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Was verbirgt sich hinter dem Mythos der Roten Juden?

19.12.2011 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

Das imaginäre Volk der Roten Juden lebt in einem unerreichbaren sagenumwobenen Land hinter dem mythischen Fluss Sambatjon irgendwo im Osten oder Norden Asiens. Kommen die Roten Juden am Ende der Zeiten zurück? Juden wie Christen beobachteten dies im 15. und 16. Jahrhundert sehr genau. Die Judaistin Dr. Rebekka Voß, Juniorprofessorin an der Goethe-Universität, erforscht die Rolle der Roten Juden in der jüdischen Kultur vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Über ihre ersten Recherchen zur jüdischen Populärkultur berichtet sie in der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt (Heft 3/2011). Verschiedene Quellen zu den Roten Juden zeigen, wie dynamisch Juden und Christen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit interagiert haben, was sich unter anderem in der Weitergabe von Geschichten und in der Sprache zeigt, erläutert die Wissenschaftlerin. Der früheste Beleg für die Roten Juden in der modernen jiddischen Literatur findet sich in der erstmals 1878 auf Jiddisch veröffentlichten Novelle Die Reisen Benjamins des Dritten. Dabei griff Schalom Jakob Abramovitsch, eher bekannt als Mendele Mojcher Sforim, auf ältere Motive zurück, die aschkenasische Juden im kulturellen Gepäck aus den west- und mitteleuropäischen Gemeinden in ihre osteuropäische Heimat mitgebracht hatten. Für das legendäre Volk der Roten Juden war der mythische Fluss Sambatjon nicht zu überwinden. Denn sechs Tage tobte sein Wasser so sehr, dass niemand den Storm passieren konnte; nur am Schabbat ruht er, doch verboten die Schabbat-Gesetze dann seine Überquerung. Erst an Ende der Zeiten, wenn der Messias komme, werde Gott das Tosen stoppen und den Weg frei geben so die Legende.

Im engeren Sinne bezeichnet der Ausdruck Rote Juden, jiddisch rojte jidlech, die verlorenen zehn der insgesamt zwölf Stämme Israels. Diese zehn hatten zu biblischer Zeit das Nordreich Israel gebildet und waren bei seiner Zerstörung durch die Assyrer im 8. Jahrhundert v. Chr. teilweise ins Exil geführt worden. Es entstand der Mythos von einer endzeitlichen Rückkehr der zehn Stämme, der sich nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. fest in der apokalyptischen Literatur etablierte.

Meine Quellenrecherchen haben ergeben, dass es weitaus mehr und vor allem wesentlich frühere Texte zu den Roten Juden gibt, als lange angenommen. Tatsächlich reflektiert die vormoderne Verwendung des Terminus im Jiddischen einen verdeckten polemischen Dialog mit dem konkurrierenden Konzept von den Roten Juden in der christlichen Apokalyptik, aus dem der jiddische Begriff erst hervorgegangen ist, erläutert Rebekka Voß. Ziel ihres Projektes, an dem sie im Wintersemester als Fellow im European Seminar on Advanced Jewish Studies Old Yiddish: Old Texts, New Contexts an der University of Oxford arbeitet, ist eine epochenübergreifende Studie zu der Rolle der Roten Juden in der jüdischen Kultur vom Mittelalter bis in die Gegenwart. An der Schnittstelle von Kultur-, Geistes- und Religionsgeschichte, Judaistik und Jiddistik untersucht sie den Wandel der Tradition der Roten Juden, die als eine christliche Vorstellung und Begriffsschöpfung zuerst im spätmittelalterlichen deutschen Kulturkreis entstand, im Übergang vom Christentum ins Judentum und später vom West- ins Ostjudentum. Dabei tauchen die Roten Juden in unterschiedlichen religiösen, kulturellen und politischen Zusammenhängen auf, die unter anderem die frühneuzeitliche jüdisch-christliche Polemik, religiöse Bräuche und die jüdische Identitätsfindung in der ostjiddischen Literatur der Moderne sowie den zionistischen Diskurs über das Muskeljudentum umfassen, ergänzt die Frankfurter Juniorprofessorin.

Die Roten Juden hatten in jüdischen Entwürfen des Endzeitszenarios eine beinahe identische Funktion wie in der christlichen Apokalyptik: Sie waren die mächtigen Krieger, die an den Christen Rache für Jahrhunderte der Unterdrückung des jüdischen Volkes nehmen würden. In der Frühneuzeit spielten die Roten Juden eine bedeutende Rolle sowohl im jüdischen als auch im christlichen Denken. Sie waren für Juden wie Christen in Deutschland eine reale Macht, sowohl politisch-militärisch als auch in der Handelswelt. Ihre Existenz in den unbekannten Weiten der Welt galt bis zur Reformation als eine unbestrittene Tatsache, so war ihr Territorium noch bis weit ins 16. Jahrhundert auf vielen Weltkarten, zumeist im Osten oder Norden Asiens, verzeichnet. Erst mit wachsende Kenntnis der geografischen Verhältnisse verschwand es um 1600 langsam aus der Kartografie. Da jeder Nachricht über die Roten Juden unter jeweils unterschiedlichen Vorzeichen apokalyptische Bedeutung zukam, verfolgten Juden wie Christen die Entwicklungen hinter dem Sambatjon seit jeher sehr genau. So zirkulierten im Jahr 1523, einem Jahr intensiver apokalyptischer Spekulation, in Deutschland unterschiedliche Flugschriften mit Neuigkeiten vom Vormarsch der Roten Juden, über die Juden und Christen sich untereinander austauschte.

Obwohl Juden und Christen mit den Roten Juden eine gemeinsame Sprache sprachen, schwangen doch polemische Untertöne mit. Der Schlüssel zur polemischen Konstruktion des Begriffs und der Idee der Roten Juden ist dabei die Assoziation von Juden mit der Farbe Rot. Dazu die Frankfurter Judaistin: Die christliche Farbgebung der Juden hinter dem Sambatjon war nach der freilich mehrdeutigen und nicht selten subjektiven Logik der moralischen Farbsymbolik des Abendlandes einleuchtend: Die Roten Juden verkörperten die negative Konnotation, die die Farbe Rot im christlichen Europa häufig übermittelte. Es ist jedoch fraglich, ob die negative Bedeutung der Farbe Rot den alleinigen Entstehungshintergrund für den Namen des imaginären apokalyptischen Volkes darstellt. Wahrscheinlich spielten auch weitere Traditionen eine Rolle.

Informationen: Dr. Rebekka Voß, Junior-Profossorin für Geschichte des deutschen und europäischen Judentums, Seminar für Judaistik, Campus Bockenheim, Tel.: 069/798-22796, voss@em.uni-frankfurt.de

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Weitere Informationen: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/2011/index.html
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