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Liebe, Leben und Beruf in Ost und West

05.06.2002 - (idw) Fachhochschule Erfurt

Ende Mai besuchte eine Studierendengruppe der FH Wiesbaden das Seminar "Gleichheit oder Differenz" von Prof. Dr. Cäcilia Rentmeister und Prof. Dr. Gesine Spieß am Fachbereich Sozialwesen der FH Erfurt. Nachfolgend einige Gedanken zum erlebten Kontakt Ost-West.

Ost- West - Schlaglichter (von Prof. Dr. Gesine Spieß)
Einschätzungen über Liebe, Leben und Beruf von Studierenden aus Erfurt und Wiesbaden im Vergleich

Rein äußerlich waren sie nicht zu unterschieden - die Gäste aus Wiesbaden und die StudentInnen des Fachbereichs Sozialwesen. Der Gesprächseinstieg war heftig und amüsierte! Im Gespräch zwischen(Ost-West) Paaren kamen auch die krassesten Vorurteile vom Osten gegenüber den Wessis und Westen gegenüber den Ossis ans Licht. Verblüffung kam auf, einige der Klischees waren identisch. Welche Vorurteile kamen heraus,? Hier nur einige.
Das Treffen zwischen "Ost und West" war spontan geplant. Die Studentinnen des Fachbereichs Sozialwesen von der FH Wiesbaden (Prof. Dr. Simmel- Joachim) wollten es wissen: Sind wir anders? - Die Exkursion in die neuen Bundesländer sollte eine Antwort geben, besonders das Gespräch mit Studierenden des gleichen Fachbereichs in Erfurt. Hier war der persönliche Kontakt zwischen den Professorinnen nützlich und zudem: Das Seminar der Professorinnen Rentmeister und Spieß mit dem Thema "Gleichheit und Differenz" bot sich an.
Die Diskussion über Familie, Partnerschaft, Liebe und Sexualität, Berufstätigkeit mit Kindern, Kita und Kirche, das Leben auf dem Land, in der Stadt war lebhaft. In vielen Beiträgen wurde sich erinnert: Wie war es in der DDR, wie in den alten Bundesländer vor der Wende? Der Rückblick speiste sich aus den Erinnerungen der Eltern genauso wie aus den eigenen Lebenserfahrungen (die meisten mindestens 8 Jahre, als die Wende in ihr Leben kam).
Die Frage aus Wiesbaden: "Wart Ihr freizügiger?" löste Bewegung aus. Die klare Antwort war: Ja. Als Beweis diente das freie Umgehen mit Nacktheit. FKK war Teil des normalen Lebens. "Ich habe nichts dabei gefunden, meinen zukünftigen Schwiegervater nackt zu sehen." Keine und keiner habe sich geschämt. Man hätte keine Pornozeitschriften gekannt, man habe sich halt gegenseitig nackt fotografiert. Zur Anschauung schauten sich die StudentInnen Zeitschriften, Bücher und Aufklärungs- Materialien aus der DDR zur Sexualität an.
Aber was bedeutet sexuelle Freiheit? Die Erfurterinnen problematisierten die Sex-Welle, die nach der Wende eingebrochen sei. Sie wurde im Gespräch nicht als ein Zeichen von Freiheit gewertet. Im Gegenteil: plötzlich habe der Sex einen ungeheuren Stellenwert bekommen. Das habe die Ansprüche in den Beziehungen unrealistisch gesteigert. Und von heute auf morgen seien sexuelle Wünsche und Zwänge, besonders an die Frauen, herangetragen worden, die es vorher nicht gab. Das habe oft zum Scheitern von Beziehungen geführt, nicht aber zu ihrer Befreiung.
Anschließen überlegte die Runde: was trägt zur persönlichen Freiheit bei? Wie verliefen und verlaufen jetzt die Autonomieprozesse der Einzelnen? Hier stellten sich Unterschiede wie Gemeinsamkeiten heraus. Bei vielen Antworten wurde die jeweilige Rolle der Familie betrachtet. Im Osten sei es selbstverständlich (gewesen), dass der neue Freund oder die Freundin die Familie eingeführt wird. Im Westen sei das eher ungewöhnlich. Allerdings berichtete eine Erfurter Studentin auch von einer Familien- Auflage:" Meine Ma sagt immer, bring ihn erst, wenn ihr euch ein halbes Jahr kennt."
