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Die Wiedergeburt der größten Humanistenbibliothek in Deutschland

03.10.2003 - (idw) Universität Augsburg

DFG-Projekt rekonstruiert die Bibliothek des Augsburger Humanisten Konrad Peutinger

Mit der Präsentation des ersten Bandes des auf drei Textbände und einen Registerband angelegten Werkes "Die Bibliothek Konrad Peutingers. Edition der historischen Kataloge und Rekonstruktion der Bestände" wird am 8. Oktober 2003 im Goldenen Saal des historischen Augsburger Rathauses die Wiedergeburt der größten deutschen Humanistenbibliothek gefeiert. Im Rahmen eines seit acht Jahren laufenden DFG-Projekts haben Wissenschaftler aus Augsburg und München die Bibliothek des Augsburger Humanisten und Juristen Konrad Peutinger (1465 - 1547) rekonstruiert.


Seite aus einem von Peutinger selbst geschriebenen Bibliothekskatalog. Foto: Stadt Augsburg
Exlibris mit Peutingers Wappen, das zahlreiche Handschriften und Bücher der Humanistenbibliothek schmückt. Foto: Stadt Augsburg BEDEUTENDSTE GELEHRTENBIBLIOTHEK IHRER ZEIT

Peutinger besaß die größte Gelehrtenbibliothek ihrer Zeit in Deutschland (siehe Anhang). In über 60jähriger unermüdlicher Sammeltätigkeit trug er mehr als 6000 Titel in 2200 Bänden zusammen. Bereits seit dem 18. Jahrhundert existiert die Bibliothek jedoch nicht mehr als geschlossene Sammlung. Ein Großteil der Bücher gelangte in die heutige Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, weitere in die Bayerische Staatsbibliothek München und in die Studienbibliothek Dillingen. Dort wurden sie mit den übrigen Beständen vermischt und waren deshalb kaum mehr auffindbar. Einzelne Bände wurden über eine große Zahl von Bibliotheken in Europa und den USA verstreut, viele gingen auch ganz verloren.

DFG-GEFÖRDERTE DETEKTIVISCHE KLEINARBEIT

Angesichts der einmaligen Bedeutung der Bibliothek Konrad Peutingers fand sich eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Augsburg und München mit dem Ziel zusammen, diese Sammlung soweit wie möglich zu rekonstruieren. Zur Realisierung des Projekts stellte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) über einen Zeitraum von acht Jahren erhebliche Finanzmittel zur Verfügung. Anhand überlieferter alter Kataloge - darunter zwei, die noch von Peutinger selbst stammen - wurden in mühsamer detektivischer Kleinarbeit die in den verschiedenen Bibliotheken noch vorhandenen Bücher aus dem Besitz Peutingers wieder aufgespürt, verzeichnet und wissenschaftlich beschrieben. Mit rund 40% Prozent des ursprünglichen Bestands übertraf die Ausbeute die anfänglichen Erwartungen bei weitem, so dass allein die in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg ermittelten Bestände umfangreicher sind als andere komplett erhaltene Humanistenbibliotheken. Die Arbeit erstreckte sich jedoch nicht allein auf die noch vorhandenen Exemplare. Mit Hilfe eines in dieser Form erstmals angewandten Verfahrens wurden auch die nicht mehr auffindbaren Bücher so präzise wie möglich bestimmt.

ERÖFFNUNG NEUER FORSCHUNGSMÖGLICHKEITEN

Das auf drei Bände und einen Registerband angelegte Gesamtwerk wird deshalb nahezu den gesamten Bestand umfassen und damit Wissenschaftlern aus vielen Fachrichtungen neue Forschungsmöglichkeiten eröffnen. Band 1 ist soeben in der Reihe "Studia Augustana" des Instituts für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg erschienen:
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DIE BIBLIOTHEK KONRAD PEUTINGERS. EDITION DER HISTORISCHEN KATALOGE UND REKONSTRUKTION DER BESTÄNDE. BAND 1: DIE AUTOGRAPHEN KATALOGE PEUTINGERS. DER NICHT-JURISTISCHE BIBLIOTHEKSTEIL. BEARBEITET VON HANS-JÖRG KÜNAST UND HELMUT ZÄH. HG. VON JOCHEN BRÜNING, HELMUT GIER, JAN-DIRK MÜLLER UND BERNHARD SCHIMMELPFENNIG. TÜBINGEN: MAX NIEMEYER VERLAG, 2003 (STUDIA AUGUSTANA. BAND 11).
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PRÄSENTATION AM 8. OKTOBER

