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Mehr Wissen über den Islam

04.06.2002 - (idw) VolkswagenStiftung

Nachwuchsforschergruppe der VolkswagenStiftung an der Universität Bochum erforscht islamische Bildungsnetzwerke

Um den Islam zu verstehen, muss man sich mit dessen Bildung beschäftigen. Mit den religiösen Bildungsstrukturen in der islamischen Welt setzen sich - von der VolkswagenStiftung mit 780.000 Euro gefördert - acht junge Orientalisten an der Ruhr-Universität Bochum auseinander: ein Beispiel für Forschung über kulturelle Grenzen hinweg, noch dazu durchgeführt von einem jungen Wissenschaftlerteam.

Ihrem Untersuchungsthema "Islamische Bildungsnetzwerke im lokalen und transnationalen Kontext (18. bis 20. Jahrhundert)" nähern sich die Nachwuchsforscher sowohl aus der Perspektive des Sprachwissenschaftlers, der Texte analysiert, als auch mit Hilfe der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse. Dazu unternahmen und unternehmen sie Reisen nach Indien, in den Nordkaukasus, nach Nordafrika und Syrien. Dort unterhalten sie sich mit Gelehrten, forschen in Archiven und Bibliotheken. So entstehen Studien über verschiedene Regionen mit dem Ziel eines differenzierteren Verständnisses des islamischen Kulturkreises.

Leiter der achtköpfigen Nachwuchsgruppe ist Dr. Michael Kemper. Er arbeitet über den Informationsfluss und Meinungsaustausch von Gelehrten in der russischen Kaukasus-Republik Dagestan zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert. Ihn interessieren vor allem die so genannten "Fatwas", die man aus unserem Verständnis wohl am besten mit religionsgesetzlichen Gutachten übersetzen kann. Darin fragt etwa ein Gelehrter einen anderen, wie man richtig betet, wie die Erbfolge aussieht, wie Scheidungsfragen gelöst werden sollen - oder was man tun kann, wenn ein Kriegsführer nach einem siegreichen Überfall die ganze Beute selbst eingestrichen hat, ohne sie nach geltendem Scharia-Recht zu teilen.
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Kontakt Nachwuchsgruppe: Dr. Michael Kemper, Fakultät für Philologie, Ruhr-Universität Bochum, Tel.: 02 34/32 26 234, E-Mail: michael.kemper@ruhr-uni-bochum.de
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Dieser Hinweis auf die Scharia verdient eine Erläuterung. Im kargen, gebirgigen Dagestan galt lange Zeit als Recht, was der lokale Fürst sprach - da war von Gleichheit keine Spur. Dem standen "Eidgenossenschaften" freier Dörfer gegenüber, die sich seit dem 17. Jahrhundert verstärkt auf die Scharia beriefen; dort wurden allen Muslimen gleiche Rechte und Pflichten zugesprochen. Kein Wunder, dass die örtlichen Herrscher ihre Macht beschnitten sahen und die Scharia-Gelehrten bekämpften. Später folgte die Eroberung durch das zaristische Russland, das seinerseits gegen die Scharia als Teil der islamischen Kultur vorging. Letztlich ist es dieser Konflikt, der heute, nach dem Ende der Sowjetzeit, immer wieder im russischen Kaukasus aufflammt.

In den dazwischenliegenden sieben Jahrzehnten unter "sowjetischer" Herrschaft wurden alle Zeugnisse dieser Kultur verfolgt und unterdrückt. Die Menschen versteckten die zu heiligen Büchern gebundenen Fatwas vor den Augen der Schergen und verloren gleichzeitig das Wissen, die arabisch verfassten Schriften tatsächlich zu lesen. Um die Schriften zu verstehen, müssen heute Fremde ins Dorf kommen: etwa Gelehrte aus der fernen Hauptstadt. Oder eben der junge Islamwissenschaftler aus Deutschland.

Mehrere solcher Reisen, auf der er eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen sammeln konnte, hat Kemper inzwischen hinter sich. Meist reist er im Gefolge eines 72-jährigen Gelehrten der Universität von Machatschkala und dessen Studierenden. Und das macht die besondere Entdeckerfreude aus, wie Kemper offen eingesteht. Mit Bus und Zelten ging es in die steinerne Bergschönheit Dagestans, in abgelegene Dörfer, zu den Bauern in die gute Stube, immer auf der Suche nach den Zeugnissen der Gelehrsamkeit von einst. Oder auf Friedhöfe, wo die Schriftenbündel seit Jahrhunderten unberührt in den Mausoleen heiliger Männer lagern.

Diese Freiheit ist es auch, die Kemper an seiner Position als Leiter einer Nachwuchsgruppe der VolkswagenStiftung besonders schätzt. Zugleich wird hier Sinn und Zweck des Programms "Nachwuchsgruppen an Universitäten" der Stiftung deutlich - gibt es doch jungen, besonders qualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Chance, fünf bis sechs Jahre lang eigenständig und selbstverantwortlich ihre Forschungsfragen voranzutreiben. Dazu gehört auch die Chance zum Aufbau und zur Betreuung einer Gruppe junger Wissenschaftler. Denn nach einer Bewilligung stehen dem Nachwuchsgruppenleiter neben Sach- vor allem Personalmittel zur Verfügung: für den Einsatz von Doktoranden, Postdoc-Stipendiaten, studentischen Hilfskräften oder auch von technischem Personal. Im Falle von Kemper arbeiten "seine" Mitarbeiter inzwischen erfolgreich über die islamischen Bildungsnetzwerke in Syrien, Jemen, Saudi-Arabien, Indien, der Türkei, Albanien, Bosnien, Russland und Deutschland.

Somit zielt das Programm der VolkswagenStiftung mit seiner Betonung von Selbstverantwortlichkeit und Eigenständigkeit der nachrückenden Forschergeneration im Kern auch darauf ab, alternative Wege für wissenschaftliche Karrieren in Deutschland aufzuzeigen. Ein mit allen Chancen und Risiken besetzter Freiraum. Doch nur so wird die Forschung jünger.
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Kontakt Förderung: VolkswagenStiftung, Dr. Marcus Beiner, Tel.: 05 11/83 81 - 289, E-Mail: beiner@volkswagenstiftung.de

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O-Töne zum Projekt: Die VolkswagenStiftung präsentiert in einem neuen Film einige von ihr geförderte Forschungsvorhaben; dort stellt auch Dr. Michael Kemper sein Projekt vor! Interessierten TV- und Hörfunk-Journalisten lassen wir gern eine VHS-Kopie zu Zwecken der Berichterstattung zukommen.
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Kontakt Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, VolkswagenStiftung: Dr. Christian Jung, Telefon: 05 11/83 81 - 380, E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de
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