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Wieder mehr zur "eigentlichen" Arbeit kommen - Mobile Multimedia-Arbeitsplätze und ihre Chancen

11.07.2003 - (idw) ISF München - Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V.

Das nun abgeschlossene Forschungsprojekt MAP erarbeitete Grundlagen einer erweiterten Form von Mobilität: e-mobility. Sie bietet den Arbeitenden neue Chancen, zu ihrer "eigentlichen" Arbeit "vor Ort" zu kommen, etwa auf der Baustelle oder am Krankenbett. Das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung - ISF München untersuchte dabei die Frage: Wie ist diese Technik zu gestalten, damit gerade die genuin menschlichen Qualitäten der Arbeit unterstützt werden?

Über drei Jahre lang arbeiteten Forscherinnen und Forscher aus Forschungsinstituten, Software- und Beratungsfirmen an dem Projekt "Multimedia-Arbeitsplatz der Zukunft" (MAP), einem Leitprojekt des Bereichs "Mensch-Technik-Interaktion in der Wissensgesellschaft" mit dem Projektträger DLR Multimedia, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft. Am 30.6.2003 wurde es nun erfolgreich abgeschlossen. Die Projektleitung hatte die Alcatel SEL AG inne, beteiligt waren unter anderem Siemens, das Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung, die CAPCom Technologie Beratung Entwicklung und Vertrieb AG, aber auch Technische Universitäten, RechtswissenschaftlerInnen - und das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München) in Zusammenarbeit mit dem Extraordinariat Sozioökonomie der Arbeits- und Berufswelt an der Universität Augsburg.

Es geht um die Grundlagen einer erweiterten Form von Mobilität, bei der nicht nur die Arbeitenden, sondern vor allem die Daten und Programme mobil sind. Büro und Arbeitsplatz immer dabei zu haben, unabhängig vom Endgerät, also auf dem Handy, dem Palm oder dem Laptop; dabei Aufgaben wie zum Beispiel Terminvereinbarungen oder Auswahl von Angeboten an "agentenbasierte", weitgehend selbstständig agierende Programme zu delegieren - das ist das Leitbild der "e-mobility". Solche künftigen Multimedia-Arbeitsplätze werden nicht nur die Möglichkeit bieten, Arbeiten aus der Distanz zu erledigen. Sie können auch die Chance auf Nähe eröffnen, dass nämlich die Nutzenden mehr zu ihrer "eigentlichen" Arbeit "vor Ort" kommen - am Pflegebett ebenso wie auf der Baustelle. Dort sind besonders nicht-formalisierbare, genuin menschliche Fähigkeiten gefragt: "informelle" Kommunikation, erfahrungsgeleitetes Handeln, Bewältigung komplexer, nicht im Voraus planbarer Situationen.

Wie kann man die Technik der MAP so gestalten, dass gerade diese genuin menschlichen Qualitäten unterstützt werden? Dies war eine der zentralen Fragen für die sozialwissenschaftlichen Arbeitsanalysen von Sabine Pfeiffer (ISF München). Einige Ergebnisse:

Es ist notwendig, die Bedürfnisse der künftigen Nutzerinnen und Nutzer - und damit diese selbst! - frühzeitig in die Technikentwicklung einzubeziehen. Herkömmliche Ansätze der Software-Ergonomie reichen nicht aus.

"Informelle" Funktionen sind zu berücksichtigen. So kann zwar ein agentenbasiertes System die lästige Aufgabe beispielsweise einer Terminaushandlung selbsttätig erfüllen. Mit einem Telefongespräch zur Terminvereinbarung können jedoch wichtige informelle Ziele verbunden sein: Kontakt zu halten, Feedback zu bekommen, einen Anlass für Nachfragen zu haben oder zu bieten usw. Diese Möglichkeiten sollten nicht technisch durchkreuzt werden.

Bei der Delegation von Aufgaben an elektronische Agenten sind "Vertrauen" und "Transparenz" Schlüsselbegriffe. In der Technikentwicklung wird es entscheidend darauf ankommen, die Nutzerinnen und Nutzer als aktive, lernende Subjekte zu begreifen und die Funktionsweise des Agenten für sie transparent zu gestalten. Nur dann können sie die Systeme wirklich souverän nutzen.

Wie eine human orientierte Arbeitsorganisation im Rahmen von MAP aussehen kann, gehörte ebenfalls zu den Themen der sozialwissenschaftlichen Begleitforschung am ISF München. Denn die "klassischen" Fragen der humanen Arbeitsorganisation: Ort, Zeit, Pausen, Arbeitsteilung, Kooperation liegen bei "e-mobility" zunehmend im Gestaltungsbereich der einzelnen Beschäftigten und können kaum mehr stellvertretend an eine Berufsgenossenschaft etc. delegiert werden. Die technischen Systeme können hier eine unterstützende Rolle spielen und humane Arbeitsorganisation begünstigen oder erleichtern. Gerade in diesem Punkt besteht noch großer Forschungsbedarf.

Veröffentlichungen aus dem Projekt:

Pfeiffer, Sabine (2002): mobileWork - Arbeit in Bewegung. In: Alcatel SEL Stiftung für Kommunikationsforschung; Forum soziale Technikgestaltung (Hrsg.): Mobile Arbeitswelten: Soziale Gestaltung von "Electronic Mobility", Mössingen-Talheim, S. 121-131.

Pfeiffer, Sabine (2001): information@WORK. Neue Tendenzen in der Informatisierung von Arbeit und vorläufige Überlegungen zu einer Typologie informatisierter Arbeit. In: I. Matuschek u.a. (Hrsg.): Neue Medien im Arbeitsalltag, Wiesbaden, S. 237-255.
Pfeiffer, Sabine (2001): OnLine - not on the Leash - Neue Formen mobilen informatisierten Arbeitens aus soziologischer Perspektive. In: M. Weiss; W. Schröter (Hrsg.): arbeit 21 - online mobil. MAP - Multimedia Arbeitsplatz der Zukunft, Darmstadt, S. 28-31.

Rückfragen bitte an Frank Seiß, ISF München
Tel. 089/272921-78
Fax 089/272921-60
frank.seiss@isf-muenchen.de
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