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Lassen sich Vorurteile messen?14.05.2010 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena
Psychologin der Universität Jena gibt aktuelles Sonderheft der Zeitschrift für Psychologie/Journal of Psychology heraus
Jena (14.05.10) Die englische Küche ist scheußlich. Ostfriesen sind dumm und Beamte faul. Wollten Psychologen die Verbreitung oder Entstehung von Vorurteilen untersuchen, mussten sie sich lange allein auf Befragungen stützen. Doch die Ergebnisse solcher Befragungen sind nicht immer zuverlässig. Denn wer gibt heute schon gerne offen zu, Vorbehalte gegenüber Frauen am Steuer oder Männern im Haushalt zu haben? Deshalb hat sich in den vergangenen Jahren in der psychologischen Forschung eine Reihe von Methoden entwickelt, die Einstellungen mit impliziten Maßen erfassen, erläutert Prof. Dr. Melanie Steffens von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Diese beruhen z. B. darauf, die Reaktionszeiten zu messen, mit denen Testpersonen Begriffe bestimmten Kategorien zuordnen, so die Direktorin des Instituts für Psychologie. Je nachdem wie schnell jemand Mathematik mit Jungs oder mit Mädchen klassifizieren kann, wenn er Wörter sortieren soll, lasse das Schlüsse auf seine Einstellung zum traditionellen Geschlechterverhältnis in der Schule zu.
Das Themenspektrum, in dem diese Methoden wie der Implizite Assoziationstest zum Einsatz kommen, wachse rasant, macht Prof. Steffens deutlich. Doch klare Kriterien, für welche Fragestellung welcher Test geeignet und aussagekräftig ist, fehlen bislang. Die Psychologin der Jenaer Uni hat deshalb jetzt gemeinsam mit ihrem Kollegen Prof. Dr. Kai Jonas von der Universität Amsterdam eine Sonderausgabe der Zeitschrift für Psychologie/Journal of Psychology herausgegeben, die erstmals einen kritischen Blick auf Gültigkeit und Zuverlässigkeit dieses neuen Methodenspektrums wirft. Das Heft ist soeben unter dem Titel Implicit Attitude Measures erschienen.
Im Mittelpunkt der Publikation steht die Betrachtung der Vor- und Nachteile der Methodik zu impliziten Messungen. Beiträge von Wissenschaftlern aus England, Deutschland, Portugal, Frankreich und den USA thematisieren Bereiche, in denen implizite Einstellungsmessungen heute Anwendung finden: Von der Spinnenphobie über den impliziten Selbstwert, Konsumenteneinstellungen, Risikoeinschätzung von Spielern bis hin zur Einstellung zu ethnischen Minderheiten in den USA.
Dass sich die Ergebnisse eines impliziten Assoziationstests nicht einfach inhaltlich interpretieren lassen, das belegt Herausgeberin Steffens in einem eigenen Beitrag. Darin geht sie gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Rul von Stülpnagel dem Einfluss kognitiver Fähigkeiten auf die in den Tests gemessen Reaktionszeiten nach. Steffens und Stülpnagel gehen in ihrem Beitrag davon aus, dass Menschen mit einem höheren Intelligenzquotienten, eine schnellere Auffassungsgabe haben und so die Struktur der gestellten Aufgaben besser erkennen können. Es verwundert also nicht, dass sie bei der einfacheren Teilaufgabe eines impliziten Assoziationstests in geringerer Zeit eine Entscheidung treffen, so die Psychologin. Eine rasche Reaktion lasse folglich nicht per se auf stark ausgeprägte Vorurteile schließen. Die beiden Forscher der Jenaer Uni warnen deshalb davor, Ergebnisse nur inhaltlich zu interpretieren und plädieren für eine kritische Methodenanalyse.
Bibliographische Angaben:
Steffens M. C., Jonas K. J., Implicit Attitude Measures, Zeitschrift für Psychologie/Journal of Psychology, Vol. 218, No. 1, 2010
Kontakt:
Prof. Dr. Melanie Steffens
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Am Steiger 3/ Haus 1
07743 Jena
Tel.: 03641 / 945111
E-Mail: melanie.steffens[at]uni-jena.de
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de
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