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Wieso stirbt Jesus in Oberammergau? - Internationale Tagung zur Passion Christi an der Goethe-Univer

30.06.2011 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

Was macht das Heilige Grab in Görlitz? Wieso stirbt Jesus in Oberammergau? Und warum sieht man hinter dem Kreuz Jesu eine venezianische Landschaft? Den Erinnerungsorten der Passion Christi geht eine internationale Tagung an der Goethe Universität in Frankfurt vom 8. bis 10. Juli nach. Die Passion Christi ist eine der Erzählungen, die die Kultur Europas am stärksten geprägt haben. Noch unser heutiges Verständnis von Leid und Erlösung ist von ihr bestimmt. Das Erinnern der Passion ist mit der Topographie Jerusalems verknüpft etwa dem Ölberg, Golgatha oder der Grabeskirche; in der Passionsfrömmigkeit wird sie jedoch mit der Lebenswelt der Gläubigen verschmolzen. Dies untersucht die von den Frankfurter Kunsthistorikern Prof. Hans Aurenhammer und Privatdozentin Daniela Bohde organisierte Tagung Räume der Passion: Raumvisionen, Erinnerungsorte und Topographien des Leidens Christi in Mittelalter und Früher Neuzeit, zu der Forscher der unterschiedlichsten Disziplinen aus ganz Europa, Israel und den Vereinigten Staaten kommen.

Die Tagung wird vom Kunstgeschichtlichen Institut und dem Zentrum für Historische Geisteswissenschaften der Goethe-Universität veranstaltet und von der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung sowie von der Frankfurter Benvenuto Cellini-Gesellschaft unterstützt. Sie findet auf dem Campus Westend, Casino (Raum 1.801), von Freitag (8. Juli) ab 10 bis Sonntag (10. Juli) 14 Uhr statt, auch die interessierte Öffentlichkeit ist zur Teilnahme eingeladen.

Seit dem Spätmittelalter war es Aufgabe der Gläubigen, die Leiden Christi nach zu erleben. Ein Hilfsmittel dafür war, nach Jerusalem zu pilgern und Orte seiner Martern aufzusuchen, die in Kultstätten umgewandelt wurden. Gebete vor Ort wurden mit Sonderablässen belohnt. Doch auch für die, die nicht weit reisen konnten, gab es Mittel, das eigene Sündenkonto abzubauen. In der Osterliturgie, in Prozessionen und Passionsspielen wurde das Leiden Christi so konkret nachgeahmt, dass die Gemeindekirche oder die eigene Stadt zu einem zweiten Jerusalem wurde. Man baute Heilige Gräber oder Kalvarienberge, die das Heilige Land dauerhaft in das Abendland transferierten. Aufgabe der Künste war, solche Räume herzustellen, die die Gläubigen virtuell nach Golgatha und andere Marterstätten versetzen. Bildwerke, Architekturen, Texte und Passionsspiele appellierten an die Imaginationsfähigkeit der Frommen. Vor allem wurde von ihnen verlangt, der Passion Christi einen Ort in ihrem Herzen einzuräumen. Das eigene Innere wurde zum eigentlichen Ort, in dem sich die Passion abspielte.

Dieses Spannungsverhältnis von Verinnerlichung und Veräußerlichung war ein entscheidender Rahmen für die Entwicklung der Künste in Mittelalter und Früher Neuzeit. In den altdeutschen druckgraphischen Passionszyklen etwa von Lucas Cranach d. Ä. oder Albrecht Dürer gibt es einerseits die Tendenz die Passion in allen Details darzustellen, andererseits deutet ein Künstler wie Albrecht Altdorfer das Geschehen nur an, und lässt dem Betrachter viel Raum, es in seiner Vorstellung zu ergänzen. Auch in der venezianischen Malerei eines Giovanni Bellini entstehen weite Passionslandschaften, in denen der Betrachter imaginär herumschweifen kann. Wenige Jahre später provoziert der Freskant Giovanni Antonio da Pordenone mit seinen extravaganten Raumkonstruktionen im Dom von Cremona die Betrachter. Die Bilder, Drucke oder Manuskriptillustrationen gestalten mit ihren Raumdarstellungen ihrerseits ganz unterschiedliche Räume: öffentliche Kirchen, private Kapellen, Mönchs- und Nonnenzellen oder Studierstuben.

Ob sich die Vorstellungen vom Raum der Passion im Protestantismus änderten, ist eine weitere Frage, die die Tagung untersucht. Außerdem geht es um die soziale Funktion von Passionsfrömmigkeit. Christus in seinem Leiden nachzufolgen, war nicht nur die allgemeine Aufgabe aller Christen. Besonders wurde dies vom Delinquenten vor seiner Hinrichtung gefordert, er sollte sich an der Duldsamkeit Christi orientieren und hatte dann eine Chance wie der gute Schächer, der mit Christus gekreuzigt wurde, trotz seiner Sünden ins Paradies zu kommen. Hinrichtungsstätten wurden deshalb als ein zweites Golgatha inszeniert.


Informationen: Privatdozentin Daniela Bohde, Kunstgeschichtliches Institut, Campus Bockenheim, Tel. (069) 49 084 284, bohde@kunst.uni-frankfurt.de, Weitere Informationen: http://www.kunst.uni-frankfurt.de
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