ganz eigener Prägung ehren, der mit klassischen Monographien - von denen ein Großteil in mehrere Sprachen übersetzt worden ist - u. a. das Verständnis vergangener und gegenwärtiger Gesellschaften geprägt und bemerkenswerte Beiträge zu einer Wissenschaftstheorie der Soziologie zwischen Geistes- und Naturwissenschaften geleistet hat ("Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft", 1985), auch nicht den Romanisten von Rang ("Sainte-Beuve. Auf der Schwelle zur Moderne", 1997) oder den klugen Beobachter aktueller kultureller Entwicklungen (z.B. "Benimm und Erkenntnis", 1997), nicht den glänzenden Rhetor und präzisen Essayisten. Die Auszeichnung gilt vielmehr dem wissenschaftsorganisatorischen sowie dem kultur- und wissenschaftspolitischen Wirken von Wolf Lepenies, dem 'Praktischwerden' seiner Intellektualität in einem durchaus Leibnizschen Sinne.
Eine besondere institutionelle Gelegenheit zu solchem Wirken ergab sich, als Lepenies, der bereits zwei Jahre zuvor zum Ordentlichen Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin und zum Ständigen Wissenschaftlichen Mitglied des Wissenschaftskollegs zu Berlin berufen worden war, 1986 als Rektor die Leitung dieses damals noch jungen Institute for Advanced Study übernahm, dem er - während dreier Amtsperioden - bis 2001 vorstand.
Rasch begann Lepenies, sein Engagement über den Rahmen Berlins hinaus auszudehnen - insbesondere nach den Umbrüchen des Jahres 1989: Als die zentrale Herausforderung der umwälzenden Veränderungen dieses Epochenjahres erkannte Lepenies die Notwendigkeit, sich "auf ein gemeinsames Lernen mit dem Osten einzulassen", die überkommenen westlichen "Belehrungsgesellschaften" wieder in fruchtbare "Lerngesellschaften" umzuwandeln und "unsere kulturellen Selbstverständlichkeiten zu überdenken". Mit dieser ebenso anspruchsvollen wie visionären Zielsetzung hat er sich vor allem seit den 1990er Jahren unermüdlich und mit großem Erfolg für die Erneuerung und Stärkung lokaler Wissens- und Wissenschaftskulturen im Ausland, insbesondere im östlichen Europa eingesetzt, sich bei der Gründung eines Institute for Advanced Study in Budapest (Collegium Budapest) und eines multidisziplinären Forschungszentrums für Geistes- und Sozialwissenschaften in Bukarest (New Europe College) engagiert sowie die Bibliotheca Classica in St. Petersburg, die Graduate School for Social Sciences an der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau und das westafrikanische Forschungszentrum Point Sud - Muscler le savoir local in Bamako/ Mali gefördert. Alle diese Einrichtungen blühen und gedeihen heute auch ohne seine Hilfe: "Wir gingen nirgends hin, um zu belehren. Wir wollten vor allem von anderen lernen. Wir wollten anderen keine Regeln aufzwingen, sondern gemeinsam eine neue Wissenschaftspolitik [...] entwickeln" (Lepenies). Zu dieser grundlegenden Orientierung kommt bei Wolf Lepenies ein waches Sensorium für förderungswürdige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinzu, vor allem für den Nachwuchs in den verschiedensten Disziplinen und Kontexten: Die Zahl derer, die ihm in diesem Zusammenhang entscheidende wissenschaftliche Impulse verdanken, ist groß.
In der Vergangenheit wurden Lepenies bereits bedeutende Auszeichnungen und vielfache Ehrungen zuteil: So ist er u.a. Träger des Alexander von Humboldt-Preises für französisch-deutsche wissenschaftliche Zusammenarbeit, des Joseph-Breitbach-Preises der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz sowie des Theodor-Heuss-Preises. Darüber hinaus ist er Ehrendoktor der Sorbonne, Paris, Offizier der französischen Ehrenlegion sowie Mitglied in- und ausländischer Akademien.
Indem die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften ihrem Gründungsmitglied Wolf Lepenies ihre höchste Auszeichnung für besondere Verdienste um die Förderung der Wissenschaften verleiht, würdigt sie sein außerordentliches persönliches Engagement als Wissenschaftspolitiker und Wissenschaftsorganisator, seinen beständigen Einsatz für die Förderung eines disziplinen-, kulturen- und nationalitätenübergreifenden Dialogs zwischen Wissenschaftlern und nicht zuletzt seine großen Verdienste um die Ausgestaltung grenzüberschreitender Kooperationsnetze für die Wissenschaft in Deutschland.

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