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Dr. Leopold Lucas-Preis 2011 geht an den politischen Sozialphilosophen Avishai Margalit aus Israel

16.02.2011 - (idw) Eberhard Karls Universität Tübingen

Universität Tübingen zeichnet inspirierenden Verfechter der anständigen Gesellschaft aus Der mit 50.000 Euro dotierte Dr. Leopold Lucas-Preis für das Jahr 2011 geht an den israelischen Gelehrten, Sozialphilosophen und politischen Publizisten Avishai Margalit. Die diesjährige Preisverleihung wird am 24. Mai 2011, um 17.15 Uhr im Festsaal der Universität Tübingen stattfinden. Mit dem Dr. Leopold-Lucas-Preis zeichnet die Universität Tübingen in diesem Jahr einen jüdischen Intellektuellen, international renommierten Forscher und wissenschaftlichen Publizisten aus, der auf dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Erfahrungen, nicht zuletzt des Holocausts, des Nahostkonfliktes, aber auch anderer globaler Konflikte immer wieder nach Möglichkeiten einer grundlegenden Politik- und Gesellschaftsorientierung jenseits aller ideologischen, ethischen und religiösen Fundamentalismen sucht. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2008 hatte Margalit die renommierte Shulman-Professur für Philosophie an der Hebräischen Universität von Jerusalem inne und ist seitdem George F. Kennan-Professor am Institute for Advanced Study in Princeton (School of Historical Studies).

Der Dr. Leopold-Lucas-Preis würdigt alljährlich hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Theologie, der Geistesgeschichte, der Geschichtsforschung und der Philosophie. Er ehrt dabei insbesondere Persönlichkeiten, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wesentlich beigetragen und sich durch Veröffentlichungen um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben. Die Auszeichnung wurde 1972 von dem am 9. Juli 1998 verstorbenen Generalkonsul Franz D. Lucas, ehemals Ehrensenator der Universität Tübingen, zum 100. Geburtstag seines in Theresienstadt umgekommen Vaters, des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Leopold Lucas gestiftet.

Die Evangelisch-Theologische Fakultät vergibt den Preis alljährlich im Namen der Universität Tübingen. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten prominente Gelehrte wie Schalom Ben-Chorin (1974), Karl Raimund Popper (1981), Karl Rahner (1982), Fritz Stern und Hans Jonas (1984), Paul Ricoeur (1989), Michael Walzer (1998), André Chouraqui (1993), Moshe Zimmermann (2002), Yosef Hayim Yerushalmi (2005) und Dieter Henrich (2008) sowie Repräsentanten des religiösen und kirchlichen Lebens wie der 14. Dalai Lama

Tenzin Gyatso (1988), der polnische Erzbischof Henryk Muszynski (1997) und der evangelische Bischof Eduard Lohse (2007) oder Vertreter aus Kultur und Politik wie der frühere

senegalesische Staatspräsident und Dichter Léopold Sédor Senghor (1983) und der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (2000). Der Preisträger des vorigen Jahres war der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger.

Avishai Margalit wurde 1939 im palästinensischen Afula geboren und wuchs in Jerusalem auf. Nach dem Studium der Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Jerusalem leistete er seinen Wehrdienst in der Nahal-Fallschirmjäger-Einheit ab, die im Sechs-Tage-Krieg am 7. Juni 1967 an der Eroberung von Ost-Jerusalem beteiligt war. Nach einem Gaststudium am Queen´s College der Universität Oxford schloss er sein Studium mit einer Doktorarbeit über den kognitiven Status von Metaphern ab, die 1970 beim renommierten Philosophen, Mathematiker und Linguisten Yehoshua Bar-Hillel entstanden ist. Gleichzeitig engagierte sich Margalit vielfältig in dem Teil der israelischen Friedensbewegung, die sich im israelisch-palästinensischen Konflikt energisch für die Zwei-Staaten-Lösung einsetzt.

