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Ahrtalgespräch 2010: Angeregte Disputation zum Thema Kommt die D-Mark wieder?

23.11.2010 - (idw) Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH

Bad Neuenahr-Ahrweiler, 23. November 2010. Die Frage, ob die D-Mark wiederkomme und ob der Euro gescheitert sei, war das Thema des diesjährigen Ahrtalgesprächs, das zum sechsten Mal im Rathaussaal der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler stattfand. Hausherr Guido Orthen, Bürgermeister und Vorsitzender des Fördervereins der Europäischen Akademie, erläuterte zur Begrüßung die Hinter-gründe der Veranstaltung: Das Ahrtalgespräch als Veranstaltungsreihe des Fördervereins der Europäischen Akademie GmbH führe die Forschung auf dem Gebiet der Ethik und Technikfolgenbeurteilung und die Praxis zusammen und diskutiere kontroverse Themen. Professor Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann, Direktor der Europäischen Akademie, machte deutlich, dass das Thema des Abends angesichts der irischen und der griechischen Finanzkrise einen konkreten Anlass hätte, da somit der Kampf um das Überleben des Euro aktuell stark diskutiert würde. Die Frage von Bundeskanzlerin Merkel, ob Europa scheitern würde, wenn der Euro scheitere, beschäftige derzeit alle Euro-Staaten. Die beiden Referenten des Abends, die Volkswissenschaftler Professor Dr. Wilhelm Hankel und Professor Dr. Karlhans Sauernheimer, hätten beide dezidierte Meinungen zum Thema: während Hankel der Auffassung sei, dass der Euro Europa sprenge, halte Sauernheimer die Einführung des Euro in der Sache für richtig.

Im ersten Statement des Abends stellte Sauernheimer seine Position dar: Als positive Entwicklung des Euro sehe er, dass der Euro wie die D-Mark preisstabil und politikunabhängig sei; negativ sei zu bewerten, dass die Geldpolitik bzgl. des Euro auf EU-Ebene geregelt würde, wohingegen die Finanz- und Lohnpolitik auf nationaler Ebene geregelt sei dadurch seien Konflikte vorprogrammiert gewesen. Sauernheimer wies außerdem auf die niedrigere Inflationsrate des Euro im Vergleich zur D-Mark hin; auch sei das Ziel der Preisstabilität der Europäischen Zentralbank gut verfolgt worden und der Euro somit keine Schwachwährung. Das Problem der Währungsunion liege jedoch unter anderem daran, dass Zinssatz und Wechselkurs einheitlich seien, die Inflationsraten aber voneinander abwichen.
Abschließend fasste Sauernheimer zusammen, dass er nicht an eine Wiederkehr der D-Mark glaube, da der politische Wille dazu fehle. Da Europa aber langfristig ökonomisch unbedeutender würde, müssten sich die europäischen Länder in der Weltgemeinschaft in jedem Fall stärker solidarisieren. Vorstellbar sei eventuell ein verkleinerter Euroblock.

Der zweite Referent, Professor Dr. Wilhelm Hankel, hält den Euro für verfassungswidrig und hat seine Klage vor dem Verfassungsgericht von 1998 nun neu aufgelegt. Er betonte als Replik auf seinen Vorredner, dass die Stabilität des Euro statistisch gesehen nicht stärker sei, da die Realeinkommen mit einbezogen werden müssten und diese nicht gestiegen seien. Da der Einkommensanstieg höher als der Realzins sei, gebe es keinen Einkommenszuwachs beim Euro, der für die Bürger spürbar wäre; lediglich bei den Banken seien die Gewinne gestiegen. Als Beispiel führte er Deutschland an, das als stabiles Euroland eine sehr geringe Investitionsrate habe, da es schwächeren Ländern helfen müsse. Der billigere Euro der schwächeren Länder ermögliche diesen außerdem, Kredite und Güter preisgünstig in Deutschland einzukaufen, womit sich innerhalb der Währungszone eine Defizitbildung entwickeln würde. Die Europäische Zentralbank, so Hankel, fördere die schwachen Länder, indem es den Zins für alle Länder einheitlich setze und keinen Strafzins vergebe.
Zusammenfassend schloss Hankel, dass Deutschland von der Einführung des Euro nicht profitiert habe, sondern ihm dadurch vielmehr geschadet wurde. Er schlug vor, die Eurozone auf sechs starke Länder zurückzustufen, um sozusagen einen D-Mark-Block unter dem Euro aufzubauen.

Während der anschließenden angeregten Diskussion der Referenten untereinander und mit dem Publikum, die von Gethmann moderiert wurde, führte Sauernheimer noch einmal aus, dass die Aufwertungen der D-Mark mit der damaligen Stabilität der deutschen Industrie zusammenhingen und der deutsche Bundestag mit 98 Prozent dem Maastricht-Vertrag zugestimmt habe, so dass das Parlament sein Abstimmungsrecht wahrgenommen habe. Als mögliche Lösung des aktuellen Konflikts schlug er vor, dass beispielsweise Griechenland eine Zeitlang aus der Währungsunion austreten solle (wie Italien 1992), da es innerhalb der EU nicht schuldenfrei werden würde.
Hankel antwortete darauf, dass es zur Einführung des Euro einer Volks- und nicht nur einer Parlamentsabstimmung bedurft hätte. Das Volk solle daher jetzt gegen den Rettungsschirm abstimmen, denn mit dem Euro hätten sich schlechte Schuldner zu guten gemacht. Er betonte, dass eine stabile Währung für die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft unabdingbar sei.

Einig waren sich beide Redner in der Beantwortung der Frage, ob die D-Mark wiederkomme: Für die alte D-Mark werde es keine Wiederkehr geben, da aber die momentane Situation in jedem Fall geändert werden müsse, sei ein kleinerer Währungsraum eine mögliche Lösung.

Die Referenten:
Statt des angekündigten Finanzwissenschaftlers Professor Dieter Spethmann führte der Volkswirtschaftler Pro-fessor Hankel die Disputation mit Professor Sauernheimer.

- Professor em. Dr. rer. pol. Karlhans Sauernheimer (Lehrstuhlinhaber a. D. der Professur für Volkswirtschaftslehre, insb. Volkswirtschaftstheorie und Direktor des Instituts für Allgemeine und Außenwirtschaftstheorie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz)
- Volkswirtschaftler Professor Dr. Wilhelm Hankel, Vorstandschef a. D. der Hessischen Landesbank und Honorarprofessor für Währungs- und Entwicklungspolitik an der Universität Frankfurt a.M.

Über die Europäische Akademie GmbH:
Die Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler gGmbH wurde 1996 vom Land Rheinland-Pfalz und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) gegründet. Direktor der Gesellschaft ist der Philosophieprofessor Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann. Wissenschaftlich-interdisziplinäre Arbeitsgruppen widmen sich der Erforschung und Beurteilung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen für das individuelle und soziale Leben des Menschen und seine natürliche Umwelt. In wissenschaftlicher Unabhängigkeit führt die Akademie einen Dialog mit Wirtschaft, Kultur, Politik und Gesellschaft. Damit will sie zu einem rationalen Umgang der Gesellschaft mit Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen beitragen. Weitere Informationen erhalten Sie über die Homepage www.ea-aw.de. Anhang

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