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"Schnell noch Kasse machen am Karriereende": Bereicherungsmentalität wird zum Problem

23.09.2003 - (idw) FernUniversität in Hagen

Die um sich greifende Bereicherungsmentalität in der Wirtschaft stellt nach Ansicht des FernUni-Volkswirtschaftlers Prof. Dr. Volker Arnold ein erhebliches Problem für die Funktionsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems dar. Immer mehr Menschen orientieren sich in ihrem Verhalten an "negativen Vorbildern" führender Manager, Politiker und Verwaltungsmitarbeiter. Sie produzieren, handeln und arbeiten in der Schattenwirtschaft oder gar nicht mehr, weil sie sich als Betrogene und Verlierer des Wirtschaftsgeschehens sehen. Besonders weist Prof. Arnold, Lehrgebiet "Finanzwissenschaft" an der FernUniversität in Hagen, auf die Einstellung von Managern, "am Karriereende noch schnell Kasse zu machen", hin: "Oft sind die letzten fünf Jahre im Berufsleben von Führungskräften von einer ausgesprochenen Bereicherungsmentalität geprägt." Einerseits bestehe keine Möglichkeit mehr zur Vertragsverlängerung, andererseits müssten keine Sanktionen befürchtet werden.

Diese Einstellung nehme mit der Ablösung von persönlich mit ihrem Unternehmen verbundenen Inhabern, die den langfristigen Unternehmenserfolg im Auge haben, durch Manager, die primär am persönlichen Erfolg orientiert sind, zu. Arnold: "Aber auch denjenigen, die solches Verhalten verurteilen, zucken die Finger - meist bleibt ihnen aber nur das Schummeln bei der Steuererklärung usw. Tugend ist hier oft ein Mangel an Gelegenheiten."

Solange nur wenige zweifelhafte Bereicherungen bekannt werden, ist das kein Problem für die Funktionsweise einer Volkswirtschaft. Aber je mehr Menschen sich an negativen Beispielen orientieren oder sich als Betrogene und Verlierer fühlen, desto größer wird die Gefahr für geordnete Abläufe in der Gesamtwirtschaft: Sie produzieren, arbeiten, handeln und kaufen in der Schattenwirtschaft, bringen den Staat so um Einnahmen, was wiederum zur Folge hat, dass die erforderlichen öffentlichen Leistungen nicht mehr in hinreichendem Umfang bereitgestellt werden können. Wirtschaft und Gesellschaft geraten aus dem Gleichgewicht.

In einer individualisierten, egalitären Gesellschaft wie der heutigen ist das Streben nach dem eigenen Vorteil der wichtigste Motor für den Erfolg einer Volkswirtschaft. Dies hat bereits vor über 200 Jahren der berühmte schottische Moralphilosoph und Begründer der modernen Ökonomie, Adam Smith, plastisch beschrieben: "Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihre Eigenliebe, und sprechen mit ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen". Und der Vater des chinesischen Wirtschaftswunders, Deng-Xiao-Ping, gab die Devise aus: "Bereichert euch!" Dieses individuelle Erfolgsstreben soll, so Prof. Arnold, nicht unterbunden werden. Es müsse aber so gesteuert werden, dass ein für alle positives Ergebnis dabei heraus komm. Es gehe darum, Spielregeln, die für das Funktionieren einer Marktwirtschaft essentiell sind, zu finden und - was ebenso wichtig sei - diese Regeln auch durchzusetzen. Die Rahmenordnung der Wirtschaft müsse so gestaltet werden, dass jeder Einzelne langfristig einen Vorteil darin sieht, diese Regeln auch zu befolgen. Gelingt dies, so stellt eine Marktwirtschaft eine soziale Ordnung dar, die allen zum individuellen Vorteil gereicht. Damit wird "Ökonomik zur Fortsetzung der Ethik mit anderen Mitteln", beruft der Hagener Volkswirtschaftler sich auf den Münchener Philosophen Karl Homann.

Für Manager, Politiker und Verwaltungsspitzen heißt das: Die Regeln (Gesetze, Verträge) müssen so gestaltet werden, dass diese über das Karriereende hinaus für heutige Regelverstöße mit Sanktionen rechnen müssen. Arnold könnte sich beispielsweise eine Kopplung der Alterssicherung von ausgeschiedenen Managern an den langfristigen Erfolg ihrer heutigen Aktivitäten vorstellen. Potentielle Steuerbetrüger könnten durch eine durch zusätzliche Kontrollen erhöhte Entdeckungswahrscheinlichkeit und durch höhere Strafen wirksam abgesichert werden: "Um ein 'guter Mensch' zu sein, müssen die meisten auch ein individuelles Interesse daran haben. Eine gute soziale Ordnung lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn sich alle an die Spielregeln halten."

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