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Moschee mit oder ohne Kuppel und Minarett? Neue Formen bei Moscheen ein Weg zum Dialog

27.05.2010 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

FRANKFURT. Repräsentative Gebäude ersetzen zunehmend die Hinterhofmoscheen, fast 200 Moscheenvereine planen in Deutschland den Auszug aus den versteckten Quartieren. Häufig wird die Frage nach der Form einer Moschee als Stellvertreterfrage nach der Akzeptanz des Islam wahrgenommen. Moschee mit oder ohne Minarett und Kuppel darüber erhitzen sich die Gemüter. Die Frankfurter Religionswissenschaftlerin Prof. Bärbel Beinhauer-Köhler sieht in der Diskussion über Bau- und Kunststile, die in manchen muslimischen Gemeinden geführt wird, auch eine Chance für den interkulturellen Kontakt. In ihrem Beitrag in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt schreibt sie: Der Umgang mit der Form könnte auch heute wegweisend sein. Weder Moscheen noch Kirchen sind Bauformen, die tatsächlich in die Frühzeit der Religionen zurückreichen. Beide haben sich erst in den ersten Jahrhunderten der Konstituierung einer Religion zu nur lokal als charakteristisch empfundenen Formaten entwickelt. Dabei gibt es gewaltige regionale und konfessionelle Varianten.

Und Beinhauer-Köhler zeigt interessante Interdependenzen zwischen Moschee und Kirchen, aber auch mit Synagogen auf: In allen drei Fällen handelt es sich um Sakralbauten, die aus der mit dem antiken Judentum erwachenden religiösen Form des Gemeindegottesdienstes erwuchsen und sich klar von der antiken priesterlichen Verehrung von Gottheiten unterschieden. Die Apsis orientalischer Kirchen und der Thoraschrein standen womöglich Pate für die islamische Gebetsnische (mihrab). Die Ausrichtung der Moschee nach Mekka hatte ein Vorbild in der Ausrichtung von Synagogen und Kirchen im Rahmen einer sakralen Topografie. Schutztürme koptischer Kirchen können als Vorbild für das nicht von Beginn an vorhandene Minarett (minara) der Moschee gedient haben. Die im türkischen Raum verbreitete Kuppel (qubba) erlebte ihren Siegeszug mit der Ägide des osmanischen Architekten Mimar Sinan um 1491 bis circa 1588, der sich, ursprünglich Christ, bei seinen wegweisenden und zahlreichen Entwürfen am Modell der byzantinischen Kreuzkuppelkirche orientierte; prominent verkörpert in Istanbul in der Hagia Sophia. Auch existieren in den Kirchen und Synagogen über viele Jahrhunderte feste Bereiche für die beiden Geschlechter.

Der Bilderstreit, in dem es während des 8. und 9. Jahrhunderts innerhalb der griechisch-orthodoxen Kirche um den richtigen Gebrauch und die Verehrung von Ikonen ging, war vermutlich von einer aufkommenden islamischen Debatte um die Abbildung von Lebewesen beeinflusst. Synagogen in Deutschland im 19. Jahrhundert standen in einem Spannungsverhältnis zwischen orientalischer Form und Dekor, dem Kirchenbau und moderner Architektur. Größe und Höhe eines Bauwerkes zeigen religionsunabhängig, geradezu als anthropologische Konstante, das Repräsentationsbedürfnis ihrer Bauherren; hier handelt es sich nicht um ein Spezifikum von Moschee oder Minarett, erläutert die Religionswissenschaftler, die gemeinsam mit dem Giessener Politologen Prof. Claus Leggewie im vergangenen Jahr ein Buch mit dem Titel Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung veröffentlicht hat. Diese Publikation soll zur
Versachlichung der Debatte beitragen und konkrete Lösungswege in Konfliktsituationen aufzeigen.

Historisch betrachtet scheint die Unversöhnlichkeit der Positionen von Nichtmuslimen, die Minarett und Kuppel als Provokation und störendes Element empfinden, und von Muslimen, die diese Formelemente unabdingbar empfinden, womöglich als vorübergehendes Stadium. Die Positionen sind nachvollziehbar, geht man wie die Religionswissenschaft davon aus, dass Religionen und Kulturen intern durch gemeinsame Symbole und Zeichen bestimmt sind. Dazu Beinhauer-Köhler: Diese wecken Assoziationen von Identität und Zugehörigkeit oder Fremdheit und werden in der Regel nicht reflektiert. Hier ist auch das Gefühl von Heimat berührt, das Nichtmuslime in Deutschland mit der Abwesenheit und gläubige Muslime mit der Präsenz als solcher erkennbarer Moscheen verbinden.

Doch könnte sich in den kommenden Jahr auch hier etwas verändern, wenn die Zahl der Muslime mit akademischer Ausbildung im deutschsprachigen Raum ansteigt. Die Frankfurter Religionswissenschaftlerin verweist auf Architekten mit islamischem Hintergrund wie Alen Jasarevic, der das Islamische Forum im bayerischen Penzberg geplant hat. Der multiethnische Trägerverein signalisiert nicht nur in seinem Namen eine bewusste Öffnung, er stimmte auch zu, dass der moderne Bau sich mit zwei symbolischen Türen den Besuchern demonstrativ öffnet und das Gebäude keine Kuppel trägt. Beinhauer-Köhler sieht neue Impulse für den Moscheenbau in Deutschland: Diese Architekten verfügen in besonderem Maße über die Kompetenz, mit den Symbolbeständen verschiedener Kulturen zu arbeiten und Lösungen zu finden, die sinnvoll Funktion, unterschiedliche Stil- und Identitätsgefühle vereinen. So präsentiert sich das Minarett in Penzberg als eine kubische Lichtinstallation. Der Rahmen, durch den bei Dunkelheit die Innenbeleuchtung scheint, besteht aus kalligrafierten Koransuren, die in nahezu abstrakte Formen aufgelöst wurden.

Das bedeute aber nicht, dass es einen Zwang gebe, sich den Baustile der europäischen Moderne anzupassen, betont die Frankfurter Professorin. Die Auseinandersetzung mit und aktive Entwicklung von Bau- und Kunststilen als Weg zur Reflektion der eigenen Identität könne zu einem Element einer wechselseitigen Integration werden, ohne dass dies in einer kulturellen oder religiösen Profillosigkeit münden müsse.


Informationen: Prof. Bärbel Beinhauer-Köhler, Religionswissenschaft, Fachbereich Evangelische Theologie, Campus Westend, Tel: (069) 798- 32948, Beinhauer-Koehler@em.uni-frankfurt.de; Forschung Frankfurt 1/2010 kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de
Weitere Informationen: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/dok/2010/07Moscheen.pdf
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