Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMittwoch, 24. September 2014 

Augustinus Studientag 2010

26.07.2010 - (idw) Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz

Kostbar ist mir jeder Tropfen Zeit
Der achte Würzburger Augustinus-Studientag stand im Zeichen der Zeittheorie. Die Zeitanalyse, die der heilige Augustinus Ende des 4. Jahrhunderts im elften Buch seiner Confessiones / Bekenntnisse vorlegte, hat seither Denker aller nachfolgenden Epochen bis in unsere Gegenwart herauf inspiriert. Martin Heidegger zählte diese neben der von Aristoteles und der von Kant zu den drei bahnbrechenden Reflexionen auf das Wesen der Zeit, welche in der abendländischen Philosophie überliefert wurden. Unter dem Rahmenthema Was ist Zeit? beschäftigte sich am 18. Juni 2010 der achte Würzburger Augustinus-Studientag mit der Antwort des Bischofs von Hippo; deren philosophische und biblische Voraussetzungen wurden dabei ebenso berücksichtigt wie Aspekte ihrer Wirkungsgeschichte und Anfragen seitens der modernen Naturwissenschaften. Gemeinsam mit mehreren Instituten der Hochschule wurde die Tagung vom Zentrum für Augustinus-Forschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (ZAF), zu dessen Projekten auch das von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz betreute Augustinus-Lexikon gehört, ausgerichtet. Mit mehr als 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, darunter der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann, stieß der diesjährige Studientag auf ein bisher nicht dagewesenes Interesse der Öffentlichkeit.
Cornelius Mayer, der wissenschaftliche Leiter des ZAF, rühmte in seiner thematischen Einführung den zeitlosen Zauber und spirituellen Reichtum der augustinischen Zeittheorie, der in der engen Verflechtung biblischer wie (neu-)platonisch-philosophischer Reflexionen seine Grundlage habe. Diesen beiden Voraussetzungen waren die beiden ersten Referate gewidmet.
Der Philosoph Walter Mesch (Universität Münster) führte in Grundzüge der antiken Zeittheorie ein und skizzierte damit den philosophiegeschichtlichen Kontext der augustinischen Reflexionen. Das Thema Zeit hat die Philosophen von Anfang an beschäftigt, belegte der Referent mit Verweisen auf die Vorsokratiker Anaximander, Parmenides und Heraklit die von letzterem geprägte Metaphorik (Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss) diene bis auf den heutigen Tag als Ausdruck für das Vergehen der Zeit.
Einen ersten Schwerpunkt legte Mesch auf die kosmologische Zeittheorie Platons. Dieser verstand die Zeit als ein bewegtes Abbild der Ewigkeit: Die vergehende Gegenwart der Zeit bildet demzufolge die bleibende Gegenwart einer Ewigkeit ab, in der alles zeitlos zugleich ist. Bei Plotin, der die platonische Zeittheorie weiterführt, treten die psychologischen Voraussetzungen der Zeittheorie in den Vordergrund. Bei Aristoteles sei gegenüber Platon eine Akzentverschiebung zu verzeichnen, die ihren Grund in der Neubewertung der Bewegung habe. Demnach ist für Aristoteles die Zeit Zahl bzw. Maß der Bewegung nach früher und später.
Der Alttestamentler Theodor Seidl (Universität Würzburg) gab einen Überblick über Einteilung und Bedeutung der Zeit im Alten Israel. Die Zeiteinteilung der hebräischen Bibel sei auch für unsere heutige Zeiteinteilung noch bestimmend. Im Unterschied zur griechischen Philosophie gehe es aber nicht abstrakt um Zeit an sich, sondern Zeit werde immer konkret und relational thematisiert. Die Einteilung der Zeit diene im Alten Israel stets dem Einzelnen und der Gemeinschaft. Im Besonderen verwies Seidl auf die Institution des Ruhetages, den Sabbat, womit sich Israel gegenüber seinen benachbarten Kulturen auszeichne.
