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Die Pille gegen Depression? Antidepressiva: Vorurteile, Vorteile und Vorsicht

14.10.2010 - (idw) Stiftung Deutsche Depressionshilfe

7. Europäischer Depressionstag - Pressekonferenz am 13. Oktober 2010 in Berlin Berlin, 13. Oktober 2010 Antidepressiva sind hochwirksame Medikamente, die bei mittelschweren bis schweren Depressionen in Kombination mit Psychotherapie lebensrettend und lebensqualitätverbessernd sind. Sie sind in ihrer Wirkung der von Placebos klar überlegen und haben in der Regel nur milde und vorübergehende Nebenwirkungen. Antidepressiva machen nicht abhängig und verändern auch nicht die Persönlichkeit. Häufig glauben Patienten auch, sie würden durch die Medikamente nur ruhig gestellt, auch das ist nicht so, sagte Prof. Dr. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Universitätsmedizin Berlin anlässlich des 7. Europäischen Depressionstages (16. Oktober 2010). Sie seien auch wesentlich wirkungsvoller als natürliche Mittel wie etwa homöopathische Arzneien - ausgenommen Johanniskraut bei leichten Depressionen. Antidepressiva, wie zum Beispiel die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI = Selective Serotonin Reuptake Inhibitor) gleichen den Serotoninstoffwechsel bei depressiv erkrankten Menschen aus. Neuere Untersuchungen belegen, dass bereits nach zwei Wochen der Erfolg eines Antidepressivums verlässlich abgeschätzt werden kann.

Die meisten Antidepressiva beeinflussen die Serotonin- und Noradrenalinregulation im Gehirn und führen so über verschiedene molekularbiologische Schritte in den Gehirnzellen, den Neuronen, zu einer veränderten Proteinbildung. Diese führt dann wiederum durch noch nicht genau verstandene Vorgänge zum Verschwinden der depressiven Beschwerden. Ganz neue Antidepressiva und solche, die sich noch in der Entwicklung befinden und sehr vielversprechend erscheinen, wirken über die Regulation von Hormonen im Gehirn, wie zum Beispiel den Stresshormonen, depressionslösend. Die Antidepressiva sind im Laufe der letzten Jahre immer weiter verbessert worden, so dass die neuen Präparate zwar nicht unbedingt wirkungsvoller sind als die älteren, schon seit 60 Jahren bekannten, wohl aber viel besser verträglich. Dennoch: als hochwirksame Medikamente sollte man sich ausführlich mit einem Psychiater besprechen, welches Medikament in welcher Dosierung empfehlenswert ist und nie sollte man von sich aus ein Antidepressivum einfach erhöhen oder absetzen.

Um das richtige Antidepressivum für den Patienten zu finden, auf dem Markt sind ungefähr 20 unterschiedliche Mittel, ist es wichtig, die genaue Symptomatik der Depression, den Schweregrad, das Alter des Patienten, das Nebenwirkungsprofil sowie Begleiterkrankungen und die positive Bewertung des Medikaments durch den Patienten zu beachten. Erwartungen der Patienten an eine medikamentöse Therapie mit einem Antidepressivum sind zumeist: positiver Einfluss auf die Krankheit und die Lebensqualität, Reduzierung der Beschwerden, möglichst geringe Nebenwirkungen. Ebenso muss das Handling einfach sein.

Der Einsatz von Antidepressiva kann bei einer ersten depressiven Episode häufig noch kurzfristig sein. Bei einer zweiten oder weiteren depressiven Episode ist häufig eine langfristige medikamentöse Behandlung erforderlich. Diese kann bis zu mehreren Jahrzehnten dauern. Gibt es insgesamt bei der Behandlung keinen durchgreifenden Erfolg, so muss die Medikation spezifiziert werden. Das bedeutet, es wird zum Beispiel ein Medikament aus einer anderen Wirkklasse verwendet (es gibt insgesamt 6 Wirkklassen), oder es werden noch andere Medikamente, die keine Antidepressiva sind oder ein nichtmedikamentöses Verfahren, wie zum Beispiel die Elektrokonvulsionsbehandlung, eingesetzt.

Beim Einsatz von Antidepressiva ist vor allem der persönliche Kontakt zum Patienten wichtig. Neben der Information über das Krankheitsbild, die therapeutischen Möglichkeiten, die Therapiedauer und mögliche Nebenwirkungen sollten auch immer die Angehörigen mit einbezogen werden und die Motivation des Patienten im Mittelpunkt stehen. Eine gemeinsame Strategie auf den Pfeilern von indikationsgerechter Psychotherapie und Pharmakotherapie bietet dabei die besten Chancen, die Depression erfolgreich zu behandeln.


Ansprechpartnerin

Prof. Dr. Isabella Heuser
Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Universitätsmedizin Berlin
isabella.heuser@charite.de
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