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Essen und Trinken im Gottesdienst

02.11.2010 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Welche Rolle spielen Essen und Trinken im Zusammenhang heutiger Gottesdienstformen? Das untersucht der Würzburger Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs in einem neuen Forschungsprojekt. Vor allem die evangelischen Kirchen bieten ihm dafür reichlich Nahrung. Essen und Trinken und der christliche Glaube: Wie geht das denn zusammen? Geht das überhaupt zusammen? Fallen den meisten Menschen in diesem Zusammenhang nicht eher die Fastengebote der christlichen Kirchen ein: 40 Tage vor Ostern, am Freitag kein Fleisch, nüchtern zur Kommunion? Auch das Abendmahl steht zumindest in der katholischen Kirche nicht für Genuss. Die Hostie ist schließlich kein Symbol für leibliche Nahrung, sondern für die Gegenwart Christi.

Und doch: Das Wesen des Christentums ist miteinander essen, wie es der Bibelwissenschaftler Franz Mußner formulierte. Jesus war regelmäßig Gast, hat mit den Menschen gegessen und getrunken und dabei seine Lehre verkündet. Und ist mit diesem Verhalten anscheinend mehr als einmal angeeckt: Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagt ihr: Dieser Fresser und Säufer!, heißt es zum Beispiel im Lukas-Evangelium.

Viele Angebote in der evangelischen Kirche

Inwieweit dieses Miteinander-Essen heute noch eine Rolle in der Kirche spielt, untersucht der Liturgiewissenschaftler Professor Guido Fuchs von der Universität Würzburg in einem neuen Forschungsprojekt Ma(h)l anders. Sowohl bei der katholischen als auch der evangelischen Kirche, aber auch bei freikirchlichen Gemeinden und darüber hinaus sucht er nach Angeboten, bei denen die Teilnehmer eines Gottesdienstes auch in den Genuss von Essen und Trinken kommen. Fündig geworden ist er schon nach kurzer Zeit.

Vor allem in der evangelischen Kirche gibt es viele Gottesdienstangebote, die mit einem Essen und Trinken verbunden sind, sagt Fuchs. Eine Brötchenandacht am Morgen, eine Abendmahlfeier im Rahmen eines gemeinsamen Essens oder eine Kirche, die im Winter gleich für mehrere Wochen zum Treffpunkt für Wohnungslose wird: Die Kirchenbänke weichen dann langen Tischen, an denen die Gemeindemitglieder Essen, Gespräche und Beratung anbieten eine andere Art von Gottesdienst, wie es von den Verantwortlichen der Stuttgarter Vesperkirche gesagt wurde. Kreativ sind die Protestanten häufig auch bei der Namensgebung für solche Angebote: Brunch & Pray oder Bet und Breakfast heißen einschlägige Angebote. Reformierte Christen in der Schweiz laden zum Dix mange!, also zum Gottesdienst und Frühstück um 10 Uhr ein in Anspielung auf Dimanche, den Sonntag.

Katholische Kirche tut sich schwer

Die katholische Kirche hingegen tut sich schwer mit der Verbindung von Nahrung für Seele und Körper. Dementsprechend rar sind die Angebote dort. Eine solche Verbindung ist bei uns nicht vorgesehen. Es wird vielmehr auf eine klare Trennung zwischen Liturgie und Mahl geachtet auch etwa im Zusammenhang einer Agape, erklärt Fuchs, Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Würzburg, das Fehlen. Außerdem sei das Konfliktpotenzial wegen der Sakramentalität des gottesdienstlichen Mahles wohl zu groß.

Wohl auch deshalb ist für den Katholiken ein Gottesdienst, bei dem vorne am Altar ein Schokobrunnen sprudelt und im rückwärtigen Bereich der Kirche ein kaltes Büffet wartet, wie er ihn im Sommer zusammen mit Studenten in einer Evangelischen Kirche erlebt hat, zumindest gewöhnungsbedürftig. Ein wenig neidisch könne er allerdings werden, wenn er sieht, wie viele Menschen auch junge solche Angebote wahrnehmen.

Die Abtrennung des Mahls von der Eucharistie geschah schon früh, doch bis ins 5. Jahrhundert hinein wurde in Kirchen zu bestimmten Gelegenheit auch gegessen und getrunken, erklärt Fuchs. Heutige Kirchen-Mähler wie das berühmte Weihnachtsmahl mit den Armen in der römischen Basilika Santa Maria in Trastevere greifen also auf ganz alte Tradition zurück, so der Wissenschaftler. Kirchenrestaurants und -cafés, die es in manchen Gotteshäusern inzwischen gibt, brächten diese Zusammenhänge auf andere Weise zum Ausdruck.

Momentan sind zwei studentische Hilfskräfte damit beschäftigt, Daten zu sammeln. Das ist nicht ganz einfach; schließlich gibt es keine zentrale Stelle, die solche Angebote erfasst. Finanziell unterstützt wird das Projekt Ma(h)l anders dabei von dem Hamburger Verein Andere Zeiten, der unter anderem die Aktion zur Fastenzeit Sieben Wochen anders leben gestartet hat.

Ziel der Untersuchung ist es, in einem klar umrissenen Bereich der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland danach zu schauen, inwieweit dieses Miteinander-Essen jeweils in liturgischer Form oder in Verbindung mit Gottesdiensten zum Tragen kommt. Eine solche Aufarbeitung und Darstellung gibt es nach Fuchs` Worten bislang nicht.

An anderer Stelle hat Guido Fuchs bereits Interesse für das Thema der christlichen Mahlkultur wecken können: Am Martin-Schongauer-Gymnasium in Breisach untersucht in diesem Schuljahr eine Arbeitsgemeinschaft für besonders begabte Schüler das Thema MAHL-Zeit im Rahmen des von den baden-württembergischen Kirchen ausgelobten Wettbewerbs Christentum und Kultur. Fuchs wird sie dabei unterstützen. Mit weiteren Schulen ist er im Gespräch.


Ein Buch zum Thema

Wer sich stärker für das Thema interessiert: Vor kurzem ist von Guido Fuchs das Buch Gott und Gaumen Eine kleine Theologie des Essens und Trinkens im Claudius-Verlag erschienen. In zwölf an die Monate angelehnten Kapiteln handelt es von Alltag und Fest, Genuss und Sünde, Bitte und Dank, Gastfreundschaft und Gastlichkeit, Küche und Katechese, aber auch von Verzicht und Fasten. Rezepte, beispielsweise für Paradiesäpfel, Schweinebraten Antonius oder Himmel und Erde, stellen die Verbindung zum Alltag her.

Kontakt
Prof. Dr. Guido Fuchs, Universität Würzburg, guido.fuchs@theologie.uni-wuerzburg.de oder info@liturgieundalltag.de
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