Margalits akademische Lehrtätigkeit begann 1970 zunächst als Lecturer, später als Senior Lecturer (seit 1973) und Associate Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem (1980), bis er schließlich 1998 die Shulman-Professur für Philosophie übernahm. Zahlreiche Gastprofessuren und ausländische Forschungsaufenthalte u.a. in Harvard, Oxford, Berlin (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung), Princeton und New York begründeten seinen Weltruf ebenso wie die regelmäßigen publizistischen Kommentare zur Weltpolitik in der New York Review of Books, von denen 1998 eine Auswahl unter dem Titel Views and Reviews als Sammelband erschienen ist. Ein Jahr später wurde er zur Horkheimer-Vorlesung nach Frankfurt am Main, 2005 zu den Tanner Lectures on Human Values nach Stanford, schließlich auf die erste Bertelsmann Professur nach Oxford eingeladen (2001/02). Seine wissenschaftliche Arbeit wurde durch zahlreiche Ehrungen international gewürdigt. So erhielt er im Jahr 2001 den Spinoza-Lens-Preis für hervorragende Beiträge zur Wertedebatte der Gesellschaft, 2007 den EMET-Preis für Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie 2010 den Israel Preis für Philosophie. Margalit war mit der 2010 verstorbenen Jerusalemer Philosophieprofessorin Edna Ullman-Margalit verheiratet, mit der er vier Kinder hat.

Im Zentrum seiner Überlegungen zur praktischen Philosophie steht die Konzeption einer anständigen Gesellschaft (The Decent Society, 1996, deutsch: Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung, 1999), die er in kritischer Auseinandersetzung mit John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit (1971) entwickelt hat. Charakteristisch für eine anständige Gesellschaft ist es nach Margalits Urteil, dass ihre schwächeren Mitglieder durch die sozialen Institutionen nicht systematisch erniedrigt, gedemütigt oder entwürdigt werden. In dieser negativen Perspektive bedeutet das Ideal einer anständigen Gesellschaft mehr als das einer zivilisierten, gewaltfreien Gesellschaft und weniger als das einer gerechten Gesellschaft. Der Verzicht auf institutionelle Demütigung erlaubt vielmehr eine realistische Politik der Würde, durch die Menschen ungeachtet ihrer Person als Menschen und nicht als Maschinen, Nummern, Tiere oder Untermenschen behandelt werden. In dieser praktisch-philosophischen Leitperspektive untersucht Margalit in vielfältigen Bezügen ebenso skeptisch wie konstruktiv die vorrangigen politischen Konsequenzen und Handlungsalternativen einer humanen Politikpraxis, die auf Entwürdigungsstrategien verzichten kann und stets darauf bedacht ist, eher das Übel in der Gesellschaft zu vermeiden als sich mit der angestrebten Verwirklichung des Guten zu überanstrengen. Mit dem Leitbild einer anständigen Gesellschaft gelingt es Margalit, jedem politischen Pragmatismus eine unverzichtbare ethisch-moralische Dimension einzuzeichnen.

Margalits Ansatz, praktische Philosophie als moralisches Regulativ politischer Grundorientierung zu veranschlagen, hat er auch in seinen weiteren Publikationen mit unterschiedlicher Akzentsetzung an aktuellen Konfliktbeispielen durchdekliniert. Dazu gehören unter anderem die Studien zu einer Ethik der Erinnerung (2002) und zu einer Theorie des politischen Kompromisses (On Compromise and Rotten Compromises, 2009) sowie seine ideologiekritische Rekonstruktion der Weltsicht, die ein fundamentalistischer Islam vom Westen hat (mit Ian Buruma: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde, 2005). In all seinen Schriften erweist sich Margalit immer wieder als ein intellektuell luzider Kommentator und Kompass in der Perspektivierung einer pragmatischen Politik, die sich grundlegend und nachhaltig am Leitbild menschlicher Würde orientiert. So wird mit der Verleihung des diesjährigen Dr. Leopold-Lucas-Preises an den politischen Sozialphilosophen Avishai Margalit ein inspirierender Verfechter der anständigen Gesellschaft und der vernünftigen Verständigung zwischen Menschen und Völkern ausgezeichnet.




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