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Neue Perspektiven bei häufigem Frauenleiden

24.09.2003 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Ziehende Schmerzen im Unterbleib sind für viele Frauen nichts Ungewöhnliches. Allerdings kann sich hinter starken Unterbauch-Schmerzen, zumal wenn diese nicht nur im Zusammenhang mit der Regelblutung auftreten und vielleicht sogar noch andere Symptome hinzukommen, auch eine ernste gynäkologische Erkrankung, und zwar eine Endometriose verbergen. An der Frauenklinik des Universitätsklinikums Münster (UKM) unter der Leitung von Prof. Dr. Ludwig Kiesel wird jetzt ein neues Verfahren eingesetzt, mit dem diese chronische Erkrankung, von der immerhin fünf bis zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind, effektiver diagnostiziert und damit letztlich auch gezielter behandelt werden kann.

Charakteristisch für eine Endometriose, die übrigens eine häufige Ursache ungewollter Kinderlosigkeit darstellt, ist eine Ansiedlung von Gewebe der Gebärmutterschleimhaut an anderen Stellen im Unterbauch, wie vor allem auf dem Bauchfell, den Eierstöcken und den Eileitern, aber zuweilen auch im Bereich von Harnblase, Darm oder sogar bis hinauf zur Lunge. Angeregt durch die weiblichen Hormone wachsen diese Gewebeinseln zu typischen Herden, Knötchen oder Zysten heran, die heftigste Schmerzen auslösen und weitere Folgen nach sich ziehen können. Manche erreichen gerade mal Stecknadelkopfgröße, andere eine Ausdehnung bis zu fünf und im Fall von Eierstock-Zysten auch schon mal bis zu neun Zentimeter, wobei allerdings auch schon winzigste Herde unerträgliche Schmerzen verursachen können.

Der Goldstandard, diese äußerst hartnäckige Erkrankung zu diagnostizieren, ist die Bauchspiegelung. Bei diesem Verfahren wird über winzige Schnitte eine Optik in den Bauchraum eingeführt, um die Organe auf diese Weise zu betrachten. Das eigentliche Problem der Diagnostik sind die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Endometriose. Allzu leicht werden die Endometriose-Herde beispielsweise mit Entzündungen oder Verwachsungen verwechselt, andere aktive Herde werden vielleicht sogar ganz übersehen. Denn bei dem bislang verwandten Weißlicht-Verfahren heben sich die oft recht kleinen, aber dennoch womöglich sehr aktiven Endometriose-Herde nicht entsprechend ab.

Genau hier setzt das neue Verfahren an, das derzeit an der Frauenklinik des UKM erprobt wird. Statt der herkömmlichen Weißlicht-Diagnostik setzt Oberarzt Dr. Olaf Buchweitz, Leiter des Bereichs Endoskopie, auf ein Fluoreszenz-Verfahren, das zum Nachweis von Harnblasen- oder Hirntumoren in der Urologie und in der Neurochirurgie bereits etabliert ist. Statt mit weißem wird hier mit blauem Licht gearbeitet, in dem sich die aktiven Endometriose-Herde leuchtend rot abheben und damit sehr viel deutlicher erkannt werden können. Damit es zu diesem Aufleuchten kommt, nehmen die Patientinnen zehn bis 14 Stunden vor der Bauchspiegelung vermischt mit einem Saft ein bestimmtes körpereigenes Präparat zu sich, die so genannte 5-Aminolävulinsäure. Dieser Stoff lagert sich in Gewebezellen ein und wird dort zu einem Wirkstoff umgebaut, der die Eigenschaft hat, unter Einwirkung von blauem Licht zu fluoreszieren.

Bei allen Endometriose-Läsionen, die bei der Untersuchung rot aufleuchten, handelt es sich nach Angaben von Buchweitz um aktive Herde, nicht aktive Herde dagegen erscheinen eher bräunlich. Für eine erfolgreiche Behandlung ist diese Unterscheidung, die mit der Weißlicht-Diagnostik allein nur schwer möglich ist, sehr wichtig. Auf diese Weise können, ebenfalls im Rahmen einer Bauchspiegelung, gezielt die Endometriose-Herde abgetragen werden, von denen die Beschwerden ausgehen und die bei Nichtbehandlung weiter wachsen und weitere Komplikationen nach sich ziehen können. So besteht beispielsweise die Gefahr, dass bei fortschreitendem Wachstum eines Gewebeknotens der Harnleiter abgedrückt wird und dadurch wiederum die Niere geschädigt wird. Oder ein Endometriose-Herd verschließt den Eileiter, was die Ursache für ungewollte Kinderlosigkeit sein kann.

15 Patientinnen wurden in Münster bislang auf diese neue Weise untersucht. Insgesamt hat Buchweitz diese Diagnostik bereits bei rund 100 Frauen durchgeführt. Denn er gehörte zur bundesweiten ersten Arbeitsgruppe, die an der Universitätsklinik -Klinik in Lübeck die Anwendung des Fluoreszenz-Verfahrens bei Endometriose entwickelt und im Rahmen einer klinischen Studie überprüft hat. Bis sich das neue Untersuchungsverfahren, das viele Frauen von unerträglichen Schmerzen erlösen und zur Erfüllung ihres bislang vergeblichen Kinderwunsches verhelfen kann, als Routine-Verfahren durchsetzt, werden nach Einschätzung von Buchweitz aber wohl noch drei bis fünf Jahre ins Land gehen. Voraussetzung ist die Zulassung der 5-Aminolävulinsäure für diese Indikation. An der Universitäts-Frauenklinik in Münster können Patientinnen mit Endometriose schon heute von den neuen Möglichkeiten profitieren. Neben Lübeck und Aachen ist sie damit die einzige in Deutschland, die diese Technik in ausgewählten Fällen anbietet.

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