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100 auf einen Streich - Taxonomen melden sich zu Wort

11.04.2011 - (idw) Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Frankfurt, 11. April 2011. In Zukunftsdebatten stehen Begriffe wie Artensterben und Klimawandel oft ganz en passant neben Vokabeln wie Globalisierung und Wachstum. Unterdessen wächst die Zahl ausgestorbener und bedrohter Arten rapide. - Mutter Natur geht es nicht gut. Die Rede ist sogar vom sechsten großen Artensterben. Doch die biologische Systematik leidet unter Fachkräftemangel. Viele Arten sterben aus, bevor sie wissenschaftlich erfasst werden können. Um ein Zeichen zu setzen, hat eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern auf einen Streich gleich 100 neue Flechtenarten aus 37 Ländern beschrieben. Das taxonomische Mammutwerk wurde jetzt in der Zeitschrift Phytotaxa veröffentlicht. Faktisch ist selbst diese Zahl nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Dr. Christian Printzen vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt. Wie seine Kollegin Prof. Imke Schmitt vom Frankfurter Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) gehört der Flechtenexperte zu dem internationalen Autorenteam. Die von Thorsten Lumbsch und Robert Lücking vom Field Museum in Chicago koordinierte Publikation soll vor allem Signalwirkung haben. Insgesamt 102 Flechtenforscher haben dazu beigetragen. Das ist die größte Expertengruppe, die jemals gemeinsam über Flechten publiziert hat, hebt der Senckenberg-Wissenschaftler hervor. Angeregt wurde das Unternehmen durch internationale Programme wie dem Census of Marine Life. Die von der amerikanischen Sloan Foundation finanzierte Volkszählung in den Meeren hat in 10 Jahren rund 250 000 marine Arten erfasst, darunter 1200 zuvor nie gesehene und bis dahin völlig unbekannte.

Einhundert - ...und noch lange nicht genug!
Schon beim Blättern in der 128-seitigen Flechten-Monografie vermittelt sich, was Vielfalt heißt: Bunte Abbildungen zeigen glatte, raue und krustige Arten von matt bis glänzend. Überraschend ästhetisch präsentieren sich kompakt-runde, faden- oder strahlenförmig verzweigte Flechtenkörper in weißen, grau-braunen, gelblichen, grünen und sogar rot-violetten Farbtönen. Dass die oftmals winzigen Organismen in völlig verschiedenen Klimazonen vorkommen, zeigt eine Karte, auf der die weltweite Verbreitung der Fundorte eingetragen ist.

One hundred new species of lichenized fungi: a signature of undiscovered global diversity titelt die Publikation und zielt damit auf die bisher noch unentdeckte Artenvielfalt. Schätzungsweise 10 bis 100 Millionen Arten existieren auf dem Planeten Erde. Rund zehn Prozent davon entfallen auf Flechten und Pilze, von denen bisher jedoch lediglich 100 000 beschrieben werden konnten.

Flechten Meister der Anpassung
Wie vielseitig Organismen generell und auch in ihrer Funktion und ihrem Nutzen sind, wird am Beispiel der Flechten deutlich: Die Tausendsassas sind in Pol nahen Gebieten maßgeblich an der Produktion organischer Substanzen beteiligt und übernehmen eine tragende Rolle im Stickstoffhaushalt der Wälder. Die Flechtenvegetation dient Tieren als Nahrung, Lebensraum und Tarnung vor Fressfeinden und dem Menschen als empfindlicher Bioindikator für die Qualität der Luft. Flechten sind aufgrund ihrer vielfältigen Naturstoffe auch für die Pharmaindustrie interessant.

Kennzeichnend für die erdgeschichtlich alte und zum Teil extrem langlebige Organismengruppe ist eine fein austarierte Symbiose zwischen Pilzen und Algen oder Cyanobakterien. Als quasi Zwei in Einem sind Flechten äußerst leistungsfähig. Selbst unwirtliche Regionen bieten den Meistern der Anpassung noch eine Option: Man findet sie oberhalb von 7000 Metern und an Extremstandorten wie der Arktis oder nahe dem Südpol, in Wüstenregionen sowie in Nebel- oder Regenwäldern.

