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HoF-Studie: Die ostdeutschen Hochschulen und ihre DDR-Geschichte

19.04.2011 - (idw) Institut für Hochschulforschung (HoF) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Den ostdeutschen Hochschulen wurde wiederholt vorgeworfen, sich nur unzureichend mit ihrer eigenen Zeitgeschichte auseinanderzusetzen. Diese Kritik formulierte primär einen Eindruck. Das Institut für Hochschulforschung (HoF) hat es nun untersucht. Den ostdeutschen Hochschulen wurde und wird immer wieder attestiert, sich nur unzureichend mit ihrer eigenen Vergangenheit in der DDR auseinanderzusetzen: Sie hätten während des politischen Umbruchs 1989 abseits gestanden und auch in den Jahren danach kaum etwas unternommen, um ihre Rolle in der DDR glaubhaft und kritisch zu untersuchen. Durchweg fehle der Wille zur Aufarbeitung. Doch diese Kritik formuliert primär einen Eindruck, nicht das Ergebnis einer Analyse. Diese hat das Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Univeristät Halle-Wittenberg (HoF) nun vorgenommen und in zwei Forschungsberichten dokumentiert.

Zunächst erfolgt eine Sondierung des Literaturfeldes zur ostdeutschen Wissenschaftsgeschichte nach 1945: Rund 3.500 selbstständige Publikationen sind seit 1990 zu diesem Thema erschienen. Wird diese Literatur hinsichtlich des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik ausgewertet und ein Vergleich zur ehemaligen Bundesrepublik gezogen, so zeigt sich: Das Wissenschaft-Politik-Verhältnis in der DDR war durch Heteronomie charakterisiert, die zwar im Einzelfall durch Teilautonomie-Arrangements relativiert werden konnte, welche aber fortwährend prekär blieben.

Eine Bestandsaufnahme des Umgangs der 54 ostdeutschen Hochschulen mit ihrer Zeitgeschichte nimmt die von den Hochschulen initiierten Publikationen (511 selbstständig erschienene Titel) genauer in den Blick. Darüber hinaus werden Ausstellungen, Hochschulzeitschriften, Denkmäler bzw. Gedenkzeichen und die Internetauftritte ausgewertet: Diese Medien sind besonders geeignet, den Grad der Verankerung der Zeitgeschichte auch im Hochschulalltag anzuzeigen.
Die grundlegenden Daten zeigen: Es kann kein prinzipielles Desinteresse oder überwiegende Inaktivität der Hochschulen im Hinblick auf ihre Zeitgeschichte konstatiert werden. Neben den 511 Publikationen wurden seit 1990 88 Ausstellungen der Hochschulen zu ihrer eigenen Geschichte erarbeitet. 16 Gedenkzeichen und Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus und fünf zur Erinnerung an Opfer der kommunistischen Diktatur existieren an den ostdeutschen Hochschulen (neun davon stammen aus der DDR). Die Hochschuljournale der sechs traditionellen Universitäten (HU Berlin, Greifswald, Halle-Wittenberg, Jena, Leipzig, Rostock) berichten regelmäßig, forschungsbasiert und kritisch über hochschulzeitgeschichtliche Themen. Zugleich wird allerdings in den letzten Jahren eine gewisse Aversion gegenüber der publizistischen Begleitung hochschulinterner Konfliktthemen sichtbar die Universitätsjournale sehen sich zunehmend für die Imagebildung zuständig. In den Zeitschriften der anderen Universitäten und der Fachhochschulen finden sich zeitgeschichtliche Selbstthematisierungen nur selten.

Auch auf den Webseiten der Hochschulen werden die Darstellungen der Hochschulgeschichte typischerweise als Bestandteil der institutionellen Imagebildung aufgefasst. Dementsprechend zielen sie häufig auf die Vermittlung einer positiven Identität. 48 ostdeutsche Hochschulen existierten, zum Teil über Vorgängereinrichtungen, bereits vor 1990. Hier kann es verwundern, dass nur 37 von diesen die DDR-Zeit in ihrer Online-Geschichtsdarstellung thematisieren.

Eine Tiefensondierung Hochschulaktivitäten, die eigene Zeitgeschichte aufzuarbeiten, zeigt: Diese sind einerseits zwar durchwachsen und in der Regel wenig systematisch, andererseits aber durchaus weit gefächert. Insgesamt dominiert ein erratisches Vorgehen. Zumeist ausgelöst durch Hochschuljubiläen oder (seltener) Skandalisierungen gelingt es nur in Einzelfällen, Kontinuität aufrecht zu erhalten. Große Unterschiede bestehen zwischen den einzelnen Hochschultypen. Eine Konzentration der hochzeitgeschichtlichen Aktivitäten ist an den Universitäten und hier wiederum bei den traditionellen Einrichtungen festzustellen. Daneben sind aber auch deutliche Streuungen zwischen den Hochschulen eines Typs, ja selbst innerhalb einer Hochschule zu beobachten: So weisen manche sehr forschungsaktive Hochschulen unzulängliche Internetpräsentationen der eigenen Zeitgeschichte auf, während andere sehr aktiv im Ausstellungsgeschehen sind, aber auf zeitgeschichtsbezogene Skandalisierungen nicht angemessen zu reagieren vermögen.

Den Abschluss der Analyse bilden Handlungsempfehlungen. Dies folgen einem realistischen Ansatz: Wie kann unter Berücksichtigung einschränkender Rahmenbedingungen z.B. Ressourcenproblemen ein adäquater Umgang mit der hochschulischen Zeitgeschichte gefunden werden?

Bibliografische Angaben
Peer Pasternack: Wissenschaft und Politik in der DDR. Rekonstruktion und Literaturbericht (HoF-Arbeitsbericht 410), hrsg. vom Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF), Wittenberg 2010, 79 S. ISSN 1436-3550. ISBN 978-3-937573-23-6.
Download: http://www.hof.uni-halle.de/dateien/ab_4_2010.pdf

Daniel Hechler / Peer Pasternack: Deutungskompetenz in der Selbstanwendung. Der Umgang der ostdeutschen Hochschulen mit ihrer Zeitgeschichte (HoF-Arbeitsbericht 111), hrsg. vom Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF), Halle-Wittenberg 2011, 225 S. ISSN 1436-3550. ISBN 978-3-937573-24-3.
Download: http://www.hof.uni-halle.de/dateien/ab_1_2011.pdf
Die wichtigsten Ergebnisse: http://www.hof.uni-halle.de/dateien/ab_1_2011_zus.pdf

Printausgaben der Arbeitsberichte können beim Institut für Hochschulforschung (HoF) bestellt werden: institut@hof.uni-halle.de

Ansprechpartner
Prof. Dr. Peer Pasternack (peer.pasternack@hof.uni-halle.de)
Daniel Hechler M.A. (daniel.hechler@hof.uni-halle.de) Weitere Informationen: http://www.hof.uni-halle.de/aktuelles.htm http://www.hof.uni-halle.de/dateien/ab_4_2010.pdf http://www.hof.uni-halle.de/dateien/ab_1_2011.pdf

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