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Stolpern an der zweiten Schwelle

13.09.2003 - (idw) Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Türkische junge Männer, die Schule und Ausbildung gemeistert haben, werden seltener vom Ausbildungsbetrieb übernommen und wechseln darauf häufiger in einen anderen Beruf als die deutschen Kollegen. Bei Frauen sind die Unterschiede weniger stark ausgeprägt. Dies fanden Soziologen der Max-Planck-Institute für Bildungsforschung (Berlin) und für demografische Forschung (Rostock) heraus. Qualifikation ist trotzdem der einzige Weg.

"In Deutschland braucht man für alles ein Zeugnis, eine Bescheinigung und eine Erlaubnis", stellte ein türkischer ungelernter Arbeiter fest, der nach Jahrzehnten am Fließband entlassen wurde und seitdem arbeitslos geblieben ist. Der stark formalisierte Zugang zu Arbeitsstellen, der ihm die Zukunft verbaut, könnte für seine Kinder jedoch ein Schutz vor Diskriminierung sein. Denn bei gleicher formaler Qualifikation sollten die Kinder der eingewanderten Familien auch gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wie deutsche Absolventen. Holger Seibert, Sozialwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Dirk Konietzka vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock haben diese These gründlich überprüft und sind zu gemischten Ergebnissen gekommen. Die beiden Soziologen untersuchten Daten von 44.000 deutschen Männern und 40.000 deutschen Frauen sowie 1.555 ausländischen Männern und 1.100 Frauen, die zwischen 1976 und 1995 ihre erste Stelle nach einer Ausbildung angetreten haben.
"Das ist natürlich schon eine besondere Untergruppe der jungen Ausländer, weil wir nur die Jugendlichen untersucht haben, die sowohl die Schule als auch eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben", betont Holger Seibert. Diese Untergruppe dürfte allenfalls geringe Sprachschwierigkeiten haben und hat bereits die erste Hürde beim Einstieg in den Arbeitsmarkt, nämlich die Konkurrenz um einen Ausbildungsplatz, gemeistert.
Seibert und Konietzka gingen daher zunächst davon aus, dass die ausländischen Absolventen keine größeren Schwierigkeiten als deutsche Absolventen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt erleben sollten.
"Die Daten haben dies aber nur teilweise belegt", erklärt Seibert. "Während sich unsere Annahmen zum Beispiel für die Südeuropäer bestätigt haben, war dies bei den türkischen Männern nicht der Fall". Berücksichtigt man verschiedene Faktoren, wie zum Beispiel den Ausbildungsberuf oder die Größe des Ausbildungsbetriebs, finden türkische junge Männer mit rund anderthalbfacher Wahrscheinlichkeit wie ihre deutschen Kollegen nach der Ausbildung keine Beschäftigung im erlernten Beruf. Ein Nachteil, der häufig dazu führt, dass sie auch Beschäftigungen akzeptieren müssen, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen.
Seibert vermutet, dass die türkischen Jugendlichen bereits im Konkurrenzkampf um die sichersten Ausbildungsplätze den Kürzeren ziehen. Dies sind zum Beispiel Ausbildungsstellen bei Unternehmen, die viel in ihre Azubis investieren und daher nur so viele ausbilden, wie sie benötigen. Handwerksbetriebe dagegen bilden oft über den eigenen Bedarf hinaus aus und können nicht alle Absolventen übernehmen.
Seibert betont: "Wer in Deutschland eine Ausbildung absolviert, hat dennoch wesentlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als diejenigen, die keine Ausbildung abschließen. Während aber fast alle deutschen Jugendlichen sich in irgendeiner Form nach der Schule qualifizieren, gibt es bei den ausländischen Schulabgängern noch durchaus Nachholbedarf." Bei den Jahrgängen, die zwischen 1965 und 1974 geboren wurden, haben 42,5% der ausländischen Schulabgänger keine Ausbildung begonnen, während dieser Anteil bei den deutschen Altersgenossen nur 5,7% betrug.

An die Redaktionen: Die Arbeit entstand am MPIB Berlin im Forschungsbereich Bildung Arbeit und Gesellschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer. Mit weiteren Fragen können Sie sich gerne an Holger Seibert wenden. Sie erreichen ihn unter der Rufnummer 030 / 82406- 264 oder per E-mail: seibert@mpib-berlin.mpg.de

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