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Geschärfter Blick durch die Kunststofflinse

15.08.2003 - (idw) Universitätsklinikum Heidelberg

Wie können "akkommodative" Linsen ihre Brechkraft verändern ? / Universitätsaugenklinik Heidelberg untersucht Leistungsspektrum


Die Kunststofflinse wird mit ihren vier Bügeln im Kapselsack befestigt. Durch Vorwärtsbewegung verändert sie ihren Brennpunkt. / Foto.: Humanoptics
Privatdozent Dr. Gerd Auffarth, Oberarzt an der Medizinischen Universitätsaugenklinik Heidelberg. / Foto: Universitätsklinikum Heidelberg Die getrübte Linse entfernen und durch eine Kunststofflinse ersetzen, die all ihre Funktionen übernimmt: Von diesem Traum sind die Augenärzte heute vermutlich nicht mehr weit entfernt. In einigen Jahren könnte eine Vielzahl der rund 600.000 Patienten profitieren, die jährlich in Deutschland am "Grauen Star" operiert werden. Denn mittlerweile werden künstliche Linsen implantiert, die den natürlichen sehr nahe kommen und vor allem ihre wichtigste Aufgabe übernehmen, nämlich die Brechkraft der Linse so zu verändern, dass durch entsprechende Beugung des einfallenden Lichtstrahls das Bild scharf auf der Netzhaut abgebildet wird.

An der Universitätsaugenklinik Heidelberg werden diese "akkommodativen Intraokularlinsen" wissenschaftlich getestet. "Bestimmte Linsentypen sind in der Lage, auf die Entfernung des jeweils fokussierten Gegenstandes zu reagieren und ihre Brechkraft anzupassen", erklärt Privatdozent Dr. Gerd Auffarth, Oberarzt an der Medizinischen Universitätsaugenklinik Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Hans Eberhard Völcker). Er weist jedoch darauf hin, dass vor einem breiten Einsatz beim Patienten - einige Linsentypen sind bereits dafür zugelassen - weitere wissenschaftliche Untersuchungen zur Effektivität und den Nachteilen der neuen Kunststofflinse erforderlich sind.

Verformbare Kunststofflinse wird in den Kapselsack eingesetzt

Nur die Akkommodation befähigt das menschliche Auge zum scharfen Sehen in Ferne und Nähe. Unscharfe Bilder auf der Netzhaut aktivieren über Nervenimpulse den Ziliarmuskel im Bereich der Iris, der die Anspannung der Ziliarfasern kontrolliert, an denen die Augenlinse aufgehängt ist. Anspannungen des Muskels bewirken eine Lockerung, stärkere Krümmung und damit höhere Brechkraft und Fokussierung. Herkömmliche künstliche Acryl-Linsen sind starr und bestenfalls so geschliffen, dass sie mehrere Brennpunkte haben. "Die neuen Linsen sind aus wasserhaltigem Acryl und deshalb verformbar", so Dr. Auffarth. Sie werden in den Kapselsack der entfernten Linse befestigt und sollen dort durch die erschlafften Ziliarfasern zur Krümmung gebracht werden.

Doch wie lässt sich messen, ob die Linsen tatsächlich die gewünschte Formveränderung durchmachen? Mit seinem Forschungsteam untersuchte Dr. Auffarth an isolierten menschlichen Augen, die im Rahmen einer Autopsie für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt worden waren, wie die verformbare Kunstlinse 1CU der Firma Humanoptics auf eine Kontraktion des Ziliarmuskels reagiert. Spezielle Filmaufnahmen demonstrierten, dass die Linse durch eine Vorwärtsbewegung ihren Fokus nach vorne verlagert und weniger ihre Krümmung vergrößert. Diese Ergebnisse konnten bei Patienten bestätigt werden.

Doch zufrieden sind die Augenärzte mit dem neuen Produkt noch nicht, denn die Naheinstellungskraft der Kunstlinse reicht bislang nicht aus, um Kleingedrucktes zu lesen. Grundsätzlich ausgeschlossen sind auch stark fehlsichtige Patienten, bei denen die Brechkraft sehr stark korrigiert werden müsste. Nicht in Frage kommen zudem Patienten, deren Linsenaufhängung geschädigt ist. Ein weiteres Problem: "Wie bei anderen Linsen kann es bei ca. 10 bis 20 Prozent der Patienten zu einem sogenannten Nachstar kommen", berichtet Dr. Auffarth. Das heißt: Das Restgewebe der entfernten Linse trübt ein und schmälert das Sehvermögen; in der Regel kann es mit dem Laser entfernt werden.

Weitere Innovationen im Test: Flüssige und dehydrierte Linsen

Inzwischen wird daran gearbeitet, die bereits breite Palette der Linsentypen um innovative Produkte zu erweitern. Ein Ansatz sieht die Verwendung von flüssigen Materialien vor: Der leere Kapselsack wird mit Silikon aufgefüllt, das im Auge hart wird. Eine weitere Variante: Eine getrocknete Hydrogellinse wird eingesetzt und quillt im Auge zur gewünschten Größe, die ggf. sogar als Medikamententräger dienen kann.

Ansprechpartner:
Privatdozent Dr. Gerd Auffarth
Universitätsaugenklinik Heidelberg
E-Mail: gerd_auffarth@med.uni-heidelberg.de
Leitstelle Ambulantes Operieren (für telefonische Anfragen): 06221 / 56 2898

Literatur:

G.U. Auffarth, D.J. Apple et. al: Moyake-Apple-Video-Analyse des Bewegungsmusters einer akkommodatoven Intraokularlinse, Der Ophthalmologe 2002, 99, S. 811 - 814
(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Information zu Grauem Star und Linsenimplantation:
http://www.dgii.org/patient/cat.html

Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter
http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/
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