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Prof. Dr. Manfred Rose: "Das deutsche Steuersystem ist ein Wachstumskiller"

22.07.2003 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Heidelberger Finanzwissenschaftler hält leidenschaftliches Plädoyer für ein nachhaltiges Steuersystem: "Steuern dürfen Investitionen nicht beeinträchtigen!" - Abschlussvorlesung nach 33 Jahren Lehre und Forschung an der Universität Heidelberg - Nach Kroatien jetzt auch in Bosnien: Die von Prof. Rose entwickelte "Heidelberger Einfachsteuer" wird in die Praxis umgesetzt

Das deutsche Steuersystem ist im Kern eine Fehlkonstruktion: "Würde man es konsequent anwenden, ginge der Wirtschaft die Luft zum Atmen aus", konstatiert der Heidelberger Finanzwissenschaftler Prof. Dr. Manfred Rose. Erst die Vielzahl an Ausnahmeregelungen - Rose spricht von "Atemlöchern" - ermögliche den Unternehmen zu überleben. Ein System jedoch, das aus sich heraus immer neue Ausnahmen produziere, sei unübersichtlich, ungerecht und unkalkulierbar. "Es ist ein Wachstumskiller ersten Grades." Die Folgen: Arbeitslosigkeit und leere öffentliche Kassen.

In der letzten Vorlesung vor seiner Emeritierung - Prof. Rose lehrte und forschte 33 Jahre an der Ruprecht-Karls-Universität - hielt der Finanzwissenschaftler ein leidenschaftliches Plädoyer für ein völlig neues Steuersystem. "Die gegenwärtige Steuervielfalt muss endlich in ein überschaubares Steuersystem überführt werden", forderte der Wissenschaftler. Zudem sei es notwendig, die Kernelemente einer neuen Steuergesetzgebung langfristig abzusichern: "Nur bei einer verlässlichen Besteuerung können Bürger und Unternehmen ihre langfristigen Planungen optimal gestalten." Im Unterschied zu heute: Wegen der ständigen Änderungen der Steuergesetze müsse der Steuerzahler "immer wieder erleben, dass seine ökonomische Planung falsch war".

In seinem Vortrag zeichnete Rose die Konturen eines neuen Steuersystems. Ein wesentliches Element liegt darin, die Vielfalt der bestehenden Steuerarten im wesentlichen auf die beiden Hauptsäulen Mehrwertsteuer und Einkommensteuer zu reduzieren. "Die Körperschaftsteuer und die Gewerbesteuer können entsorgt werden, weil der Unternehmensgewinn wie der Lohn des Arbeitnehmers über die neue Einkommensteuer besteuert wird", führte der Finanzwissenschaftler aus. Für die künftige Einkommensteuer nennt er drei Kriterien: der Bürger muss sie als fair empfinden, sie darf die Investitionsentscheidungen der Unternehmen nicht beeinträchtigen und sie muss einfach zu handhaben sein.

Nach Roses Worten müssen vor allem "zwei Unruheherde" beseitigt werden. Zum einen sollten Steuern nicht mehr als lenkungspolitisches Instrument eingesetzt werden: "Das Steuern mit Steuern muss aufhören." Der zweite Unruheherd liegt darin begründet, dass die gegenwärtige Besteuerung des persönlichen Einkommens und der Unternehmensgewinne "maßgeblich an einem falschen Leitbild orientiert ist".

Das heute gültige Leitbild geht davon aus, dass die Steuerlast mit der Steuerzahlung identisch ist. "Ein gewaltiger Irrtum", wie Rose am Beispiel der Gewinnbelastung eines mittelständischen Unternehmens verdeutlicht. Bei einem formalen Steuersatz von 35 Prozent beträgt die Gesamtlast mehr als 70 Prozent, also mehr als das Doppelte. Die Ursache hängt damit zusammen, dass "Saatgut und Ernte" des Unternehmers Jahr für Jahr erneut besteuert werden: Da der Gewinn versteuert wird, steht dem Unternehmer weniger Eigenkapital für Investitionszwecke zur Verfügung. Der aus neuen Gewinnen folgende Eigenkapitalzuwachs - die unternehmerische Ernte - fällt im nächsten Jahr zwangsläufig niedriger aus. Da die neuen Gewinne - obwohl sie aus einem versteuerten Kapital stammen! - wiederum von der Steuer erneut voll erfasst werden, setzen sich der Saatgut-Ernte-Vernichtungseffekte fort. Dieser Prozess läuft Jahr für Jahr ab.

Die Folge ist ein beständiger Anstieg der Steuerlast. Rose: "Bei den derzeitigen Steuersätzen übersteigt die normale Belastung der Unternehmensgewinne sogar die 80-Prozent-Grenze - für Investitionen eine unerträgliche Bedingung." Um die Last abzumildern habe der Staat deshalb auch zahlreiche Ausnahmeregelungen geschaffen - eben jene "Atemlöcher", die ein Unternehmen zum Überleben brauche - die aber aus dem deutschen Steuersystem "einen Schweizer Käse gemacht haben".

Um die steuerlichen Unruheherde zu beseitigen, schlägt Rose ein neues Steuerleitbild vor. Dessen Kerngedanke liegt darin, von der jährlichen Sichtweise der Steuerberechnung abzurücken. Nach dem neuen Leitbild bezieht sich die Einkommensbesteuerung nicht mehr nur auf einen - im Grunde willkürlichen - Zeitabschnitt, nämlich das Jahr, sondern orientiert sich an der Lebenszeit des Bürgers. Ausgehend von diesem neuen Leitbild stellte Rose die von ihm entwickelte "Heidelberger Einfachsteuer" vor. Sie belastet jeden Beitrag zum Lebenseinkommen eines Bürgers nur einmal - und zwar langfristig einheitlich mit 25 Prozent. "Dies ist nicht nur fair, sondern auch mit der Marktwirtschaft verträglich. Es käme deshalb zu einem beachtlichen Investitionsschub und hierüber zur Schaffung neuer Arbeitsplätze, die wir so dringend brauchen."

Die Heidelberger Einfachsteuer hat sich in der Praxis bereits bewährt. "Ein Vorläufermodell wurde in Kroatien implementiert und hat sich dort als äußerst funktionstüchtig erwiesen", führte Rose aus. "Erst vor wenigen Wochen hat auch das Parlament des Distrikts Brcko in Bosnien ein Gesetz beschlossen, mit dem Heidelberger Einfachsteuer nahezu eins zu eins eingeführt wird." Die Parlamentarier und auch die dortige Steuerverwaltung seien insbesondere von der Einfachheit der neuen Einkommensteuer beeindruckt gewesen.

"Das Heidelberger Modell ist keine Utopie, sondern eine realisierbare Option für Deutschland", konstatiert der Finanzwissenschaftler - der auch weiterhin für die Einfachsteuer werben will. Jüngster Erfolg ist die "Fuldaer Resolution" vom 26. Juni - ein gemeinsamer Appell an die Bundesregierung von DIHT sowie prominenten Vertretern aus Steuerwissenschaft, Steuerpraxis, Steuerrechtsprechung und Finanzverwaltung. Das Papier, von Rose mitverfasst, enthält die Kernpunkte der Heidelberger Einfachsteuer.

Nähere Informationen: www.einfachsteuer.de

Rückfragen bitte an:

Prof. Dr. Manfred Rose
Alfred Weber-Institut
Forschungsstelle Marktorientiertes Steuersystem
Zeppelinstr. 151, 69121 Heidelberg
Tel. 06221 545091, Fax 545094
info@einfachsteuer.de

allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse
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