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Jüdische Mathematiker und ihr Einfluss auf die deutsche Wissenschafts- und Kulturszene

11.11.2011 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

Nicht nur in ihrem Fach spielten jüdische Mathematiker im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik eine tragende Rolle, sondern auch in der Kulturszene. Dies dokumentiert eindrucksvoll eine Ausstellung, die von der Arbeitsgruppe Wissenschaftsgeschichte an der Goethe-Universität (Leitung: Prof. Moritz Epple) in Verbindung mit einem überregionalen Konzeptionsteam und dem Jüdischen Museum Frankfurt erarbeitet wurde. Nachdem die Ausstellung in den vergangenen drei Jahren in 14 Universitätsstädten mit großer öffentlicher Resonanz gezeigt werden konnte, geht sie nun in erweiterter Form und mit neuem Design auf die Reise nach Israel. Am 14. November wird sie in Beit Hatfutsot/The Museum of the Jewish People in Tel Aviv in Anwesenheit der Staatssekretärin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, des Präsidenten der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Prof. Christian Bär, und des Projektleiters Prof. Moritz Epple eröffnet. Die Ausstellung thematisiert das Leben und die Arbeit jüdischer Mathematiker von der Gleichstellung jüdischer Bürger im 19. Jahrhundert bis zur Verfolgung und Vertreibung in Nazi-Deutschland. Präsentiert werden Dokumente aus dem Leben dieser Mathematiker: Bilder, teils sehr bewegende Briefe, aber auch ihre mathematischen Werke, von denen viele Klassiker wurden. Auch erinnert die Ausstellung an Emigration, Flucht und Ermordung jüdischer Mathematiker nach 1933.

Für die internationale Fassung neu hinzugekommen ist ein Abschnitt über die Frage Wie standen die vertriebenen Mathematiker nach 1945 zur Möglichkeit einer Rückkehr nach Deutschland?. So schrieb beispielsweise Abraham Fraenkel im Jahr 1947 in einem Brief, mit dem er die Ablehnung eines Rufes auf seine frühere Professur in Kiel begründete: In a country being responsible of the cruel murder of five million Jews I could not breathe. Im Zuge der Neugestaltung der Ausstellung für die Präsentation im Ausland sind neben solchen inhaltlichen Ergänzungen viele weitere Änderungen vorgenommen worden. So sind alle handschriftlichen Dokumente und viele weitere Exponate zum ersten Mal in englischer Form zugänglich. Zudem hat das Frankfurter Atelier Markgraph die Ausstellung komplett neu gestaltet: auf Schreibtischen, in Regalen oder in Reisekoffern sind die historischen Dokumente so installiert, dass der Arbeits- und Lebensalltag dieser Mathematiker greifbarer wird.

So wird deutlich, dass es keinen Bereich der akademischen Kultur der Mathematik gab, in dem jüdische Mathematiker nicht tätig waren: Von der Forschung und Lehre über die Mitwirkung im Publikationswesen und in Berufsorganisationen wie der Deutschen Mathematiker-Vereinigung bis hin zum öffentlichen Diskurs über die Mathematik wirkten sie in Kaiserreich und Weimarer Republik neben ihren nichtjüdischen Kollegen. Diese Aktivitäten waren so vielfältig und unterschiedlich, dass das verbreitete Klischee, das jüdischen Mathematikern einen irgendwie gearteten besonderen Charakter in der Mathematik ihrer Zeit zuspricht, sofort widerlegt wird.

In der Ausstellung wird auch die beeindruckende und zugleich bedrückende Geschichte der Frankfurter Universitäts-Mathematik dargestellt, so etwa das außergewöhnliche, von Max Dehn geleitete Mathematisch-Historische Seminar, in dem Dozenten und Studenten über viele Jahre hinweg gemeinsam zentrale historische Texte ihrer Disziplin im Original studierten. Die Protokollhefte des Seminars, das immer wieder Gäste aus dem In- und Ausland anzog, werden im Archiv der Universität Frankfurt aufbewahrt, eines von ihnen wird nun auch in Israel ausgestellt. Alle jüdischen Dozenten in Frankfurt und mithin fast das komplette Mathematische Seminar verloren nach 1933 ihre Arbeitsmöglichkeiten. Nicht alle erreichten rechtzeitig das schützende Ausland. Dehn selbst gelang nach den Pogromen von 1938 und nach einer abenteuerlichen Flucht durch ganz Europa ein Neubeginn in den USA. In seinen letzten Lebensjahren unterrichtete er Mathematik an dem avantgardistisch orientierten Black Mountain College in North Carolina, zu dessen Dozenten und Schülern einige bedeutende Künstler der Nachkriegs-USA zählten.

Nach Tel Aviv wird die Ausstellung auch am Technion in Haifa und in der Nationalbibliothek in Jerusalem zu sehen sein. Mit der Ausstellung Transcending Tradition: Jewish Mathematicians in German-Speaking Academic Culture ist ein Begleitprogramm verbunden, das die Lebendigkeit der Mathematik heute sichtbar machen soll. Als Auftakt findet zeitgleich die internationale mathematische Konferenz Trends and Perspectives in Mathematics statt. Ein neuer begleitender Ausstellungskatalog auf Englisch ist beim Springer-Verlag erschienen.


Informationen: Prof. Moritz Epple, Historisches Seminar, Campus Westend, Tel. (069) 798 -32415 /-32609, epple@em.uni-frankfurt.de / ungar@em.uni-frankfurt.de jQuery(document).ready(function($) { $("fb_share").attr("share_url") = encodeURIComponent(window.location); });
Weitere Informationen: http://www.gj-math.de
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