Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDienstag, 25. Juni 2019 

Wie der alltägliche Vorgang des Essens eine Gesellschaft verändern kann

17.04.2012 - (idw) Universität Augsburg

Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2012 geht an die Kölner Habilitationsschrift von Dr. Maren Möring über di Internationalisierung der Ernährung in der Bundesrepublik. / Den Förderpreis erhält Michaela Brosig für ihre Berliner Magisterarbeit über Lebenswelten und Handlungsstrategien junger Türkinnen in Neuköln. / Preisverleihung am 18. Juni 2012 im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses Augsburg/EN/KPP - Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2012 geht - mit 5000 Euro dotiert - an die Neuhistorikerin Dr. Maren Möhring. Sie erhält die Auszeichnung für ihre Kölner Habilitationsschrift zum Thema "Ausländische Gastronomie. Migrantische Unternehmensgründungen, neue Konsumorte und die Internationalisierung der Ernährung in der Bundesrepublik Deutschland". Den mit 1.500 Euro dotierten Förderpreis erhält in diesem Jahr Michaela Brosig für ihre an der Freien Universität Berlin vorgelegte Magisterarbeit "Neukölln unlimeted? Lebenswelten und Handlungsstrategien junger Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund". Preisverleihung ist in diesem Jahr am 18. Juni - wie immer um 19.00 Uhr im Goldenen Saal des Rathauses der Stadt Augsburg, die den 1998 vom Stifter-Ehepaar Helmut und Marianne Hartmann initiierten Preis alljährlich gemeinsam mit der Universität Augsburg und dem Augsburger Forum Interkulturelles Leben und Lernen (FILL) e. V. vergibt.

Die diesjährige Hauptpreisträgerin des Augsburger Wissenschaftspreises für Interkulturelle Studien, Dr. Maren Möhring, hat nach dem Studium der Geschichte, Germanistik und Pädagogik in Hamburg und Dublin an der LMU München im Fach Neuere Geschichte promoviert. Sie war DFG-Stipendiatin und Forschungstipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung im Feodor-Lynen-Programm. Ihre an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln vorgelegte Habilitationsschrift "Ausländische Gastronomie. Migrantische Unternehmensgründungen, neue Konsumorte und die Internationalisierung der Ernährung in der Bundesrepublik Deutschland" wurde als die in den Augen der Jury beste der in diesem Jahr 13 Bewerbungen ausgewählt und mit dem mit 5000 Euro dotierten Hauptpreis des Augsburger Wissenschaftspreises für Interkulturelle Studien 2012 bedacht. " Möhrings Studie besticht durch einen höchst innovativen und phantasievollen Zugriff auf einer enorm breiten und differenzierten Quellenbasis", so der Vorsitzende der Jury des Augsburger Wissenschaftspreises, Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. Eckhard Nagel.

Schlager, Spielfilme, Kochrezepte ...

... sind neben einem umfangreichen Schriftkorpus die Quellen der Studie Mörings. Auch an ihnen lässt sich die zunehmende Internationalisierung unserer Essgewohnheiten aufzeigen. Deren Wandel ist nicht nur der Lebensmittelindustrie und den Massenmedien geschuldet, vielmehr haben Migrantinnen und Migranten aktiv dazu beigetragen, die Konsumlandschaft in Deutschland zu verändern. Gleichermaßen wurde es mit zunehmendem Massentourismus schick, außerhalb des eigenen Heimes zu speisen und die eigene soziale Distinktion und Weltoffenheit durch die Wahl eines ausländischen Restaurants zu betonen. Die italienische Küche war dabei Wegbereiterin einer ausländischen Gastronomie, die mit Eisdiele und Pizzeria südliches Flair vermittelte, das in entsprechenden Schlagern besungen wurde.

Die gut bürgerliche Küche des Balkans hingegen kam in der jungen Bundesrepublik wegen ihrer Fleischlastigkeit bei der Kriegsgeneration sehr gut an. Die Preisträgerin verknüpft den Film aus dem Jahr 1955 stammenden Streifen "Ich denke oft an Piroschka" als filmische Fiktion mit der Restaurantrealität und zeigt, dass der Balkan eher als das "unvollkommene Eigene" konstruiert wurde. In den 1980er Jahren wurde der "Balkan-Grill" in seiner Beliebtheit dann von der griechischen Taverne abgelöst. Die Filmfigur "Alexis Sorbas" setzte sich in der als einfach dargestellten Taverne in Szene und trug maßgeblich zu einem neuen Konsumort und kulinarischem Griechenlandbild bei.

