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Auswege aus dem Kooperations-Dilemma

08.11.2010 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

Wie es gelingt, Eigeninteressen zugunsten der Allgemeinheit zurückzustellen und dabei gemeinsam zu gewinnen / Aktuelle Veröffentlichung in Science FRANKFURT. Die Abholzung der Wälder, die Überfischung der Meere und Seen oder der Klimawandel lassen sich als Probleme der Nutzung von Gemeingütern beschreiben. Zu ihrer Lösung müssen hunderte bis tausende von Menschen im großen Maßstab kooperieren. Dem berüchtigten Kooperations-Dilemma zufolge, in dem jedes Individuum ausschließlich eigennützig handelt, kann es aber keine erfolgreiche Kooperation geben, solange Trittbrettfahrer die Gemeingüter auf Kosten anderer nutzen. Warum gelingt es dennoch vielen Gemeinschaften, ihre gemeinsamen Güter zu bewirtschaften? Wie entstehen unterschiedliche Grade von Kooperation und was trägt zu ihrem Erfolg bei? Diese Fragen hat der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Michael Kosfeld zusammen mit seinen Kollegen Devesh Rustagi und Prof. Stefanie Engel von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich untersucht. Das Ergebnis: Das Ausmaß an freiwilliger Kooperation zusammen mit der Kontrolle von Trittbrettfahrern spielt eine entscheidende Rolle für die erfolgreiche Bewirtschaftung von Gemeingütern.

Wie die Forscher in der am 12. November erscheinenden Ausgabe der Fachzeitschrift Science berichten, untersuchten sie für ihre Feldstudie ein bedeutendes Wald-Management-Programm in Äthiopien, welches einerseits dem Erhalt der artenreichen Ökosysteme in der Bergregion dient und gleichzeitig die Lebensgrundlage der dort lebenden Bale Oromo Bevölkerung sichert. Von besonderem Interesse war für die Forscher das Maß an bedingter Kooperation in einer Gruppe. Das bedeutet, dass Gruppenmitglieder ihr Eigeninteresse zum Wohl der Allgemeinheit zurückstellen, unter der Bedingung dass auch andere Gruppenmitglieder sich so verhalten. Zahlreiche Verhaltensexperimente mit Studierenden haben in der Vergangenheit gezeigt, dass die Bereitschaft zu bedingter Kooperation eine zentrale Rolle für die Lösung des Kooperations-Dilemmas spielt. Allerdings fehlt es bislang an Evidenz, welche diesen Zusammenhang auch im Feld mit tatsächlichen Nutzergruppen belegt. Genau diesen Nachweis wollte das Forscherteam liefern.

Die Ökonomen führten mit insgesamt 679 Mitgliedern aus 49 verschiedenen Waldnutzergruppen Kooperationsexperimente durch, in denen sie die individuelle Kooperationsbereitschaft der Gruppenmitglieder ermittelten. Sie fanden heraus, dass der Anteil der bedingt Kooperierenden in den Gruppen stark variiert, nämlich zwischen Null und 88 Prozent. In Gruppen mit einem niedrigeren Anteil an bedingt Kooperierenden fanden sie mehr Trittbrettfahrer. Um herauszufinden, welche Auswirkung das Maß an bedingter Kooperation auf die erfolgreiche Bewirtschaftung des Waldes hat, führte das Forscherteam verschiedene statistische Analysen durch. Sie zeigten, dass Gruppen mit einem größeren Anteil an bedingt Kooperierenden ihren Wald viel erfolgreicher bewirtschafteten. Dabei konnten sie als Maß für den Erfolg einer Gruppe auf die Anzahl mittelgroßer Bäume pro Hektar zurückgreifen. Diese Bäume sind für das nachhaltige Wachstum des Waldes entscheidend.

