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Öffentlicher Vortrag: Martin Bubers Vision für den Nahostkonflikt der Gegenwart

29.11.2011 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

Einmal im Jahr werden in Zukunft herausragende internationale Wissenschaftler neueste Forschungsergebnisse zur jüdischen Geistes- und Kulturgeschichte, zur jüdischen Religionsphilosophie sowie zu den Beziehungen des Judentums zu Christentum und Islam an der Goethe-Universität Frankfurt präsentieren. Die öffentliche Martin-Buber-Vorlesung zur jüdischen Geistesgeschichte und Philosophie startet am 5. Dezember mit einem Vortrag von Prof. Dr. Paul Mendes-Flohr (University of Chicago). Das Thema der Vorlesung lautet The Actuality of Bubers Zionist Vision in Light of the Israeli-Arab Conflict, er beginnt am Montag (5. Dezember) um 16 Uhr im IG-Farben-Haus, Raum 311, Campus Westend der Goethe-Universität, Grüneburgplatz 1.

Martin Buber (1878-1965), seit 1924 Lehrbeauftragter und zwischen 1930 und 1933 als Honorarprofessor für Jüdische Religionslehre und Ethik an der Goethe-Universität, war einer der prominentesten Vertreter einer Strömung des Zionismus, die lange vor der Gründung des Staates Israel 1948 davor gewarnt hat, die Brisanz eines Konflikts zwischen der arabischen Bevölkerung in Palästina und den jüdischen Einwanderern zu übersehen. Deshalb formulierten Buber und seine Mitstreiter politische Alternativen zur Gründung eines jüdischen Staates mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit. Im Zentrum der von Buber wesentlich mitgeprägten Brit-Schalom-Bewegung, die sich seit 1925 für eine friedliche Koexistenz von Juden und Arabern in Palästina einsetzte, stand die Vision eines streng paritätisch organisierten binationalen Gemeinwesens, in dem beide Bevölkerungsgruppen politisch, wirtschaftlich und kulturell gleichberechtigt zusammenleben sollten.

Dieses Programm beruhte auf der Überzeugung, der Zionismus dürfe nicht den gewaltsamen Weg des chauvinistischen europäischen Nationalismus einschlagen, sondern müsse das prophetische Erbe des Judentums im Nahen Osten zum Maßstab des eigenen Handelns erheben. Die politische Idee eines humanistischen, friedfertigen jüdischen Nationalismus scheiterte jedoch an den Folgen des Völkermordes der Nazis an den europäischen Juden und den Entwicklungen im Nahen Osten unmittelbar vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Buber akzeptierte 1948 zwar die neue Wirklichkeit eines Staates Israel, setzte sich jedoch unermüdlich für ein friedliches Miteinander von Juden und Palästinensern sowie für eine Lösung des arabischen Flüchtlingsproblems ein und blieb bis zu seinem Tode 1965 innerhalb der israelischen Gesellschaft eine mahnende Stimme.

Prof. Mendes-Flohr geht in seinem Vortrag der Frage nach, ob Bubers Ideen mehr sind als bloß eine geträumte, utopische Vision, die an den politischen Realitäten in Europa und im Nahen Osten gescheitert ist. Tritt in der gegenwärtigen Diskussion um die Friedensproblematik im Nahen Osten in Bubers Denken, insbesondere seiner Nationalismuskritik, etwas hervor, was heute unter ganz anderen geschichtlichen Bedingungen neu zu bedenken wäre? Wo sind heute die Erben dieser historisch scheinbar gescheiterten Gestalt des Zionismus? Lässt sich mit diesem Erbe die Hoffnung auf eine Neuorientierung israelischer Politik verbinden, und bietet es der israelischen Friedensbewegung vielleicht doch Orientierung für eine politische Lösung des Nahostkonflikts?

Mendes-Flohr ist Professor an der University of Chicago und einer der namhaftesten Forscher der Gegenwart im Bereich der jüdischen Geistesgeschichte und Philosophie. Mit Büchern wie Divided Passions: Jewish Intellectuals and the Experience of Modernity (1991) und Jüdische Identität: Die zwei Seelen der deutschen Juden (2004) hat er eine einflussreiche Deutung der deutsch-jüdischen Geschichte der Moderne vorgelegt. Martin Bubers Texte zur Thematik der Koexistenz von Juden und Arabern in Palästina hat er in dem Band Ein Land und zwei Völker: Zur jüdisch arabischen Frage (1983) ediert.

Die ursprünglich von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gestiftete und mittlerweile vom Land Hessen finanzierte Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie hat seit 1989 zahlreiche namhafte Gastprofessoren nach Frankfurt am Main geführt. Mit der Berufung von Prof. Dr. Christian Wiese, der nun auch die Martin-Buber-Vorlesungen organisiert, ist die Professur seit 2010 nun dauerhaft besetzt, sie ist der interdisziplinären Erforschung jüdischer Religion, Geschichte und Kultur gewidmet. Der Name der Professur erinnert an das Wirken des berühmten Religionsphilosophen Martin Buber an der Frankfurter Universität.


Informationen: Prof. Dr. Christian Wiese, Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, Fachbereich Evangelische Theologie, Campus Westend, Tel: (069)798-33313, C.Wiese@em.uni-frankfurt.de jQuery(document).ready(function($) { $("fb_share").attr("share_url") = encodeURIComponent(window.location); });
Weitere Informationen: http://www.evtheol.uni-frankfurt.de/buber/Veranstaltungen/index.html
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