Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMontag, 24. November 2014 

Putinismus als System - an der Wiederwahl Putins zweifeln auch seine stärksten Kritiker nicht

27.02.2012 - (idw) Universität Rostock

In Russland zweifelt kaum jemand daran, dass Wladimir Putin am 4. März zum Präsidenten gewählt wird. Nicht einmal seine schärfsten Kritiker, sagt die Politikwissenschaftlerin Dr. Ludmila Lutz-Auras vom Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik der Universität Rostock. Die 30-Jährige Politikwissenschaftlerin, die in der Ukraine geboren wurde, in Sprache und Kultur auch in Russland zu Hause ist, geht davon aus, dass Putin als einer von fünf Bewerbern die Präsidentschaftswahlen gewinnen wird. Sie spricht von Putinismus, obwohl zwischendurch ein anderer Präsident die Zügel in der Hand hatte. Es gibt keine gemeinsame Oppositionsstrategie und keinen gemeinsamen Oppositionskandidaten. Neu seien die vielen jungen Leute bei den Protesten in den großen Städten. Die Zeiten der bedingungslosen Verehrung sind allerdings für Putin vorbei, beobachtet Lutz-Auras. Das staatlich kontrollierte Fernsehen berichtet seit über einem Jahrzehnt fast ausschließlich über ihn: erst als Präsident, dann als Premier im gut geölten Tandem mit Dmitrij Medwedjew und schon bald, da scheint er sich sicher zu sein, wieder als Präsident. Die Kreml-Technologen sind nervös und vermeiden jegliche Gefahr für ihr Projekt Machtübernahme für die nächsten sechs Jahre, schätzt die junge Politikwissenschaftlerin ein.
Was bedeutet der Wahlausgang in Russland für Deutschland? Wir können mit Putin leben, urteilt Lutz-Auras. Es ist zwar nicht die Männerfreundschaft wie zu Zeiten von Bundeskanzler Gerhard Schröder, aber eine konstruktive Arbeitsebene wird mit der Bundesregierung praktiziert. Knapp eine Woche vor der Präsidentschaftswahl in Russland am 4. März überrascht Spitzenkandidat Wladimir Putin mit der Ankündigung, etwa 600 Milliarden Euro in neue Panzer, Kampfflugzeuge und U-Boote stecken zu wollen. Russland reagiert damit als größter Staat der Welt auch auf den von den USA und der Nato geplanten Raketenabwehrschirm, der als ernste Bedrohung angesehen wird, sagt Dr. Lutz-Auras. Das zeigt schon, wie die Russen ticken.
Nicht nur wegen der geografischen Lage zu einigen osteuropäischen Staaten lohne sich eine verstärkte Osteuropa-Forschung, regt Lutz-Auras an. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es beispielsweise zahlreiche wirtschaftliche Kontakte. Lutz-Auras verweist unter anderem auf die Ostseepipeline, über die durch die Ostsee Gas nach Deutschland transportiert wird, und das von hier aus auch in einige Länder der EU verteilt wird. In Rostock und Wismar kooperieren vor allem die Werften (die Nordic-Yards-Werften gehören dem russischen Unternehmer Vitaly Yusufov) mit Russland. Russland spielt auch eine Sonderrolle in der Weltpolitik, sagt Lutz-Auras. Das Land gehört unter anderem zu den G 8-Staaten, es ist eine Atommacht und hat Veto-Recht im UN-Sicherheitsrat.
Bei vielen Russen ruft die soziale Marktwirtschaft immer noch Erinnerungen an die schwierigen 1990er Jahre unter Boris Jelzin hervor. Der Name Putin ist jedem ein Begriff, der mit Kultsymbolik behaftet ist, sagt Lutz-Auras. Er regiert als starker Mann mit eiserner Hand, auch wenn seine Strategie in der Wirtschaftskrise versagte und er die Russen enttäuschte sagt die Politikwissenschaftlerin. Sie weiß, dass der Durchschnittsbürger Russlands sich mit Ausnahme in den Großstädten kaum für Demokratie interessiert. Die meisten sind froh, wenn sie einen Job haben, um die alltäglichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Schere zwischen arm und reich ist groß, so Lutz-Auras. Teile einer im Entstehen befindlichen Mittelschicht schließen sich neuerdings den Protesten an. Indes verspricht Putin mehr soziale Gerechtigkeit, kritisiert ausgerechnet Reformstau, den er in den letzten Jahren als Präsident und Premierminister mit verursacht hat.

Zur Person

Ludmila Lutz-Auras ist im August 1981 in der Ukraine geboren. Zwölf Jahre später siedelten die Eltern mit ihr nach Wismar um. Sie besuchte Gymnasien in Dorf Mecklenburg und Wismar, wo sie 2002 das Abitur ablegte. Ludmila Lutz-Auras, die mit einem Medizinstudenten verheiratet ist, spricht Russisch, Ukrainisch, Englisch, Polnisch und Französisch. Sie studierte in Rostock Politik- und Verwaltungswissenschaften, Neuere Geschichte Europas sowie Slawische Sprach-und Kulturwissenschaften und ist in zahlreichen Gremien von Universität, Land und Stadt aktiv. Die 30-Jährige kann zudem auf ein Auslandsstudium an der Lomonossov-Universität Moskau verweisen. Regelmäßige Forschungsaufenthalte führten sie nach Russland und in die Ukraine. Vor wenigen Wochen verteidigte Ludmila Lutz-Auras ihre Doktorarbeit zum Thema: Auf Stalin, Sieg und Vaterland! Politisierung der kollektiven Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg in der Russländischen Föderation mit der Note summa cum laude.


Kontakt:

Universität Rostock
Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Lehrstuhl für Internationale Politik und Entwicklungszusammenarbeit
Dr. Ludmila Lutz-Auras
Fon: +49 (0)381 498 4360
eMail: ludmila.lutz-auras@ uni-rostock.de

Presse+Kommunikation
Dr. Ulrich Vetter
Fon: +49 (0)381 498 1013
eMail: ulrich.vetter@uni-rostock.de jQuery(document).ready(function($) { $("fb_share").attr("share_url") = encodeURIComponent(window.location); });

uniprotokolle > Nachrichten > Putinismus als System - an der Wiederwahl Putins zweifeln auch seine stärksten Kritiker nicht
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/232800/">Putinismus als System - an der Wiederwahl Putins zweifeln auch seine stärksten Kritiker nicht </a>