Doch warum sind die auf Kooperation bauenden Gruppen erfolgreicher? Auch darauf fanden die Forscher eine Antwort: Weil kooperative Gruppenmitglieder gleichzeitig mehr Zeit in die Überwachung ihres Waldes investieren, um eventuelle Trittbrettfahrer aufzuspüren und abzuschrecken. Eine Gruppe mit 60 Prozent bedingt Kooperierenden verbrachte monatlich im Durchschnitt 14 Stunden mehr Zeit mit Patrouillen durch den Wald als eine Gruppe ohne bedingt Kooperierende. Für Devesh Rustagi, Postdoktorand am Institut für Umweltentscheidungen der ETH zeigt dieses Ergebnis, dass bedingt Kooperierende bereit sind, ihre Ressourcen zur Kontrolle von Individuen einzusetzen, die das Gemeingut auf Kosten der Gemeinschaft ausbeuten. Dies liefert eine Erklärung dafür, dass die Möglichkeit freiwilliger, durch Nutzergruppen selbst durchgeführter Kontrollen positiv auf das Gemeingut wirkt.

Die Ergebnisse unserer Studie belegen erstmals im Feldversuch zahlreiche in Laborexperimenten gefundene Hinweise, dass bedingte Kooperation bei der Bewirtschaftung von Gemeinschaftsgütern eine Schlüsselrolle spielt, erklärt Prof. Michael Kosfeld, Leiter des Frankfurter Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Goethe-Universität. Unsere Ergebnisse schließen damit eine bisher bestehende Lücke zwischen Feld- und Laborstudien zu menschlicher Kooperation.

Die Ergebnisse werfen auch neues Licht auf die Evolution menschlichen Kooperationsverhaltens. Sie zeigen eine positive Kopplung zwischen bedingter Kooperation und der Bereitschaft, Trittbrettfahrer zu kontrollieren. Dies stimmt überein mit der Theorie der Gen-Kultur-Evolution, die ein höheres Maß an Kooperation in Gruppen vorhersagt, in denen nicht-kooperatives Verhaltens sanktioniert wird.

Aus den Ergebnissen lassen sich wichtige politische Folgerungen für die Steuerung menschlichen kollektiven Handelns ableiten, erklärt Rustagi. Weil Menschen sich in ihrer Bereitschaft zur Kooperation unterscheiden, sollte eine effektive Lösung von Problemen im Umgang mit Gemeingütern nicht nur auf Anreizen für Individuen beruhen, die allein auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Man sollte ausdrücklich auch das komplexe Wechselspiel von heterogenen Motivationen und Verhaltensnormen berücksichtigen, die eine freiwillige Kooperation begünstigen.

Prof. Stefanie Engel vom Institut für Umweltentscheidungen an der ETH Zürich schlussfolgert: Vor dem Hintergrund, das die Vereinten Nationen das Jahr 2010 zum Jahr der Biodiversität ausgerufen haben und 2011 das internationale Jahr des Waldes wird, könnte unser Ergebnis neue Wege eröffnen, um Lösungen zu Problemen des Umgangs mit Gemeingütern zu finden. Dazu zählen 18 Prozent des weltweiten Waldbestandes und ein großer Anteil der Biodiversität.

Informationen: Prof. Michael Kosfeld, Abteilung Management und Mikroökonomie, Campus Westend, Tel: (069) 798 34822, kosfeld@econ.uni-frankfurt.de

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 1914 von Frankfurter Bürgern gegründet, ist sie heute eine der zehn drittmittelstärksten und größten Universitäten Deutschlands. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Parallel dazu erhält die Universität auch baulich ein neues Gesicht. Rund um das historische Poelzig-Ensemble im Frankfurter Westend entsteht ein neuer Campus, der ästhetische und funktionale Maßstäbe setzt. Die Science City auf dem Riedberg vereint die naturwissenschaftlichen Fachbereiche in unmittelbarer Nachbarschaft zu zwei Max-Planck-Instituten. Mit über 55 Stiftungs- und Stiftungsgastprofessuren nimmt die Goethe-Universität laut Stifterverband eine Führungsrolle ein.


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