Im Mittelpunkt des Studientages stand der Vortrag Gott und die Zeit in Augustins Confessiones des Philosophen Norbert Fischer (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt). Den Rahmen von Augustins Analyse des Phänomens Zeit im elften Buch der Bekenntnisse bildet die Auslegung des biblischen Schöpfungsberichtes (Genesis 1). Der Interpretation des Kirchenvaters zufolge erklärt sich die Schöpfungstat Gottes aus dem unbedürftigen Reichtum seiner Liebe, in der er will, dass auch Anderes als er sei. Doch wie hat der ewige Gott eine zeitliche Schöpfung hervorbringen können, da es im Ewigen kein Vorher und Nachher gibt? Eine Lösung des Problems erhofft sich der Kirchenvater von der Untersuchung, was Zeit überhaupt sei. Bei objektiver Betrachtung scheine der Zeit zunächst kein Sein zuzukommen. Vielmehr tendiere die Zeit zum Nichtsein, da Zukünftiges noch nicht, Vergangenes nicht mehr, Gegenwärtiges aber ausdehnungslos ist. Mit der Nichtigkeit des Zeitlichen mag der Kirchenvater sich freilich nicht abfinden, zumal ihm die Selbsterfahrung zeigt: Kostbar ist mir jeder Tropfen Zeit (conf. 11,2). So setzt er in einem neuen Anlauf bei der Gegenwart des Vergangenen in der Erinnerung, der Gegenwart des Gegenwärtigen in der Anschauung und der Gegenwart des Zukünftigen in der Erwartung an. Augustinus weise damit dem menschlichen Geist eine konstitutive Funktion für das Sein der Zeit zu, so Fischer: Ein Sein des Zeitlichen gibt es nicht ohne das Sein der Seele. Eine Präzisierung erfolge mit Augustins Definition der Zeit als distentio animi, als Erstreckung des Geistes. Der endliche Geist erstrecke sich auf die begegnenden Dinge, doch ohne sie dauerhaft bewahren zu können weswegen er auf die Liebe Gottes angewiesen bleibe, von der er hoffe, dass diese sein eigenes Bemühen vollendet und dem Zeitlichen dauerhaft Sein verleiht. Für Fischer bestätigen diese Untersuchungen Augustins über das Sein der Zeit die Einsicht, dass nur in der Dialektik von Freiheit und Gnade eine Schöpfung denkbar ist, die das Lob Gottes trotz der Übel in der Welt möglich macht.
Einen Zugang zur Zeitanalyse Augustins aus dezidiert phänomenologischer Perspektive unternahm Friedrich-Wilhelm von Herrmann (Universität Freiburg im Breisgau). Im Sinne der phänomenologischen Methode, die dem Leitsatz Zu den Sachen selbst folgt, haben deren bedeutendste Vertreter Edmund Husserl und Martin Heidegger in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Vorgehensweise des hl. Augustins als eine Vorgestalt ihres je eigenen Fragens nach der Zeit gewürdigt. Sein philosophierendes Zeitverstehen habe Augustinus im Ausgang vom natürlich-alltäglichen Zeitverständnis entwickelt, erläuterte von Herrmann und zitierte dazu die berühmt gewordenen Sätze aus den Confessiones: Wenn mich niemand danach fragt, was die Zeit ist, dann weiß ich es (in meinem natürlichen Zeitverständnis). Wenn mich aber jemand fragt und ich es ihm begrifflich erklären soll, dann weiß ich es nicht (conf. 11,17). Augustinus suche in seiner Zeitanalyse Antwort auf zwei Fragen: nach dem Sein der Zeit und nach ihrem Wesen. Als entscheidend für den augustinischen Ansatz stellte von Herrmann die Wahl des Zeitwahrnehmens als Leitfaden heraus. Anhand dessen sei der Kirchenvater zu der Erkenntnis gelangt, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Seinsweise nicht absolut zukommt, sondern nur im Rückbezug auf die zeitverstehende Seele des Menschen. Die bereits beschriebene Dehnung der Zeit im Wahrnehmungsverlauf führe Augustins Analyse zurück auf drei ursprüngliche, wesenhaft zusammengehörige Zeitverhaltungen des Geistes: das erwartenden Vorhalten des Noch-nicht-Jetzt, das Sichrichten auf das aktuelle Jetzt und das erinnernde Zurück- bzw. Behalten des Nicht-mehr-Jetzt.
Aus der Sicht der modernen Physik konfrontierte der Theologe und Mathematiker Wolfgang Achtner (Universität Gießen) die Theorie des Kirchenvaters mit der Frage nach der Richtung der Zeit. Der Interpretation Achtners zufolge sieht Augustinus die Realität der Zeit im Subjekt nur in der Gegenwart. Damit werde der Zeit die Richtung und letztlich auch die Realität abgesprochen. In einem historischen Abriss zeigte Achtner, wie die augustinische Zeittheorie im Mittelalter durch die aristotelische ersetzt und die Subjektivierungsthese der Kritik unterzogen wurde. Eine Richtung der Zeit kannten freilich weder die klassische Physik Newtons noch die Allgemeine bzw. Spezielle Relativitätstheorie. Erst in der Physik der Thermodynamik werde die Richtung der Zeit durch das Entropiewachstum festgelegt. Offen ließ der Referent die Frage, ob die Zeitri

uniprotokolle > Nachrichten > Augustinus Studientag 2010
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/201655/">Augustinus Studientag 2010 </a>