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Wer bestimmt, was eine gute Kindheit ausmacht? Schumpeter-Fellowship für Studie

28.04.2010 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

FRANKFURT. Was macht eine gute Kindheit aus? Politiker, Pädagogen, Eltern und Kinder beantworten diese Frage ganz unterschiedlich. Da aber die verschiedenen Perspektiven die gegenseitigen Erwartungen und Haltungen prägen, ist es wichtig sie zu kennen. Besonders die Professionellen im Erziehungsbereich benötigen diese Information, denn ihr Handeln beruht oft auf unausgesprochenen Annahmen, und so werden die vielfach nachgewiesenen Bildungsungleichheiten eher verstärkt als abgebaut. Die Frankfurter Junior-Professorin Dr. Tanja Betz wird in einer Studie Kinder, Eltern, Erzieher und Lehrer unter anderem in Frankfurt zu Wort kommen lassen und ihre Antworten auswerten. Finanzieren kann die 34-jährige Bildungsforscherin diese auf fünf Jahre angelegte Studie, weil die VolkswagenStiftung ihr soeben ein mit mehr als einer halben Million Euro dotiertes Schumpeter-Fellowship bewilligte. Seit 1. März hat Tanja Betz eine Junior-Professur an der Goethe-Universität im Fachbereich Erziehungswissenschaften und am Frankfurter LOEWE-Forschungszentrum IDeA (Research on Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk).

Ein spannendes Vorhaben freut sich die Sozialwissenschaftlerin, die zuvor die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendpolitik am Deutschen Jugendinstitut in München geleitet hat. Für den wissenschaftlichen Koordinator von IDeA, Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, komplettiert Tanja Betz hervorragend das Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, das sich zum Ziel gesetzt hat, die individuellen Lernprozesse von Kindern besser verstehen zu lernen: Der Fokus, den Frau Betz in ihrer Forschung setzt, entspricht genau der Zielsetzung unseres Zentrums: Wir wollen dazu beitragen, dass die Lernumgebungen in Kindergärten und Schulen zukünftig so gestaltet werden können, dass die individuelle Förderung unter Berücksichtigung der Stärken und Schwächen jedes einzelnen Kindes gelingen kann.

Mein Projekt soll klären, wie die in politischen Berichten und Programmen verbreiteten Leitbilder guter Kindheit von Kindern, Eltern und den Professionellen im Elementar- und Primarbereich aufgegriffen werden und welche auch unbeabsichtigten Wirkungen diese Leitbilder entfalten, erläutert Betz. Sie will mit ihrer breit angelegten Studie in Erfahrung bringen, welche milieuspezifischen Vorstellungen, gegenseitigen Erwartungen und Praktiken diese unterschiedlichen Akteursgruppen haben. Bei einer Untersuchung, die Betz vor einigen Jahren in Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz gemacht hat, konnte sie feststellen: Insbesondere Elterngruppen mit Migrationshintergrund erwarten, dass der Kindergarten auch zur Schulvorbereitung der Kinder beiträgt und dies deckt sich auch mit den Vorstellungen der Erzieherinnen. Allerdings konnten die Erzieherinnen in ihren Arbeit mit heterogenen Gruppen, die eigenen Vorstellungen nur bedingt umsetzen und blieben hinter ihren Ansprüchen zurück, wenn es beispielsweise um die Schulvorbereitung ging. So kann sich aus Verschiedenheit schnell Ungleichheit entwickeln und das bereits im Kindergarten, sagt Betz.

In Betz Forschungsansatz spielen die Kinder mit ihren Aussagen eine genauso wichtige Rolle, wie die der anderen befragten Gruppen das ist neu, denn in den meisten Studien werden Kinder als Anhängsel von Familien betrachtet oder als Noch-nicht-Erwachsene. Der Anspruch, Kinder als gleichberechtigte Gruppe einzubeziehen, stellt sich schon bei der Konzeption des Fragebogens. Die Bildungsforscherin zu ihrem Ansatz: Wir wollen herausfinden, ob Kinder, die dem gleichen sozialen Milieu angehören, ihr Leben auf ähnliche Art und Weise interpretieren und gestalten. Wie nehmen Kinder soziale Strukturen und damit auch Ungleichheitsverhältnisse wahr? Wie stellen sich Kinder den jeweiligen Anforderungen, die in Kindergarten und Schule erwartet werden? Darüber hinaus wollen wir Einstellungen, Haltungen und Handlungsmuster von Kindern und Erwachsenen mit Macht- und Abhängigkeitsbeziehungen in Verbindung bringen, so Betz. Die Fragen, die uns hier beschäftigen werden, sind: Wer bestimmt mit, was eine gute Kindheit ausmacht? Welche Erwartungen tragen Professionelle in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen an Kinder und ihre Eltern heran? Haben alle gesellschaftlichen Gruppen dieselbe Chance diese Erwartungen und Normen umzusetzen?

