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Zivilgesellschaft als europäische Perspektive

26.09.2003 - (idw) VolkswagenStiftung

Seit fünf Jahren erfolgreich: das von der VolkswagenStiftung geförderte Berliner Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas (ZVGE)

Mit dem Begriff "Europa" hat es eine merkwürdige Bewandtnis. Je mehr er in Politik und Medien widerhallt, desto unklarer wird, was eigentlich damit gemeint ist. Europa - das Ergebnis von Abkommen, das Gebiet der Staaten der Europäischen Union (EU)? Oder mehr: Europa - eine Mentalität, eine gemeinsame Geschichte, oder sogar ein Wertesystem? Fragen wie diese beschäftigen die Architekten und Analytiker eines neuen Europa nicht erst seit der anstehenden EU-Osterweiterung. Politologen, Geografen, Soziologen, Kulturwissenschaftler und Ethnologen forschen über das, was Europa äußerlich trennt und im Innersten zusammenhält.

Eine zentrale Anlaufstelle finden sie in dem noch jungen Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas (ZVGE), das die VolkswagenStiftung in den vergangenen fünf Jahren mit rund 1,5 Millionen Euro unterstützt hat; ein Institut, das die strengen Trennungen der Disziplinen ebenso wie die der nationalen Geschichtsschreibungen durchbricht. "Wenn wir das nach wie vor Trennende überwinden und die Gemeinsamkeiten stärken wollen, dann kommt der vergleichenden Erforschung der europäischen Vergangenheit mit Blick auf die drängenden Probleme der Gegenwart ein besonderer Stellenwert zu", betont Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung.

Noch aus einem weiteren Grund ist das Forschungs- und Kommunikationszentrum ZVGE ungewöhnlich: Angesiedelt an der Freien Universität Berlin und an der Humboldt-Universität zu Berlin, wirkt es gleichsam als Bindeglied zwischen diesen beiden Hauptstadthochschulen. "Wir wollen Berlin als Plattform des veränderten Europas ernst nehmen", sagt der Initiator und Direktor des Zentrums, Professor Dr. Jürgen Kocka von der Freien Universität. Der Sozialhistoriker - zugleich Präsident des Wissenschaftszentrums zu Berlin - gehört einem vierköpfigen Direktorium an: neben ihm die Berliner Frankreich-, beziehungsweise Balkanexperten Hartmut Kaelble und Holm Sundhaussen sowie der Göttinger Osteuropa-Historiker Manfred Hildermeier. Auch durch den geschäftsführenden Leiter des ZVGE Privatdozent Dr. Arnd Bauerkämper und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Martina Winkler ist die Verbindung von ost- und westeuropäischer Geschichtsforschung gewährleistet.

"Die moderne Geschichte Osteuropas in Deutschland wurde lange Zeit fast durchweg getrennt von der modernen Geschichte Westeuropas betrieben", kritisiert Kocka. Diese Ausgrenzung hat in der Geschichtsschreibung Tradition. Seit dem Ersten Weltkrieg behandelten Historiker Europa getrennt nach Regionen. Zweiter Weltkrieg und der "Eiserne Vorhang" zerschnitten auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit weitgehend. Erst die 1990er Jahre rückten die östlichen Nachbarn wieder stärker ins Blickfeld. Das ZVGE kann hier auf die intensive Arbeit der von Kocka aufgebauten Vorgängerinstitution "Arbeitsstelle für Vergleichende Gesellschaftsgeschichte" zurückgreifen.

Fluchtpunkt ihrer Perspektive ist das Ideal der Zivilgesellschaft. Zivilgesellschaft oder Bürgergesellschaft meint ein Modell sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ordnung, das sich auf die Aufklärung zurückführen lässt. Als Utopie bereits im 18. Jahrhundert entstanden, sind dessen Elemente gesellschaftliche Selbstorganisation, Menschenrechte, Öffentlichkeit, Modernisierung, Säkularisierung, Wettbewerb und transnationale Kooperation. Das Konzept geht vor allem zurück auf den vom angelsächsischen Diskurs geprägten Begriff der civil society, hat aber gerade im vergangenen Jahrzehnt an Kontur gewonnen. Sowohl im Umgang mit der Geschichte von Diktaturen in Europa als auch hinsichtlich der politisch-intellektuellen Debatten Lateinamerikas kann der Begriff als eine Art Orientierungsmarke dienen. Um ihn analytisch zu verwenden, meint Kocka, müsse man die historische Entwicklung des Ideals einer Bürgergesellschaft vergleichend auf der Grundlage von Einzelstudien und differenziert für verschiedene Epochen und Regionen analysieren.

