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Das Stigma vom Heimkind erforschen

22.12.2010 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Soziologen und Historiker der Universität Jena ergründen die soziale Lage der ehemaligen DDR-Heimkinder in Thüringen Sein Leben kenne keine andere Jahreszeit als den Winter, schreibt Peter Wawerzinek in Rabenliebe. Dem Schriftsteller wurde dieses Jahr für seinen autobiographischen Bericht über die Kindheit in einem DDR-Waisenhaus der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen. Doch nicht jedem ehemaligen Heimkind stehen die Mittel der Literatur zur Verfügung, sich die Dämonen der Vergangenheit von der Seele zu schreiben. Wissenschaftler vom Jenaer Zentrum für empirische Sozial- und Kulturforschung eine Forschungseinrichtung der Universität Jena nehmen deshalb nun die einstigen Thüringer Heime unter die Lupe. Unter der Leitung des Soziologen Prof. Dr. Michael Hofmann wollen sie erforschen, wie es den Heimkindern heute geht und wie es ihnen in der DDR-Zeit ergangen ist.

Wir möchten die Heime in ihrer Gesamtheit erkunden, sagt die Historikerin Dr. Agnès Arp, die zur siebenköpfigen Forschungsgruppe gehört. Erforscht werden sollen die Einweisungsgründe in die Heime, die Lebensbedingungen in den Häusern und die Folgen für das spätere Leben. Im Vordergrund standen Umerziehung und militärische Disziplin, sagt Agnès Arp. Die Jugendlichen in den Heimen konnten in der Regel nur eine wenig anerkannte Teilfacharbeiterausbildung absolvieren, was die Chancen im späteren Leben erheblich verringerte Heimkind gewesen zu sein war ein Stigma.

Allein in Thüringen habe es etwa 110 Heime gegeben: sogenannte Durchgangsheime, normale Kinderheime, Spezial-Heime und Jugendwerkhöfe, sagt Arp. Wie viele Kinder und Jugendliche in diesen Heimen gelebt haben, das entzieht sich bislang den Kenntnissen der Wissenschaftler, die ihr Projekt im vorigen Monat begonnen haben. Doch schon jetzt können sie sagen, dass es einstigen Heimbewohnern schwerfällt, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Agnès Arp sagt, es gebe aber ein großes Interesse des Thüringer Sozialministeriums, dieses Kapitel der Geschichte zu erforschen. Ein Impuls dazu sei von dem Caritas-Mitarbeiter Manfred May gekommen. May steht Opfern der SED-Diktatur als Gesprächspartner zur Verfügung, er hat bereits mit über 300 ehemaligen Heimkindern über ihre Erfahrungen im Heim gesprochen.

Projektleiter Michael Hofmann betont, es gehe der Forschungsgruppe keineswegs um eine Vorverurteilung der DDR-Heime: Wir möchten uns ein möglichst objektives Bild vom Leben in den Heimen machen. Deshalb haben die Wissenschaftler damit begonnen, Archivmaterial aus den Jahren 1949 bis 1990 auszuwerten. Außerdem werden Zeitzeugen befragt. Das sind nicht nur ehemalige Heimkinder, sondern es sollen auch Heimleiter, Erzieher und andere Mitarbeiter der einstigen Heime gehört werden.

Wer selbst im Heim gelebt oder gearbeitet hat und die Arbeit der Wissenschaftler der Uni Jena unterstützen möchte, wende sich an Dr. Agnès Arp, Tel.: 03641 / 944499, E-Mail: ddr-kinderheimprojekt@uni-jena.de.

Kontakt:
Prof. Dr. Michael Hofmann
Jenaer Zentrum für empirische Sozial- und Kulturforschung der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Bachstraße 18k, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945050
E-Mail: Michael.Hofmann[at]uni-jena.de

Dr. Agnès Arp
Historisches Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena
August-Bebel-Straße 4
07743 Jena
Tel.: 03641 / 944499
E-Mail: apilleularp[at]gmx.de Weitere Informationen: http://www.ddr-kinderheimprojekt.uni-jena.de/index.html http://www.uni-jena.de
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