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Klare Absage an das Deutschland-Abitur

30.09.2011 - (idw) Universität Kassel

Beim internationalen bildungswissenschaftlichen Symposium an der Universität Kassel haben Bildungsexperten zentrale Abitur-Abschlussprüfungen für alle Bundesländer abgelehnt. Bildungsexperten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kamen an der Universität Kassel zu einem internationalen Symposium zum Thema Abitur und Matura zwischen Standardisierung und Beschleunigung unter Leitung der Kasseler Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Dorit Bosse zusammen. Gemeinsam mit den Initiatoren des Kooperationsprojektes der Universitäten Kassel (Prof. Bosse), Zürich, (Prof. Dr. Franz Eberle) und Wien, (Prof. Dr. Barbara Schneider-Taylor) wurden Bildungsstandards und Auswirkungen der verkürzten Schulzeit im Hinblick auf die gymnasiale Oberstufe am 28. und 29. September diskutiert.

Vor dem Hintergrund gegenwärtiger bildungspolitischer Debatten, der möglichen Einführung eines Deutschland-Abiturs und der Notwendigkeit von Standards sei zu klären, wie sich die zunehmende Standardisierung und die Schulzeitverkürzung auf die Qualität von Unterricht und auf das Niveau von Matura und Abitur auswirkten, so Dorit Bosse. Gegen die Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs sprach sich Prof. Dr. Olaf Köller von der Universität Kiel deutlich aus. Dafür sei das Leistungsgefälle zwischen den einzelnen Bundesländern einfach zu groß: Wenn alle Abiturienten in Deutschland die gleichen Aufgaben bearbeiten müssten, könnte man der Forderung nach der Ausweitung der Abiturquote nur noch mit einer erheblichen Niveauabsenkung nachkommen, so Prof. Köller. Er ist Autor der TOSCA-Studie, einer Untersuchung über die gymnasiale Oberstufe und das Abitur; als Gründungsdirektor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen gehört er zu den führenden Bildungsforscher Deutschlands. Köller schlug eine Kombinationslösung vor: Wenn überhaupt Deutschland-Abitur, dann bestenfalls in Kombination aus Aufgaben, die alle Abiturienten in allen Bundesländern lösen müssten, und spezifischen, also auf das jeweilige Bundesland abgestimmten. Für den nach dem Abitur folgenden Übergang zur Hochschule schlug er vor, hier als Instrument zur Zulassung nicht nur die Durchschnittsnote der Schulabschlussprüfung heranzuziehen, sondern auch Studieneignungstests einzusetzen.

Neben Köller trugen weitere namhafte Bildungswissenschaftler aus Deutschland, Schweiz und Österreich vor: Dr. Ludwig Huber, Nachfolger von Hartmut von Hentig als Professor für Pädagogik und Wissenschaftlicher Leiter des Oberstufen-Kollegs in Bielefeld, ging in seinen Überlegungen darauf ein, welche Wahl Oberstufenschüler bei der gegenwärtigen Gestaltung der gymnasialen Oberstufe überhaupt noch haben. Er stellte fest, dass eine Spezialisierung für Schüler mit besonderem Interesse an bestimmten Fächern über die Bundesländer hinweg eher schwierig sei. Es muss da wieder eine größere Liberalität her, so Ludwig Huber. Auf das Verhältnis von Zeit und Bildung ging bildungstheoretisch Prof. Barbara Schneider-Taylor ein. Sie unterstrich mit ihren Ausführungen, dass Schüler trotz Schulzeitverkürzung und der damit einhergehender Hast in den Klassenzimmern von Regelschulen genug Zeit eingeräumt werden müsse, nicht nur Wissen anzuhäufen, sondern sich im Humboldt'schen Sinne auch tatsächlich ihrer Bildung widmen zu können.

Der emeritierte Kasseler Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Rudolf Messner widmete sich der Frage, ob Bildung sich überhaupt standardisieren lasse. Er kam zu dem Schluss, dass Standards als Instrumente des Schulunterrichts durchaus wichtig seien, allerdings nicht als Normierung sondern eher als Orientierung. Welche Auswirkungen die Einführung des Zentralabiturs in Hessen und Bremen mit sich brachte, untersucht Prof. Dr. Katharina Maag-Merki von der Universität Zürich. Sie stellte den Teilnehmern des Symposiums zentrale Befunde ihrer Untersuchungen vor. Sie machte deutlich, dass gerade bei den Lehrern viel Unsicherheit mit den zentralen Prüfungen einhergehe. Diesen müsste mit entsprechenden Fortbildungsmaßnahmen begegnet werden. Auch sie erteilte Plänen, ein Deutschland-Abitur einzuführen, eine Absage. Das steht in den nächsten Jahren nicht an, untermauerte auch Initiatorin Prof. Dr. Dorit Bosse noch einmal eines der zentralen Ergebnisse des internationalen Symposiums, das im September 2012 in Zürich fortgesetzt werden soll. Zum Abschluss der Tagung hatte sie zu einer Podiumsdiskussion unter der Leitfrage Haben Abitur und Matura noch Zukunft? geladen. Prof. Dr. Franz Eberle von der Universität Zürich, Ministerialrat Friedrich Janko vom Hessischen Kultusministerium, Dr. Heike Schmoll von der Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie Ann-Catrin Gras, Kreisschulsprecherin Kassel, erörterten und problematisierten mit dem Plenum den Wert der höchsten Bildungsabschlüsse im Hinblick auf die Aufgaben und Ziele der gymnasialen Oberstufe und die Aussagekraft der Abschlussnoten für den Zugang zum Hochschulstudium.

So ging das internationale bildungswissenschaftliche Symposium schließlich mit einer Botschaft zu Ende, die sich durch den gesamten wissenschaftlichen Austausch gezogen hatte: Abitur und Matura sind durchaus zukunftsfähig, es gibt aber noch viel Verbesserungspotential.


Melanie Salewski/p
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Info
Prof. Dr. Dorit Bosse
Universität Kassel
FB 1 - Institut für Erziehungswissenschaft
Nora-Platiel-Straße 1, 34127 Kassel
Tel.: 0561/804-3617
E-Mail: bosse@uni-kassel.de jQuery(document).ready(function($) { $("fb_share").attr("share_url") = encodeURIComponent(window.location); });

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