Ein Beispiel dafür: Die traditionelle Bürgertumsforschung ging bisher von einer stufenartigen, linearen Entwicklung zu einer modernen, demokratischen Gesellschaft aus. Die Herausbildung eines starken Bürgertums bedingte demnach die Industrialisierung und Demokratisierung. Nach den bisherigen Ergebnissen des ZVGE trifft dieser "europäische Normalweg" aber gerade auf osteuropäische Länder nicht zu. Forschungen ergaben, dass etwa in Polen der Strukturwandel zu Demokratie und Moderne auch vom Adel getragen wurde. Aufgeklärte Adelige trieben die wirtschaftliche Modernisierung voran und engagierten sich in den Vereinen und Verbänden nicht-staatlicher Organisationen. Dies belegen verschiedene Detailstudien. Auch im Bereich der Kultur zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West, wie der Historiker Philipp Ther am Beispiel der ostmitteleuropäischen Opernhäuser nachweist. Anders als in Deutschland, wo meist die Höfe oder der Staat die Häuser trugen, kamen die Opernhäuser in Polen oder Böhmen auf gesellschaftliche Initiative von Bürgern oder Adeligen zu Stande. Näher betrachtet heißt dies, dass der Modernisierung weniger ein schichtspezifisches oder soziales Fundament zu Grunde liegt, sondern eine gemeinsame Ausrichtung auf ein europäisches Zivilisationsideal.

Neben zahlreichen Forschungsprojekten sind Konferenzen ein wichtiger Baustein in der Arbeit des ZVGE. Bei international ausgerichteten Tagungen untersuchten Wissenschaftler zum Beispiel den Prozess des "mental mapping" - so bezeichnen Forscher das von völkerpsychologischen Annahmen, auch von Vorurteilen und Klischees geprägte Bild "mentaler Landkarten". Gerade Europa wurde immer wieder in Klischees gedacht, die von bestimmten, angeblich in der Mentalität begründeten Nationalcharakteren ausgehen. Auch heute noch spielen Vorstellungen von der angeblichen Aggressivität oder Arbeitsmoral bestimmter Regionen eine nicht unwichtige Rolle, etwa bei Entscheidungen global agierender Wirtschaftsunternehmen im Kontext von Standortfragen. Bei anderen Tagungen wurde die Rolle von Regionalismen in europäischen Grenzräumen behandelt: gewaltsame Nationalitätenkonflikte zwischen Eskalation und Deeskalation im 20. Jahrhundert ebenso wie das Verhältnis von Wissenschaft und Nation. Eine wichtige Funktion bei der Förderung von Nachwuchswissenschaftlern spielen dabei Sommerkurse, die sich an Doktoranden und Post-Docs wenden und bisher auf großes Interesse bei osteuropäischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und solchen aus Deutschland, Dänemark, Großbritannien, der Türkei, Frankreich oder Griechenland stießen.

Hinzu kommen die Stipendiaten des ZVGE, die hier die Möglichkeit erhalten, vergleichende Detailstudien zu erstellen. Sven Reichardt etwa verglich faschistische Kampfbünde in Deutschland und Italien. Er widmete sich einem Aspekt, der zunehmend wieder an Brisanz gewinnt: den Feinden der Zivilgesellschaft. In der Weimarer Zeit waren es oftmals Anhänger totalitärer Ideologien, die fest verankert in der Zivilgesellschaft - etwa in Vereinen organisiert - antidemokratische Ziele verfolgten. Arbeiten wie diese zeigen auf, dass solche Bünde sowohl vormoderne Strukturen wie den Männerbund als auch moderne Errungenschaften wie eine soziale Betreuung in Wohnheimen nutzten, und auf diesem Weg zivile Mittel für militaristische Zwecke umfunktionierten. Mit den Feinden der Zivilgesellschaft beschäftigte sich auch eine Tagung zum Thema "Reinheit und Gewalt". Ethnologen und Historiker trugen Ergebnisse ihrer Länderforschungen zusammen und verglichen die Gefährdungen durch ethnische Reinheitsphantasien, die bei "Säuberungsaktionen" auch heute noch - etwa in Ruanda oder im ehemaligen Jugoslawien - gewaltsame Exzesse auslösten.

"Zivilgesellschaft", betont Kocka, "ist ein unvollendetes Projekt". Entsprechend begreift sich das ZVGE nicht nur als Ort der Analyse, die Mitarbeiter wollen auch unmittelbar zur Umsetzung dieses Konzeptes beitragen: Fellowships, Reisestipendien und Gastvorträge ließen spürbar neue Kontakte zwischen Disziplinen und Personen über Grenzen hinweg entstehen; prominente Wissenschaftler bereicherten und bereichern die wöchentlichen Forschungskolloquien, die bei Studierenden und Mitgliedern aller Berliner Universitäten reges Interesse finden. Vortragende waren, neben vielen anderen, die Wirtschaftshistorikerin Alice Teichowa, der Nationalismusforscher Miroslav Hroch und der Literaturwissenschaftler Paul M. Lützeler. Das ZVGE: für die VolkswagenStiftung ein erfolgreiches Engagement. Kocka und sein Team werden diesen Weg weitergehen - zum Wohle Europas.

Der Text der Presseinformation steht im Internet zur Verfügung unter

http://www.volkswagenstiftung.de/presse-news/presse03/25092003.htm

Kontakt

VolkswagenStiftung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Dr. Christian Jung
Telefon: 05 11/83 81 - 380, E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Kontakt

Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas (ZVGE)
Dr. Arnd Bauerkämper, Geschäftsführender Leiter ZVGE
Telefon: 030/8 38 - 5 45 41, E-Mail: baue@zedat.fu-berlin.de

Kontakt

Förderinitiative, VolkswagenStiftung, Dr. Wolfgang Levermann
Telefon: 05 11/83 81 - 212, E-Mail: levermann@volkswagenstiftung.de
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