In der DDR sei es als Jugendliche oder Jugendlicher schwer gewesen, sich von der Familie los zu lösen. Eine eigene Wohnung habe es nur "gegen Heirat" gegeben. Die Studierenden erinnerten an die Rolle des Staates, der habe durch Ehestanddarlehen und Kindergeld usw. die frühen Ehen in der DDR gefördert und Druck ausgeübt, der habe sich ausgewirkt. Eine Studentin berichtete: "Ich war 28 Jahre und hatte noch kein Kind. Das hat mir einen ungeheuren Druck gemacht - so alt und noch kein Kind!"
Interessant war an dieser Stelle der Ost-West- Unterschied. So hielt eine Studentin aus dem Westen der Kommilitonin aus dem Osten entgegen: "Ich hab alles ausprobiert, auf Reisen, in Wohngemeinschaften, mit Freunden." Die Ablösung junger Leute vom Elternhaus wurde von den Wiesbadenerinnen als eher unproblematisch beschrieben. Man ziehe halt in Wohngemeinschaften, man könne alle Erfahrungen mit sich machen.
Der Rückblick auf die DDR zeigte: die persönlichen Autonomieprozesse verliefen anders als in der alten Bundesrepublik. Man habe im Osten heiraten müssen, sich aber auch leicht scheiden können. Hier wurde die These "Scheidung als Mobilitätsersatz in der DDR" eingeflochten. Die hohe Scheidungsrate der DDR verblüffte auch einige aus Erfurt.
Eine weitere Frage: Habt Ihr Euch als Kinder zu wenig behütet gefühlt? Diese Frage lag den Wiesbadener besonders am Herzen. "Hat die frühe Kinderkrippen und Kindergartenerziehung Erziehung nicht auch zu Problemen geführt, für Euch und Eure Mütter?" Das löste einen langen Dialog aus: Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Ein Grund: nicht alle waren im Kindergarten. Einige Mütter seien zu Hause geblieben, eine andere Studentin beschrieb sich als "Vatertochter". Viele, die ganz selbstverständlich in der Krippe und im Kindergarten gewesen waren, berichteten von einer sehr schönen Kindheit. In der Familie habe es wunderbare und schöne Situationen gegeben. Auch die DDR-Kindergartenzeit wurde von den Anwesenden als eine gute Zeit beschrieben. Vor allem habe es nicht die Zuschreibung "Rabenmütter" gegeben. Diese Stereotype würde erst jetzt vom Westen in den Osten rüberschwappen. Die Studierenden haben sich im Anschluss noch länger mit der Gretchen-Frage beschäftigt, wie denn eine gerechte Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie zu realisieren sei.
Fazit des Gesprächs mit den Gästen:
Die Vorurteile haben sich nicht bestätigt. Das Ost-West- Raster ist zu grob. Selbst in einer so überschaubaren Gruppe gibt es zahlreiche Unterschiede zwischen den Erfurter Studierenden selbst und denen aus Wiesbaden. Einiges über die DDR war auch unseren Studentinnen neu. Es zeigte sich: die Kenntnisse über die Geschichte der DDR speisen sich zum großen Teil aus persönlichen Erinnerungen, ob aus eigenen oder denen der Eltern und Familie.
Die Professorinnen waren sich auch einig: der Austausch war sehr nützlich. Die StudentInnen waren sich einig: das Gespräch war zu kurz - es soll fortgesetzt werden. Die Erfurterinnen wurden spontan eingeladen. Wiesbaden ist auch eine schöne Stadt.

Kontakt: Prof. Dr. Gesine Spieß, Tel. 0361/6700539, spiess@soz.fh-erfurt.de

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