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ZU-Forscher Martin Tröndle: Wirtschaft und Wissenschaft müssen Kreative stärker einbinden

13.03.2012 - (idw) Zeppelin University

Die sogenannte Kultur- und Kreativwirtschaft gewinnt in Deutschland zunehmend an Bedeutung. Deshalb werden in Zukunft die Künste für Wissenschaft und Wirtschaft noch besser erschlossen und vor allem genutzt werden müssen, fordert Jun.-Professor Dr. Martin Tröndle vom Lehrstuhl für Kulturbetriebslehre und Kunstforschung an der Zeppelin Universität (ZU) Friedrichshafen. Gemeinsam mit Julia Warmers von der Akademie Schloss Solitude hat Tröndle das Problem untersucht und es in dem gemeinsamen Buch Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft erstmals grundlegend dargestellt sowie Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. Wie Kreativwirtschaft funktionieren kann, zeigt ein aktuelles Beispiel: die BlingCrete Materialforschung. Dabei hat eine Gruppe von Architekten, Physikern, Materialforschern, Künstler und Designer einen lichtreflektierenden Beton entwickelt, der große Mengen Energie einspart. Die Erfindung wurde gerade mit dem renommierten iF gold award ausgezeichnet. Es wurde ein völlig neues Produkt entwickelt, weil sich die Beteiligten jenseits eingetretener Pfade und ihrer eigentlichen Fachdisziplinen bewegt haben, erklärt Martin Tröndle. Ein solches Zusammenwirken, so meint er, wird für die Wirtschaft zukünftig noch deutlich an Bedeutung gewinnen. Tröndle verweist in diesem Zusammenhang auch auf das Grünbuch der Europäischen Kommission Erschließung der Kultur- und Kreativindustrien, in dem es heißt: Viel von unserem zukünftigen Wohlstand wird davon abhängen, wie wir unsere Ressourcen, unser Wissen und unser kreatives Potential nutzen, um die Innovationen voranzutreiben.

Die neuen Formen der Zusammenarbeit sind bereits vielfältig: So lässt sich laut Tröndle die Stadt Chicago von einer Künstlerin beraten, die als embedded artist Zukunftsmodelle für die Stadtentwicklung und die Erneuerung der öffentlichen Verwaltung erstellt, und die ETH Zürich initiierte 2007 das Programm artists-in-labs. Dabei arbeiten Künstler mit Wissenschaftlern zusammen, um neues Wissen in den Bereichen Robotik, künstliche Intelligenz, Lawinenforschung und anderen Themen zu erzeugen. An der Technischen Universität Dortmund entstand 2009 ein Zentrum für Kunsttransfer, in dem das nonlineare Denken in der Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Ingenieuren geübt wird, und die Hochschule St. Gallen erforscht künstlerische Strategien in der Organisationsgestaltung.

Wie aber können eigentlich gerade durch die Kreativwirtschaft Innovationen ausgelöst werden? Tröndle sieht gemeinsam mit Julia Warmers einen Schlüssel in der Transdisziplinarität. Auf der einen Seite sind da die Wissenschaftler, Experten in ihren Fachgebieten mit Großteils hochgradiger Spezialisierung und stark abstrahierendem Denken. Auf der anderen Seite wiederum sind da die Künstler, die kreativ und konkret arbeiten. Kommen beide in einem Projekt zusammen, erleben wir oft Lösungen, die jeweils der eine ohne den anderen gar nicht gesehen hätte, sagt Tröndle.

Trotz aller Aktivitäten und Erfolge jedoch sind besagte Kooperationen eher noch die Ausnahme denn die Regel. Dies liegt nach Ansicht von Tröndle daran, dass Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst in ihrer jeweiligen Eigenlogik operieren und es den Beteiligten sehr schwer fällt, über ihre eigene Systemlogik hinauszudenken. Durch die eigene berufliche Sozialisierung habe man im Laufe der Jahre einen Blinden Fleck entwickelt, der den Blick auf die möglichen Potentiale des anderen verunmöglicht.

Gerade diese Potentiale aber werden deshalb entweder gar nicht gesehen oder fahrlässig unterschätzt. Diese neuen Möglichkeiten, die in den Künsten liegen, werden für Wirtschaft und Wissenschaft strategische Potentiale aufbauen, ist sich hingegen Tröndle sicher, dazu gilt es aber zu wissen, wie diese künstlerischen Strategien mit anderen Bereichen verbunden werden können, um so zu einem Dritten zu führen.

Wie dies konkret zu organisieren ist, beschreiben Tröndle und Warmers in ihrem Buch. Für die Wissenschaft bedeutet dies beispielsweise, das disziplinäre Einzelkämpfertum zu überwinden, wie es vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften vorkommt, und zu einer neuen Forschungsorganisation zu finden. Diese müsse sich dadurch auszeichnen, nicht wie bisher quantitative und qualitative Forschungsmethoden gegeneinander auszuspielen, sondern sie vielmehr miteinander und mit künstlerischen Forschungsstrategien zu verbinden. Für die Wirtschaft wiederum lohne insbesondere der Blick auf künstlerische Produktion und Kommunikation gerade die Inszenierungsformen der zeitgenössischen Kunst mit ihren Techniken der Aufladung und Wertsteigerung sind für Unternehmen außerordentlich aufschlussreich, findet Tröndle.

Eine zukünftig stärkere Kooperation von Kulturschaffenden, Wissenschaft und Unternehmen und damit der weitere Ausbau der Kreativwirtschaft ist deshalb für Tröndle von zentraler Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Europas. Denn sie ist seiner Ansicht nach mehr als nur ein Wettbewerbsvorteil, sondern in der globalisierten Welt sogar ein Überlebensfaktor oder wie Tröndle formuliert: Ästhetik als Strategie. jQuery(document).ready(function($) { $("fb_share").attr("share_url") = encodeURIComponent(window.location); });


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