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"Revolution" in der Geburtshilfe seit 50 Jahren

04.06.2010 - (idw) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

1960: Erster Einsatz der Fetalblutanalyse an der Neuköllner Frauenklinik

Vor genau einem halben Jahrhundert setzte der "Vater der Perinatalmedizin", Professor Erich Saling, an der damaligen städtischen Frauenklinik Neukölln erstmals eine Methode ein, mit der der Zustand des Ungeborenen während der Geburt beurteilt werden konnte. Durch die Entnahme und Analyse eines Blutstropfens von der Kopfhaut des Kindes wurden seither zahlreiche Geburtsschäden vermieden. Prof. Klaus Vetter, heutiger Leiter des Perinatalzentrums am nun zum Vivantes-Klinikkonzern gehörenden Neuköllner Krankenhaus, betont die fortdauernde Bedeutung: "Auch wenn die Fetalblutanalyse heutzutage nur noch in bestimmten Fällen angewendet wird, kann sie zur Vermeidung von riskanten Not-Entbindungen oder kindlichen Behinderungen immer noch eine große Rolle spielen, insbesondere in Kombination mit weiteren diagnostischen Verfahren."

Die Fetalblutanalyse (auch Mikroblutuntersuchung am Feten oder "Saling-Methode" genannt) dient dazu, den Säurewert des kindlichen Blutes festzustellen. Dies geschieht während der Geburt, wenn der Muttermund bereits leicht geöffnet ist. Der pH-Wert gibt Auskunft darüber, ob das Kind im Mutterleib an einer Übersäuerung des Blutes leidet und somit Gefahr besteht, dass es bleibende Schäden bekommen wird. Ein Sauerstoffmangel des Kindes kann durch Plazenta-störungen, Nabelschnurkomplikationen, überlange Geburtsdauer oder bestimmte Grunderkrankungen der Mutter entstehen.
Vor der "Erfindung" der Fetalblutanalyse konnte bei unsicheren Verdachtsmomenten nur eine notfallmäßige vorzeitige Entbindung vorgenommen werden, die für Mutter und Kind oft mit Problemen verbunden war. Heute wird, wenn die Fetalblutanalyse eine "ungesunde" Blutzusammensetzung des Kindes zeigt, die medizinische Betreuung daran orientiert und nicht selten ein Kaiserschnitt vorgenommen. Auf diese Weise kann rechtzeitig eingegriffen werden, um zum Beispiel eine bleibende Anämie zu vermeiden oder eine Rhesusfaktor-Unverträglichkeit zu behandeln.

"Vor 50 Jahren wurde also die Geburtshilfe auf den Kopf gestellt", erklärt Prof. Vetter, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ist. Denn zuvor kümmerten sich die Frauenärzte zwar um die Mutter, das Ungeborene aber galt als "unantastbar". Die Fetalblutanalyse war die wichtigste Erweiterung der Möglichkeiten, das Kind während des Geburtsvorganges zu untersuchen. Sie war zugleich der "Startschuss" der Perinatalmedizin (perinatal = "um die Geburt herum"). Zahlreiche Ärzte aus aller Welt "pilgerten" seit den 60er Jahren zur Geburtsklinik in Neukölln, um diese und andere Techniken dort zu erlernen.

In den folgenden Jahrzehnten wurden weitere Methoden entwickelt, um den Gesundheitszustand des Kindes im Verlauf der Schwangerschaft zu überwachen. Dazu zählen zum Beispiel Ultraschalldiagnostik und gegebenenfalls Fruchtwasseruntersuchungen.
Von den zwischenzeitlich ausprobierten Techniken aber, WÄHREND der Geburt zu schauen, ob es dem Kind gut geht, wurden fast alle wegen mangelnder Effektivität wieder verworfen. Neben der Fetalblutanalyse ist im wesentlichen nur eine allerdings sehr nützliche übrig geblieben: Die Kardiotokographie (CTG). Damit werden gleichzeitig die kindliche Herzschlagfrequenz und die Wehentätigkeit aufgezeichnet.
Heutzutage wird die Fetalblutanalyse wesentlich seltener eingesetzt als in früheren Jahren, vor allem dann, wenn das CTG unklare Auffälligkeiten zeigt. "Das ändert aber nichts an der Bedeutung der Fetalblutanalyse, nicht nur historisch, sondern bis zum heutigen Tag als Symbol der gezielten medizinischen Fürsorge für das Ungeborene", sagt Prof. Vetter.


Ansprech-/Interviewpartner:
Prof. Dr.med. Klaus Vetter
Vivantes Klinikum Neukölln, Perinatalzentrum
Rudower Straße 48, 12351 Berlin
Tel.: 030/13014-8486
klaus.vetter@vivantes.de

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