Ergebnisse ihrer Untersuchung bilden auch die wissenschaftliche Grundlage für Konzepte, die in der Aus- und Weiterbildung der Professionellen umgesetzt werden sollen. Dazu Betz: Erzieher und Erzieherinnen in Kindertageseinrichtungen benötigen ebenso wie Lehrer und Lehrerinnen in den Grundschulen eine Vorstellung davon, welche meist unbeabsichtigte Rolle ihnen bei der Verfestigung von Bildungsungleichheiten zukommt. Wichtig ist es, dass sie sich damit auseinandersetzen, wie ihre eigenen Annahmen und demzufolge ihr Handeln die Bildungsbiografie von Kindern trotz bester Absichten früh so beeinflussen kann, dass Kinder aus weniger privilegierten sozialen Milieus das Nachsehen haben. Den Professionellen kommt in all diesen Prozessen eine Schlüsselrolle zu und deshalb ist es entscheidend, dass sie sich selbst bewusst werden, wie sie Kinder aus unterschiedlichen sozialen Milieus und Kinder aus Zuwanderergruppen in ihrer Gruppe einschätzen, was sie von ihnen erwarten und wodurch ihre Maßstäbe geformt werden. Wichtig ist Betz dabei, den schwarzen Peter nicht den Professionellen in die Schuhe zu schieben, sondern die Logik der Organisationen auch mit in den Blick zu nehmen.

Zur Vita der neuen Junior-Professorin: Tanja Betz studierte Psychologie, Pädagogik und Soziologie, schloss das Studium als Diplom-Psychologin ab und promovierte in der Erziehungswissenschaft. Bereits in ihrer Dissertation, die sie 2007 vorlegte und die mit dem Förderpreis für den Wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität Trier ausgezeichnet wurde, beschäftigte sie sich mit Ungleichen Kindheiten am Beispiel der sozialen und ethnischen Strukturierung von Bildung. Den Fragen nach dem Zusammenhang von prekären Lebenslagen mit den Bedingungen von Bildung in Familien, Kindertagesstätten und Grundschulen gilt auch weiter ihr besonderes Forschungsinteresse. 2007 wechselte sie zum Deutschen Jugendinstitut nach München, dem größten außeruniversitären Forschungsinstitut im Bereich Kinder, Jugendliche und Familie, das neben grundlagenorientierten auch praxisbezogene Studien durchführt sowie Politik- und Praxisberatung macht. Dort hatte Frau Betz ihren Schwerpunkt in der sozialwissenschaftlich fundierten Politikberatung. Dazu gehörten Vorschläge zur Weiterentwicklung und Steuerung des Systems der Bildung, Betreuung und Erziehung beispielsweise über Kita-Gutscheine.

In Frankfurt lehrt und forscht die Juniorprofessorin am Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe im Fachbereich Erziehungswissenschaften, ihre Stelle ist zudem am LOWE-Zentrum IDeA angesiedelt. Dieses Forschungsunternehmen der Goethe-Universität und des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) wird im Rahmen der hessischen Exzellenz-Initiative gefördert.


Die VolkswagenStiftung will mit dem Schumpeter-Fellowship Freiräume für den exzellenten Nachwuchs in den Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften schaffen: Junge Postdocs können bis zu fünf Jahre eigenverantwortlich das von ihnen gewählte Thema erforschen und für ihr Fachgebiet Neuland erschließen. In der jüngsten Entscheidungsrunde kamen acht Nachwuchswissenschaftler zum Zuge.

Informationen: Junior-Prof. Dr. Tanja Betz, Institut für Pädagogik der Elementar- und Primarstufe, Campus Bockenheim Tel: (069) 798- 23754, betz@em.uni-frankfurt.de

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