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Gelehrtenfamilie mit eigenem Kopf15.12.2010 - (idw) Universität Leipzig
Die Schückings - davon ist Ulf Morgenstern überzeugt - haben alle ihren eigenen Kopf, über Generationen hinweg. Der Promovend am Historischen Seminar der Universität Leipzig hat sich für seine Dissertation fünf Jahre lang mit der Familiengeschichte der künftigen Universitätsrektorin Prof. Dr. Beate Schücking befasst. Als er seine Recherchen begann, ahnte er natürlich nicht, welche Aktualität seine Doktorarbeit mit der Wahl der 54-jährigen Professorin einmal für die Universität Leipzig erlangen würde. Sie ist in der 601-jährigen Universitätsgeschichte die erste Frau in diesem Amt und nicht die erste Schücking an der Alma mater, wie Morgenstern herausfand.
Bereits Levin Ludwig Schücking, ein Großonkel der designierten Universitätsrektorin, lehrte von 1925 bis 1944 als Anglistik-Professor in Leipzig. Neben den Juristen Walther und Lothar Engelbert Schücking war er der jüngste von drei Brüdern, die alle zum Bildungsbürgertum gehörten und wegen ihrer linksliberalen Haltung oft aneckten. Beate Schücking ist die Enkeltochter des Völkerrechtlers Walther Schücking, der 1930 zum seinerzeit einzigen deutschen Richter an den Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag berufen wurde. Mit ihrer neuen Tätigkeit an der Spitze der Universität Leipzig reiht sie sich ein in eine Riege starker Frauen ihrer Familie, die auch schon Jahrzehnte zuvor in Männerdomänen vorgedrungen sind: Die Tochter des ältesten Schücking-Bruders Lothar Engelbert beispielsweise war in den 1950er Jahren die erste Richterin in Deutschland, ihre Schwester - eine Veterinärmedizinerin
- die weltweit erste Schlachthof-Direktorin. "Sie haben damals rein männliche Berufswelten aufgelöst, ähnlich wie jetzt Frau Prof. Schücking", sagt Morgenstern, der auch darin den "Schückingschen Eigensinn" sieht. Die künftige
Rektorin selbst habe diesen Charakterzug ihrer Familie "Quergeist" genannt.
Morgensterns Dissertation soll im kommenden Jahr als Buch erscheinen. Für das 720 Seiten starke Werk recherchierte der junge Historiker in ganz Deutschland, besuchte Nachfahren der drei Schücking-Brüder und bekam viele wichtige Informationen aus dem umfangreichen Nachlass von Levin Ludwig Schücking, der damals als einer der führenden Anglisten Deutschlands galt. Auf ihn war Morgenstern bei der Recherche für eine Publikation über die Geschichte der Anglistik an der Universität Leipzig gestoßen. Als der 32-Jährige begann, sich mit der Schückingschen Familiengeschichte zu befassen, kam ihm irgendwann die Idee, seine Dissertation zu diesem Thema zu schreiben.
"Beim Durchsehen des Nachlasses habe ich gemerkt, dass da noch viel mehr drin steckt", berichtet der Historiker. Er fand unter anderem heraus, dass ein weiteres Mitglied der Gelehrtenfamilie Rektor einer Universität war: Im Jahr 1431 stand der Karmelitermönch Johannes Schücking für ein Jahr an der Spitze der Kölner Universität. "Ich habe geschmunzelt, als nun wieder der Name Schücking in Verbindung mit dem Rektorenamt im Gespräch war. Größere Zufälle kann es kaum geben ", erinnert sich Morgenstern.
Für den Historiker ist die Recherche rund um die Gelehrtenfamilie beendet. Seine Dissertation hat er vor kurzem mit "Summa cum laude" verteidigt. In wenigen Wochen wechselt er als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur
Otto-von-Bismarck-Stiftung nach Friedrichsruh bei Hamburg und wird Leipzig den Rücken kehren. "Dann fängt bald ein neues Schückingsches Kapitel in Leipzig an", sagt Morgenstern. Prof. Dr. Beate Schücking wird voraussichtlich im März kommenden Jahres ihr neues Amt an der Spitze der Alma mater antreten.
Weitere Informationen:
Ulf Morgenstern
Telefon: +49 341 97-37092
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