Taxonomie - mehr als Käferborstenzählen
Imke Schmitt war an der Beschreibung der neuen Flechte Lecanora mugambii beteiligt, die in den Nebelwäldern Westkenias auf einer Höhe von 2500 Metern wächst. Bis in den Mikrometerbereich vermessen und gegen verwandte oder ähnliche Spezies abgegrenzt, steht diese neue Art nun der Wissenschaft zur Verfügung. Die Ergebnisse chemischer Untersuchungen, Angaben zum Habitat, das Funddatum und die präzisen Koordinaten des Fundorts ergänzen den Steckbrief der neu entdeckten Flechte. Doch warum beschäftigt sich die Wissenschaft mit dieser detaillierten Erfassung? Eine gute Artenkenntnis und ein Verständnis der Funktion, die eine Spezies in einem Lebensraum hat, sind die Grundlage für Natur- und Artenschutz, erklärt Imke Schmitt.

Ein Großteil solchen Wissens wurde während der letzten 200 Jahre von Taxonomen (Artenkundlern) bereitgestellt. Doch die Situation der Erde lässt die Arbeit der Experten zum Wettlauf gegen die Zeit werden. Anders als einst Carl von Linné oder Charles Darwin stehen heutige Taxonomen unter enormem Druck. Die Auswirkungen des Klimawandels und die kontinuierlich wachsende Weltbevölkerung verändern die Ökosysteme in rasantem Tempo. Die Kosten, die Nahrungsknappheit oder der Verlust bisher noch gar nicht erforschter Naturstoffe und andere, von Mutter Natur bereit gestellte Leistungen verursachen, sind derzeit noch nicht zu überschauen. Zudem ist der weitaus größte Teil biologischer Schätze noch gar nicht entdeckt, erläutert Imke Schmitt.

Gefährdete Spezies
Gegenwärtig scheinen Taxonomen jedoch selbst zur bedrohten Spezies zu werden. Obwohl ihrer Arbeit auch von Nachbardisziplinen und der Politik ein hoher Stellenwert beigemessen wird, hapert es schon bei der Ausbildung. Taxonomie und Systematik gelten als akademische Sackgasse: Die Berufsaussichten für Taxonomen sind dürftig. Die Finanzierung einzelner Projekte schafft nach Meinung etablierter Artenkundler keine Abhilfe. Taxonomie bedeute jahrelange Kleinarbeit. Dies lässt sich nur mit festen Stellen oder Langfristvorhaben verwirklichen, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft sie leider ausschließlich für die Geistes- und Sozialwissenschaften anbietet, so Christian Printzen. Auch Biologen anderer Disziplinen weisen zunehmend darauf hin, dass die Kenntnis von Genen ohne weiteres Wissen über das dazugehörige Lebewesen und sein Umfeld nicht reiche. Um den internationalen Verpflichtungen zum Erhalt der biologischen Vielfalt nachkommen zu können, bedarf es eines umfangreichen Wissens und ein Verständnis für die Zusammenhänge.

Internet basierte Datenbanken wie die der Global Biodiversity Information Facility (GBIF), die Informationen über die Verbreitung aller Arten auf der Erde bereit stellen, hinterlassen schnell den Eindruck, dass die Erfassung dieser Daten lediglich ein bioinformatisches Problem ist. Datenbanken helfen aber kaum, wenn man feststellen will, ob eine Art neu ist, erläutert Christian Printzen weiter. Die Zahl der Personen mit taxonomischer Kenntnis liegt nach Angaben der Global Taxonomy Initiative weltweit zwischen 30 000 und 40 000. Hinzu komme, so der Senckenberg-Wissenschaftler, dass die Zahl ausgebildeter Spezialisten mit 4000 bis 6000 deutlich niedriger sei und gerade Länder mit einer hohen Artendichte nur über wenige Taxonomen verfügen. Wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die Initiative Taxonomie für Stiftungsprofessuren laufen Sturm und weisen seit Jahren auf den Niedergang des unverzichtbaren Fachgebiets hin.

Und doch...
Das vermutlich schnellste Massenaussterben in der Erdgeschichte können wir Taxonomen alleine nicht aufhalten. Der Naturzerstörung kann man nur mit wissenschaftlich fundierten Argumenten entgegenwirken. Das setzt uns unter großen Druck, die Vielfalt an Arten schneller als bisher zu erfassen. Mit unserer Publikation wollen wir zeigen, dass eine internationale Zusammenarbeit und die Vernetzung von Experten hierfür eine Chance bieten, fasst Christian Printzen das Ziel des internationalen Autorenkollektivs zusammen. (dve)


Publikation: Thorsten Lumbsch et al.: One hundred new species of lichenized fungi: a signature of undiscovered global diversity, ISBN: 9781869776497

Kontakt Wissenschaft:
Dr. Christian Printzen
Tel.: 069/97075-1154
E-Mail: christian.printzen@senckenberg.d
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