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RUB-Medizin startet Studie: Sanfte Sedierung durch Inhalieren

02.08.2003 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Die Arbeitsgruppe Inhalative Sedierung am St. Josef-Hospital, Universitätsklinik der RUB, verfolgt einen neuen Ansatz in der Intensivmedizin: Desfluran, ein dampfförmiges Narkosemittel, das sich im OP bewährt hat, soll nun auch bei beatmeten Intensivpatienten der Atemluft beigemischt werden. Am 4. August startet die Studie, um zu prüfen, inwieweit unter dieser "Inhalativen Sedierung" Eigenatmung zugelassen und unterstützt werden kann - bei gleichzeitig ausgeschaltetem Bewusstsein.


Das Logo der AG Inhalative Sedierung Bochum, 01.08.2003
Nr. 243


Sanfte Narkose einfach inhaliert
Studie mit weltweit einmaligem Verfahren startet
RUB-Medizin: Neuer Ansatz in der Intensivmedizin


"Ich dachte, ich läge in einem Sarg", beschreibt eine Patientin ihre Erfahrung völliger Hilflosigkeit, als sie auf einer Intensivstation mit Beatmungsschlauch im Mund aufwachte und sich nicht bemerkbar machen konnte. Je nach Krankheitsbild haben bis zur Hälfte der Intensivpatienten Wahrnehmungen während der Beatmung, was zu dauerhaften psychischen Störungen führen kann. Verantwortlich dafür sind Probleme mit der Steuerung der Sedierung, einer leichten Narkose, die für eine künstliche Beatmung notwendig ist. Die Arbeitsgruppe Inhalative Sedierung am St. Josef-Hospital, Universitätsklinik der RUB, verfolgt nun einen neuen Ansatz: Desfluran, ein dampfförmiges Narkosemittel, das sich wegen seiner guten Steuerbarkeit im OP bewährt hat, soll nun auch bei beatmeten Intensivpatienten der Atemluft beigemischt werden. Am 4. August startet die Bochumer Arbeitsgruppe um Prof. Dr. med. Heinz Laubenthal (Direktor der Klinik für Anaesthesiologie am St. Josef-Hospital) eine Studie, um zu prüfen, inwieweit bei dieser "Inhalativen Sedierung" Eigenatmung zugelassen und unterstützt werden kann - bei gleichzeitig ausgeschaltetem Bewusstsein.

Neues Konzept: Inhalative Sedierung

Derzeit erfolgt die Sedierung von beatmeten Intensivpatienten überall auf der Welt durch eine intravenöse Infusion von Medikamenten. Die Studie "Augmentierende Beatmungsformen unter Inhalativer Sedierung mit Desfluran im geschlossenen System" läuft einen Monat. Die Eigenatmung ist der Schlüssel des neuen Forschungsprojektes. Bislang war eine gezielte individuelle Unterstützung (Augmentierung) der Eigenatmung bei gleichzeitiger Inhalation von Narkosemitteln nicht möglich, da dem Intensivmediziner hierfür nur Beatmungsgeräte aus dem OP zur Verfügung standen, die für eine Unterstützung der Eigenatmung nicht ausgerüstet waren. Bei Operationen in tiefer Narkose ist Eigenatmung ohnehin nicht vorhanden.

Technologietransfer und Innovation: das Anästhesie-Arbeitsplatzsystem "Zeus"

In ihrem Projekt nutzen die Bochumer Forscher ein speziell entwickeltes Beatmungsgerät der Firma Dräger Medical: das Anästhesie-Arbeitsplatzsystem "Zeus", das beides kann: Es unterstützt die Eigenatmung der Patienten und dosiert Desfluran bedarfsgerecht. Kernstück des Geräts ist eine Turbine, die in ein geschlossenes Atemsystem integriert ist. Kohlendioxid, das der Patient abatmet, wird gebunden, gleichzeitig erhält der Patient nur soviel Sauerstoff, wie er tatsächlich verbraucht. Die Konzentrationen an Sauerstoff und Desfluran werden über automatische Regelkreise stabil gehalten.

Unterstützende Beatmung im geschlossenen System

Die Arbeitsgruppe von Dr. med. Andreas Meiser und Dr. med. Clemens Sirtl hinterfragt das eingefahrene Denken: Die Ärzte wollen die Vorteile flüchtiger Substanzen nutzen, um Nebenwirkungen zu reduzieren. Meiser optimistisch: "Ich sehe keinen Grund, warum augmentierende Beatmungsformen mit einem Anästhesiegerät im geschlossenen Atemsystem nicht genauso gut funktionieren sollen wie mit herkömmlichen offenen Intensiv-Beatmungsgeräten, bei denen die gesamte Ausatemluft in die Umgebung abgegeben wird."

Flüchtige Substanzen ohne Nebenwirkungen

Die Substanzen, z. B. Desfluran, beeinträchtigen nicht den Stoffwechsel, die Patienten können sie sehr schnell wieder abatmen. Schäden an inneren Organen wie Leber oder Nieren sind damit ausgeschlossen. Patienten wachen rascher auf, sobald die Substanzen nicht mehr inhaliert werden, zudem ist das Aufwachen besser vorhersagbar als bei intravenösen Mitteln. Dies konnten die Forscher bereits in einer Studie belegen, die im März 2003 im "British Journal of Anaesthesia" erschien.

Sicher ausgeschaltetes Bewusstsein

Die AG konnte ebenfalls zeigen, dass bei der inhalativen Sedierung Faktoren wie Größe, Gewicht, Leber- und Nierenfunktion der Patienten keine Rolle spielen. Alter, Alkoholkonsum und Medikamentengebrauch sind in weit geringerem Maße zu berücksichtigen als bei der herkömmlichen Sedierung. Die Gefahr, flüchtige Substanzen über- oder unterzudosieren ist damit wesentlich geringer. "Für die inhalative Sedierung genügen Konzentrationen an Desfluran, die halb so hoch sind wie die im OP gebräuchlichen. Bei diesen Konzentrationen ist Spontanatmung vorhanden und dennoch ist das Bewusstsein sicher ausgeschaltet", sagt Meiser. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Wirkspiegel der Substanzen im Gehirn jederzeit als Konzentration in der ausgeatmeten Luft ablesbar ist. Um sicher zu stellen, dass die Patienten keine Wahrnehmungen und keine Erinnerungen an die Beatmung haben, setzen die Forscher aufwändige EEG-Verfahren ein: Damit bemerken sie frühzeitig, ob ein Patient womöglich aufwacht, und können dies verhindern.

Weitere Informationen

Dr. med. Andreas Meiser, Klinik für Anaesthesiologie, St. Josef-Hospital, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, Gudrunstr. 56, 44791 Bochum, Tel. 0234/509-3210, Mobil: 0173/ 5190376, Fax: 0234/509-2737, E-Mail: andreas.meiser@rub.de, Internet: http://www.ruhr-uni-bochum.de/anaesthesiesjh

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