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Privatisierte Krankenhäuser im Spannungsfeld zwischen Ethik und Ökonomie

29.08.2011 - (idw) Universität Witten/Herdecke

Ein aktueller Sammelband vermittelt ethische Perspektiven auf einen kontroversen Gegenstand Wer als Patient in ein Krankenhaus zur Behandlung geht, vertraut darauf, dass ihm dort geholfen wird von Ärzten und Pflegenden. Diese Helfer sollen kompetent behandeln und sich dem Patienten in seiner individuellen Hilfsbedürftigkeit zuwenden. Medizinethisch gesehen enthält solche Zuwendung sowohl Achtung als auch Fürsorge. Patienten sind durch ihre Notlage Abhängige und die Helfer dürfen diese Abhängigkeit nicht für ihre eigenen finanziellen oder seelischen oder welche Interessen auch immer ausnutzen. Der Gesundheitsnutzen für den Patienten sollte im Mittelpunkt stehen. Diese ethische Grundnorm gerät unter Stress, wenn Krankenhäuser eine Rendite erwirtschaften müssen, wie das bei privatisierten Kliniken der Fall ist. Denn dann bestehen verständliche Anreize, den finanziellen Gewinn in den Mittelpunkt zu stellen. So beschreibt Prof. Dr. Matthias Kettner, Medizinethiker an der Universität Witten/Herdecke, das Problem. Mit Kollegen anderer Fächer hat er ein Buch (s.u.) zum Thema herausgegeben.

Dieses Problem stellt Kettner zufolge zumindest eine weitere Belastung der professionellen Verantwortung dar, die die helfenden Berufe, Ärzte und Pflegende gegenüber ihren Patienten wahrzunehmen haben. Private Krankenhausträger, die keinen Gemeinnützigkeits-Status haben, müssen renditeorientiert arbeiten und alle betriebswirtschaftlichen Instrumente in diesem Sinne nutzen. Dazu gehören auch Anreizsysteme, die die Handlungen und Entscheidungen von Ärzten und Pflegenden im Sinne der Unternehmensziele formen. Das ist dann ethisch problematisch, wenn diese Anreize im wesentlichen am Eigeninteresse ansetzen, denn hier geht es um die Gesundheit von Menschen, fasst Kettner seine Argumente zusammen.

Für ihn gibt es derzeit keine eindeutigen Belege dafür, dass privatisierte Krankenhäuser tatsächlich bei gleich guter Krankenversorgung kostengünstiger arbeiten oder die Versorgung sogar verbessern würden, wie Befürworter der Klinikprivatisierung gerne behaupten. Das liege freilich auch an unzureichenden Daten und Messmethoden, außerdem lassen sich die Wirkung von Fallpauschalen (DRGs) schlecht aus der Wirkung von Privatisierung herausrechnen. Aber es gibt für Kettner eine Fülle von Hinweisen, dass Pflegepersonal und Ärzteschaft beides, die Einführung der DRGs, die alle Krankenhäuser betrifft, ebenso wie Privatisierungsprozesse, die einen zunehmenden Teil der Krankenhäuser in Deutschland betrifft, als Bedrohung ihrer professionellen Identität erfahren. Im Allgemeinen argumentieren die Befürworter der Privatisierung im Krankenhausbereich damit, dass private Häuser effizienter arbeiten. Wenn das tatsächlich so wäre, dann sollten wir ethisch fordern, dass diese wertvollen Verbesserungen auch der Versorgung von Patienten in Nicht-privaten Häusern zugute kommen. Sie dürften diesen gerechterweise nicht vorenthalten werden. Da könnte der Gesetzgeber überlegen, privaten Klinikträgern eine Arte Pionierrente, eine Art Patent auf solche Verbesserungen zu bezahlen, eine zeitlich befristete Innovationsprämie. Auf diese Weise könnte das gesamte Gesundheitssystem vom Erfindungsreichtum unternehmerischer Krankenhausträger profitieren wenn es solchen echten Erfindungsreichtum dort überhaupt gibt. Das ist nämlich die Frage.

Kettner ist es wichtig, dass Ärzte und Pflegende bei der Behandlung hinreichend unabhängig bleiben vom Gewinnstreben der privaten Träger. Das heißt nicht, dass alles medizinische Wünschbare allen zur Verfügung gestellt werden müsste. Aber es muss institutionell gesichert sein, dass zwischen dem medizinisch Angezeigten und dem finanziellen Gewinninteresse auf transparente Weise abgewogen wird und der Patient nicht den Kürzeren zieht. Diese Transparenz ist für ihn derzeit nicht gegeben. Gesundheitspolitiker, die organisierte Ärzteschaft und die Repräsentanten der Pflege stehen in moralischer Mitverantwortung dafür, dass dies nicht so bleibt.

Weitere Informationen bei Prof. Dr. Matthias Kettner, 02302/926-811, matthias.kettner@uni-wh.de

Hrsg.: Heubel, Friedrich / Kettner, Matthias / Manzeschke, Arne, Die Privatisierung von Krankenhäusern:Ethische Perspektiven, ISBN: 978-3-531-17256-9

Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 1.300 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsbildung.


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