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Tod durch Manipulation

01.08.2003 - (idw) Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften

Gemeinsames Forschungsvorhaben des Berufsgenossenschaftlichen Instituts für Arbeitsschutz - BIA und des BG-Instituts Arbeit und Gesundheit in Dresden

(bgi) - Den Mensch vor dem Menschen schützen! - Dieser Herausforderung muss sich auch der Arbeitsschutz zunehmend stellen. In einem neuen Forschungsprojekt untersucht deshalb das Berufsgenossenschaftliche Institut für Arbeitsschutz (BIA), warum sich Arbeitnehmer in größte Gefahr begeben, indem sie Schutzeinrichtungen am Arbeitsplatz manipulieren - mit zum Teil tödlichen Folgen.

Wir alle haben es schon erlebt: Statt des eben noch verführerischen Duftes leicht gerösteten Weißbrotes verbreitet sich der scharfe Geruch nach Verkohltem - der Auswurfmechanismus des Toasters klemmt! Also her mit dem Messer, den kleinen Schutzengel im Ohr "Vorher Stecker ziehen!" überhört und den Schaden bei laufendem Gerät behoben... Oft braucht es gar nicht viel, damit wir auch größte Sicherheitsbedenken bereitwillig über Bord werfen. Dies trifft leider auch dort zu, wo die potenziellen Gefahren ungleich größer sind: an Maschinen und Anlagen in der Industrie.

Im Arbeitsschutz verlässt man sich nicht auf den gerne ignorierten Schutzengel im Ohr; hier sichern Schutzeinrichtungen wie Lichtschranken, Laserscanner, Zustimmeinrichtungen aber auch Schutzzäune und -türen Gefahrenstellen an Maschinen, wie beispielweise den Zugang zu einem großen Drehautomaten: Dieser ist nämlich nicht nur in der Lage, schwere Metallteile in Form zu bringen, sondern zerquetscht mit derselben Leichtigkeit auch einen ausgewachsenen Mann! Wie jüngst geschehen, als ein Positionsschalter an der Schiebetür vor dem Bearbeitungsraum umgangen wurde. Dadurch konnte der Maschinenbediener bei geöffneter Tür arbeiten. Dabei wurde er an der Kleidung erfasst und in die Maschine gerissen. Dies kostete ihn sein Leben.
"In den Betrieben werden Schutzeinrichtungen offenbar gezielt manipuliert", so Michael Schaefer, Leiter des Fachbereichs Unfallverhütung - Produktsicherheit im BIA. "Darauf deuten Unfalluntersuchungen der gewerblichen Berufsgenossenschaften hin."
Laut Statistik des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften ereigneten sich in den Jahren 1996 bis 2000 ca. 680.000 Unfälle an Maschinen, von denen 385 tödlich verliefen. Bei 40 Prozent dieser Unfälle war technisches Versagen die Ursache. 41 Prozent (277.663 Unfälle) passierten bei der Bedienung scheinbar fehlerfrei arbeitender Maschinen. Schaefer vermutet folgende Gründe hinter dieser unerwartet hohen Zahl: falsche Absicherung, Dunkelziffer technischen Versagens und ein bislang nicht näher bekannter Anteil durch Fehlverhalten und Manipulation. Diese Zahlen werden auch durch eine Statistik der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untermauert, die 50 Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle Verhaltensfehlern zuschreibt.

Gemeinsam mit dem Schwesterinstitut Arbeit und Gesundheit (BGAG) in Dresden geht das BIA deshalb der Frage nach, wann, wo, wie und warum an Maschinen manipuliert wird. Dabei werden nicht nur bekannt gewordene Manipulationsfälle ausgewertet; mit Hilfe eines eigens entwickelten Fragebogens sollen neben technischen Ursachen insbesondere auch die persönlichen Beweggründe für die Manipulation ermittelt werden. "Gezielte Gegenmaßnahmen können wir nur ergreifen, wenn wir die Gründe kennen, und hierbei", mutmaßt Schaefer, "dürfte die Benutzerfreundlichkeit von Maschinen und Sicherungssystemen eine ganz wesentliche Rolle spielen. Wenn es gelingt, dem Menschen schon bei der Planung von Maschinen und Geräten mehr Aufmerksamkeit zu schenken, sollte der Wunsch nach Manipulation der Technik erst gar nicht entstehen!"

Ansprechpartner: Dr. Michael Schaefer, Tel.: 02241 / 231-2640

E-Mail: michael.schaefer@hvbg.de
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