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Uni Bremen: Samizdat - Alternative Kultur aus der Grauzone/ Ausstellung über Untergrund-Materialien

29.05.2002 - (idw) Universität Bremen

Vom 6. Juni bis 25. August zeigt die Bremer Samizdat-Ausstellung im Nationalmuseum in Prag oppositionelle politische und literarische Werke sowie künstlerische Arbeiten des Untergrunds aus der ehemaligen Sowjetunion, Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und der DDR. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des tschechischen Präsidenten Václav Havel. Besondere Bedeutung gewinnt diese Schirmherrschaft vor dem Hintergrund, dass bei der Ausstellung auch verbotene Abschriften der Theaterstücke von Václav Havel gezeigt werden.


Ungewöhnlich ist auch die Form der Ausstellung: Die Ausstellungstische gleichen kleinen Archipeln, die symbolisch die geheimen "kleinen Welten" darstellen, die durch Samizdat geschaffen wurden.
Das Prager Nationalmuseum zeigt die außergewöhnliche Samizdat-Ausstellung Geheime Zeitungen, verbotene Bilder, verfemte Theaterstücke - dies alles ist Samizdat. Der Begriff Samizdat kommt aus dem Russischen und meint alle literarischen Texte, Dokumente der Menschenrechtsbewegung und Werke der bildenden Künste, die jenseits der staatlichen Zensur in den sozialistischen Ländern verbreitet wurden. Die Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen hat in den vergangenen Jahren ein weltweit anerkanntes Archiv an Samizdat zusammengetragen. Nach der erfolgreichen Präsentation der Bremer Samizdat-Ausstellung in Berlin folgt die Forschungsstelle Osteuropa nun der Einladung des Nationalmuseums in Prag. Vom 6. Juni bis 25. August zeigt die Ausstellung mit rund 400 Exponaten oppositionelle politische und literarische Werke sowie künstlerische Arbeiten des Untergrunds aus der ehemaligen Sowjetunion, Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und der DDR. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des tschechischen Präsidenten Václav Havel. Besondere Bedeutung gewinnt diese Schirmherrschaft vor dem Hintergrund, dass bei der Ausstellung auch verbotene Abschriften der Theaterstücke von Václav Havel gezeigt werden.

Die Bestände der mehr als 100.000 Dokumente umfassenden Samizdat-Sammlung der Bremer Forschungsstelle stammen zum Teil aus Nachlässen bekannter russischer Persönlichkeiten wie etwa Lew Kopelew. Ein vergleichbares Archiv dieser Größenordnung gibt es nur noch in Stanford, USA. Vor kurzem erhielt die Forschungsstelle eine weitere Schenkung: das komplette Archiv der 1971 gegründeten Prager Jazz-Sektion. Diese Materialien haben eine außerordentliche kulturhistorische Bedeutung, die die Aktivitäten in der Grauzone zwischen staatlich kontrollierter und inoffizieller Kultur nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings" in der Tschechoslowakei dokumentieren.

Seit Mitte der fünfziger Jahre entwickelte sich in Zentral- und Osteuropa eine Reihe von Zirkeln mit dem Ziel, einen eigenen, geheimen Kulturbereich zu schaffen. Samizdat war diese parallele Kultur, in der heimlich gedruckte Zeitschriften und Aufsätze erschienen; Theatergruppen selbst erarbeitete Stücke in Kellerräumen aufführten; geheime Galerien, in denen Werke offiziell verfemter Künstler ausgestellt wurden; Rockmusik, die die Freiheitssehnsucht der jungen Generation zum Ausdruck brachte oder auch sogenannte "fliegende Universitäten", in denen das gelehrt wurde, was seit den vierziger Jahren tabuisiert war.

Zu den Besonderheiten der Ausstellung gehören Kassiber aus russischen und polnischen Straflagern; handgeschriebene Ausgaben von Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag"; Briefe der Friedensnobelpreisträger Andreij Sacharov und Alexander Solschenizyn und Werke offiziell diskreditierter Autoren wie Leszek Kolakowski, George Orwell oder Günter Grass. Aus der ehemaligen DDR werden Bilder und Zeichnungen verbotener Künstler gezeigt. Seltenheitswert haben auch die Videofilme über eine geheimdienstliche Beschattung eines Charta 77 - Dissidenten, über inoffizielle Vernissagen in der CSSR und von Treffen der polnischen mit der tschechischen Opposition in der Tatra.

Veranstalter sind die Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen und das Tschechoslowakische Dokumentationszentrum für unabhängige Literatur in Prag. Zu sehen ist diese ungewöhnliche Ausstellung im Prager Nationalmuseum.

Weitere Informationen bei:

Prof. Dr. Wolfgang Eichwede

Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen
Tel.: (0421) 218-3687 oder 0172/422 3059
Fax: (0421) 218-3269

Heidrun Hamersky
Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen
Tel.: (0421) 218-3657 oder 0172/423 1907
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