Speisen, Ethnizität und Zugehörigkeit

Möhring zeigt, wie Speisen und deren Wahrnehmung eingebunden sind in die jeweiligen Diskurse zu Ethnizität und Zugehörigkeit. Das terroristische Netzwerk "Nationalsozialistischer Untergrund" hat auch Betreiber von Döner-Imbissen als Zielscheibe seiner Morde gewählt. Dies verdeutlicht, wie sehr Nahrung ein Symbol kultureller Differenz und ihrer Ablehnung sein kann. Dabei ist der Döner nur vermeintlich ein "fremdes Nationalgericht": Während er im Bewusstsein vieler Deutscher als traditionelle türkische Speise gilt, ist er in Wirklichkeit ein recht neues Produkt, das es in der Türkei zunächst nicht gab und das erst aus der Kombination eines Tellergerichtes mit einem speziellen Brot, das früher in der Türkei nur anlässlich von Hochzeitsfeiern gereicht wurde, auf dem deutschen Imbissmarkt entstand. Möhring nimmt den Wandel von Konsumgewohnheiten nicht nur unter dem Aspekt der Probleme und Konflikte des täglichen Zusammenlebens zwischen Migranten und Deutschen in den Blick, vielmehr nutzt sie ihn auch, um den kreativen Austausch zu beobachten und zu belegen: "Man versteht an dieser Arbeit, wie der alltägliche Vorgang des Essens transkulturelle Qualität gewinnt und gleichermaßen eine Gesellschaft verändern kann", meint der Jury-Vorsitzende Nagel.

Am Beispiel Neuköllns

Die diesjährige Förderpreisträgerin Michaela Brosig, 1982 in Weingarten geboren, lebt heute in Berlin, wo sie an der FU Ethnologie und Neuere Geschichte studierte, um sich parallel in feministischen und anti-rassistischen Initiativen zu engagieren. Den Förderpreis erhält sie für ihre Magisterarbeit mit dem Titel "Neukölln unlimeted? Lebenswelten und Handlungsstrategien junger Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund". Brosigs ethnologische Studien für diese Arbeit waren eingebettet in das Teamforschungsprojekt "Possible Selves, Transitionen und Bildungserfolg. Kindheit und Jugend türkischer Migranten am FU-Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie.

Suche nach Anerkennung von Ähnlichkeit und Unterschied

Die Suche nach Anerkennung sowohl individueller Wünsche und möglicher Identifikation einerseits und der Wunsch nach der Anerkennung von Differenz andererseits ziehen sich wie ein roter Faden durch die Biographie der jungen Frauen mit denen Michaela Brosig in Neukölln gearbeitet und geforscht hat. Die Mädchen und jungen Frauen dort leben in einem Berliner Stadtteil, der sowohl von der Politik und den Medien als auch von ihnen selbst als marginalisiert wahrgenommen wird. Zur Verbesserung ihrer eigenen Berufs- und Lebenschancen planen viele, Neukölln zu verlassen. Gleichzeitig ist ihnen dieser Stadtteil jedoch auch ein Ort der Identitätsstiftung und lokalen Verortung. In Deutschland von den anderen als "Ausländerin" oder "Türkin", in der Türkei hingegen als Almanci bezeichnet, verorten sie sich selbst als "Deutschiye" oder als Neuköllnerin. Weder Deutschland noch die Türkei bieten Heimat und Zugehörigkeit, stattdessen sind es Räume wie die Mädcheneinrichtung, die lokale HipHop-Kultur oder Familienstrukturen, in denen Anerkennung, Respekt und Bestätigung erfahren werden. Mit HipHop als Vehikel gelingt es, negative Stereotype und Ghettogefühl in Symbole der Stärke, des Widerstandes und der Heimat zu verwandeln. Dabei wird Neukölln als sicherer Ort, der Berliner Osten hingegen als gefährliche Gegend konstruiert, und dies wiederum verspricht den Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft.


Handlungsspielräume und die Strategie der Heimlichkeit

Lange Zeit wurde in der Migrationsforschung die Sichtweise junger Frauen und Mädchen vernachlässigt. Brosig zeigt, wie sehr die Erfahrungen der jungenTürkinnen in Neukölln durch die sozial-moralische Kontrolle ihrer Umgebung und ihrer eigenen Familie geprägt wird. Sie assoziieren die geschlechtsspezifischen Ehrvorstellungen hinsichtlich Sexualität und Kle
uniprotokolle > Nachrichten > Wie der alltägliche Vorgang des Essens eine Gesellschaft verändern kann
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/235596/">Wie der alltägliche Vorgang des Essens eine Gesellschaft verändern kann </a>