Die Präsentation des Bandes am 8. November 2003 im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses beginnt um 18.00 Uhr. neben den Bearbeitern Dr. Hans-Jörg Künast und Dr. Helmut Zäh (Universität Augsburg), die über "Die Rekonstruktion der Bücher- und Handschriftensammlung Konrad Peutingers" berichten, spricht Prof. Dr. Jan-Dirk Müller (Ludwig-Maximilians-Universität München) zum Thema "Von der Wiedergeburt der größten deutschen Humanistenbibliothek". Das Ensenble Lyrique unter der Leitung von Simon Schouten, Niederlande, spielt Motetten von Heinrich Isaak, Orlando di Lasso, Josquin Despresz und Ludwig Senfl.
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KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:
Dr. Hans-Jörg Künast / Dr. Helmut Zäh
Peutinger-Projekt
c/o Staats- und Stadtbibliothek Augsburg
Schaezlerstraße 25
D-86150 Augsburg
Telefon 0821/324-2734
bibliothek.stadt@augsburg.de

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ANHANG: KONRAD PEUTINGER UND SEINE BIBLIOTHEK

Konrad Peutinger, der in Italien studiert und dabei den Renaissancehumanismus in seiner vollen Blüte kennengelernt hatte, war von 1497 bis 1534 als 'Stadtschreiber' Leiter der städtischen Verwaltung in seiner Vaterstadt Augsburg. Verheiratet mit Margarete Welser, der Tochter des Inhabers des neben den Fuggern erfolgreichsten Handelsunternehmens, gehörte er zu den nicht nur politisch einflussreichsten Persönlichkeiten im Augsburg zur Zeit Jakob Fuggers des Reichen. Er spielte zudem eine führende Rolle im 'Schwäbischen Bund', dem Zusammenschluss der süddeutschen Reichsstädte, und verfügte über beste Kontakte zu Kaiser Maximilian I. Erst als er mit seiner Politik des 'mittleren Weges', die auf einen Ausgleich zwischen den streitenden Religionsparteien abzielte, scheiterte und die Reformation in Augsburg offiziell eingeführt wurde, zog er sich von seinen Ämtern zurück.

Peutinger veröffentlichte nur wenige eigene Schriften im Druck. Viele seiner Werke sind jedoch in handschriftlichen Fassungen überliefert. Darüber hinaus unterstützte er fremde wissenschaftliche und künstlerische Projekte massiv. Neben seiner großen Bibliothek besaß Peutinger weitere hochbedeutende Sammlungen, die in seinem heute noch stehenden Wohnhaus untergebracht waren. Darunter befanden sich Tausende römischer Münzen, antike Inschriften und andere Funde, Gemälde, Plastiken und Graphiken namhafter Künstler, exotische Naturalien und vieles andere mehr.

Die Bibliothek Peutingers enthielt Bücher aus allen Wissensgebieten und allen Epochen. Seine juristische Handbibliothek, die er für seine beruflichen Aufgaben benötigte, war so umfangreich, dass sie einen eigenen Raum beanspruchte. Bei den übrigen Büchern lagen die Schwerpunkte auf der Theologie, Philosophie, Geschichte, Rhetorik, Geographie und Medizin. Zu der Bibliothek gehörten außerdem rund 200 Bände mit Handschriften, darunter kostbare Pergamenthandschriften aus dem Mittelalter, deren älteste aus dem 11. Jahrhundert stammen, aber auch solche, die Peutinger eigens für sich abschreiben ließ. Glanzstücke der Bibliothek waren heute weltbekannte Unikate wie der nur in diesem einen Exemplar erhaltene 'Türkenkalender', der von Gutenburg noch vor seiner berühmten Bibel gedruckt wurde, oder die 'Tabula Peutingeriana', die mittelalterliche Kopie einer spätantiken Weltkarte.

Noch wichtiger als solche Raritäten ist für die Wissenschaft, dass seine Bibliothek für Peutinger ein intensiv genutztes Arbeitsinstrument darstellte und sie nicht wie sonst viele fürstliche und private Büchersammlungen vor allem der Sammelleidenschaft und dem Repräsentationsbedürfnis ihrer Besitzer diente. Die Spuren der Arbeit Peutingers mit seinen Büchern sind bis heute unübersehbar. Insbesondere zeugen davon zahllose handschriftliche Einträge, die es ermöglichen, seine Arbeitsweise bis ins Detail nachzuvollziehen.

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