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Die Nomaden kehren zurück

26.06.2003 - (idw) Universität Leipzig

Eine Zwischenbilanz aus dem Sonderforschungsbereich "Differenz und Integration" der Universitäten in Leipzig und Halle.


Beigaben aus einem Grab in Nubien. In einem Teilprojekt des SFB forschen Ägyptologen zum Verhältnis von Nomaden, Bauern und ägyptischen Eroberern im 2. Jahrtausend v. Chr. Blickt man auf Entwicklungen in weiten Teilen Asiens und Afrikas, erkennt man, dass die Zeit für nomadische Lebensformen keineswegs abgelaufen ist, sondern stellenweise wiederkommt oder auch ungebrochen anhält. Diese Feststellung von Prof. Dr. Bernhard Streck, Ethnologe an der Universität Leipzig, gehört zu einer ersten Zwischenbilanz, die jetzt nach gut anderthalb Jahren im Sonderforschungsbereich 586 "Differenz und Integration" gezogen werden kann. Dieser SFB untersucht die Wechselwirkungen zwischen nomadischen und sesshaften Lebensweisen, wie sie in dem altweltlichen Trockengürtel - von Marokko bis China - anzutreffen waren und sind.
Die Erforschung dieser wechselvollen Koexistenz, die die Menschengeschichte in weiten Teilen der Erde über lange Zeiträume geprägt hat, kann auch ein Stück Zukunftsforschung bedeuten, unterstreicht Bernhard Streck, stellvertretender Sprecher des von den Universitäten in Halle und Leipzig gemeinsam betriebenen SFB. Denn die mobile Weidewirtschaft gewinnt durch die Ausdehnung von Trockengebieten und neue Mischformen der Mobilität in Ballungsräumen zunehmend an Gewicht. So gibt es in einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, in der Mongolei oder in Tibet Tendenzen einer Renomadisierung. Es zeigt sich, anders als das revolutionäre Umgestaltungsideologien wahrhaben woll(t)en, dass bestimmte Trockengebiete einfach nicht anders als durch eine pastorale Lebensweise der hier lebenden Menschen genutzt werden können. Eine intensivere Nutzung und die Einwirkung moderner Technik erhöhen nicht nur nicht die Erträge aus solchen Gebieten, sondern erweisen sich oft genug als Raubbau an der Natur und zerstören letztlich die Lebensgrundlagen der Bewohner. Aber auch das in großem Umfang durchgeführte Experiment der zwangsweisen Sesshaftmachung von Nomaden hat oft negative Folgen gehabt.
Weiteren Aufschluss zu diesem Problemkreis erhofft man sich von einer breit angelegten Feldforschung, beispielsweise in Indien oder Westsibirien. In letztgenannten Gebieten entstand in der Umgebung von Erdgas- und Erdölfeldern eine Nische für eine der archaischsten Formen des Pastoralismus, den Rentiernomadismus. In Metropolen wie Kairo und Istanbul oder auch auf dem Balkan entwickeln sich neue gemischte Formen der Mobilität und Sesshaftigkeit in bestimmten Handwerks-, Dienstleistungs- und Versorgungsbereichen, wobei die Ziegenherde am Stadtrand nur eine Facette darstellt.
Auch der Blick in die Vergangenheit ergibt ein vielfältiges Geflecht von gegenseitiger Abhängigkeit und Ergänzung zwischen Nomaden und sesshaften Bauern. Schon für das alte Babylon belegen Keilschriftenfunde die Nutzung von Produkten aus nomadischer Arbeits- und Lebensweise. In der geschichtlichen Überlieferung erscheint dieses Verhältnis freilich auch als ein gespanntes Verhältnis zwischen Steppe und Zentrum, zwischen Barbaren und Zivilisation.
"Unsere Forschungen ermöglichen es uns, ein differenzierendes Bild zu zeichnen", unterstreicht Bernhard Streck. "Wir können zeigen, dass die langen Zeiten der Verflechtung von nomadischen und sesshaften Lebensweisen die Kultur dieser Räume mehr geprägt haben als Überfälle und Vernichtung." Interessant ist auch, dass eine gewisse Nomadenideologie, oft als moralisch höher stehende Tradition verklärt, bis heute für das eigene Selbstverständnis eine große Relevanz besitzt. Im Zuge verspäteter Nationenbildungen, wie sie z. B. in einigen mittelasiatischen Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu verzeichnen waren und sind, spielen solche Konstrukte und Ideologeme wie "Nomadenblut" oder "Nomadische Tradition" eine erhebliche Rolle. Dabei wird gerade bei der schon lange sesshaften bäuerlichen Bevölkerung das Bild des Nomaden oft mit Sittenreinheit und Gottesnähe, das der Stadt dagegen mit Sittenverfall und Gottlosigkeit verbunden. Entstehen "moderne" Staaten, sehen sie nicht selten die alten Heldenlieder aus der Nomadenzeit als ihren kostbarsten Schatz an.
Da es das Geschäft der Wissenschaft ist, aufklärend, aufhellend zu wirken, versteht es sich, dass die Forschungsarbeiten ideologiekritisch ausgerichtet sind. Und für alle Beteiligte, die vor Ort tätigen einheimischen Forscher einbezogen - gegenwärtig sind SFB-Mitstreiter u. a. in Syrien, Marokko, der Türkei, Iran, Ukraine und Usbekistan tätig - ist es geradezu spannend zu verfolgen, dass es weltweit in all diesen Begegnungsgebieten von Sesshaften und Nomaden eine solche Nomadismus-Verklärung gibt.

In den anderthalb Jahren des Bestehens des Sonderforschungsbereiches wurden bisher vier internationale Kolloquien durchgeführt. In der Monographienreihe des SFB ist bereits der erste Band mit dem Titel "Stamm und Macht"(Eva Orthmann) herausgekommen. Beiträge aus den Kolloquien erscheinen in den "Orientwissenschaftlichen Heften" und Berichte aus den Arbeitsgruppen in der Reihe "Materialien des SFB 586". In die 17 Teilprojekte sind insgesamt 36 Wissenschaftler und eine große Zahl studentischer Hilfskräfte aus Halle und Leipzig eingebunden. Aber während der laufenden Forschungsphase (die erste reicht von 2001-03, die zweite von 2004-08 wird gerade beantragt) konnten auch zusätzliche Mitarbeiter in bestimmte Projekte einbezogen werden, wenn spezielle Kompetenz an einem bestimmten Punkt gefragt ist. So wurde z. B. zur Tierknochenanalyse eine Laborexpertin gesucht und in der iranischen Archäologin Marjan Mashkour gefunden. Dadurch soll eine präzise Datierung des Beginns der mobilen Tierhaltung (Weidewechsel), die im Nahen Osten etwa 10 000 Jahre v. u. Z. begann, ermöglicht werden.

Das Fazit von Prof. Streck bei Halbzeit der ersten Förderperiode fällt positiv aus: "In diesem Sonderforschungsbereich ist Leben. Wenn da 'Spatenleute' und Laborexperten, Hieroglyphenleser und Keilschriftenentzifferer, Philologen und Ethnologen sich um einen Tisch versammeln, einander zuhören und verstehen lernen und sich schließlich gegenseitig in ihrer Forschungsarbeit befruchten, dann spürt man, was Interdisziplinarität und echte Kooperation in der Wissenschaft bedeuten können."

Weitere Informationen: Prof. Dr. Bernhard Streck
Telefon: 0341 - 97 37221
E-Mail: streck@uni-leipzig.de
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