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Gladiatorenblut gegen Epilepsie

10.10.2003 - (idw) Universität zu Köln

Gladiatorenblut gegen Epilepsie
Magische Heilmethode der Römer bis ins 20. Jahrhundert nachweisbar

Das Blut eines getöteten Gladiators war in der Vorstellung der Römer ein Medika-ment gegen Epilepsie. Den Menschen im Mittelalter reichte das Blut eines geköpften Verbrechers. Mögliche Ursprünge dieses schaurig-magischen Mittels in den rituellen Schwertkämpfen der Etrusker und das Andauern des Aberglaubens sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein haben Professor Dr. Axel Karenberg und Dr. Ferdinand Peter Moog vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln jetzt in einer Untersuchung aufgezeigt.

"O welch übermächtiger Zwang doch besteht zu dulden, daß hier ein Übel mit einer widerlichen Besudelung geheilt wird." Der kappadozische Arzt Aretaios im ersten Jahrhundert n. Chr. schüttelt sich förmlich: "Ich habe gesehen, wie man unter die Wunde eines soeben Erschlagenen eine Schale gehalten und was sich an Blut auffangen ließ getrunken hat". Die Kranken, die sich von dieser Anwendung Heilung erhofften, litten unter Epilepsie: Im Altertum eine vielfach unverstandene, vor allem aber untherapierbare Krankheit.

Die Wurzeln des Gladiatorenblut-Aberglaubens sehen die Kölner Wissenschaftler in den Ursprüngen des Gladiatorenkampfes. In vorrömischer Zeit hielten die Etrusker Zweikämpfe mit dem Schwert als Teil von Begräbnisfeiern ab. Hochgestellte Persönlichkeiten wurden so nach ihrem Tod besonders geehrt. Der Tod der Schwert-kämpfer wurde als heiliges Opfer verstanden und sollte vermutlich die Seele des Verstorbenen besänftigen.

Opferblut galt in nahezu allen Kulturen als geweihte Substanz und wurde deshalb auch als Zaubermittel mißbraucht. Patienten mit der "dämonischen" Krankheit Epi-lepsie gab dererlei Magie Hoffnung, vermuten die Kölner Medizinhistoriker. Und sogar scheinbare Erfolge hätte es durchaus geben können: Eine Form der kindlichen Epilepsie beispielsweise heilt in der Pubertät von selbst aus. Geschickt und zur richtigen Zeit eingesetzt, konnte das scheußliche Mittel die Illusion einer Wirkung hervorrufen. Auch Patienten, die im Leben nur einen einzigen Anfall erleiden, konnten sich durch die schauerliche Behandlung geheilt fühlen.

Bereits die römischen Ärzte distanzierten sich aus ethischen Gründen von Gladiatorenblut als Heilmittel. Dessen Wirksamkeit hielten einige von ihnen allerdings für möglich. Wohl aus diesem Grund berichten verschiedene Ärzte im Mittelalter und bis ins 18. Jahrhundert hinein über die magische Therapie. Nach dem Verbot der Gla-diatorenkämpfe um 400 n. Chr. trat das Blut zum Tode Verurteilter - Geköpfter - die Nachfolge als Wundermittel an. Und zwar nicht nur in ärztlichen Berichten, wie Pro-fessor Karenberg darstellt: Im Juni 1908 wird in sächsischen Zeitungen von einer älteren Frau berichtet, die die Sicherheitskräfte um ein wenig Blut einer enthaupteten Mörderin bittet. Sie wolle damit eine junge Verwandte von Epilepsie heilen.

Welche Gedanken und Gefühle die Kranken hatten, die menschliches Blut tranken, ist wie oft in der Geschichte der Therapie unbekannt, so die Kölner Wissenschaftler. Dank der medizinischen Entwicklung gebe es heute Medikamente, die wenigstens diesen Aberglauben haben verschwinden lassen.

Verantwortlich: Dr. Markus Bernards

Für Rückfragen steht Ihnen Professor Dr. Axel Karenberg unter der Telefonnummer 0221 478 5266, Fax-Nr. 0221 478 6794 oder der Email-Adresse ajg02@rrz.uni-koeln.de zur Verfügung.

Unsere Presseinformationen finden Sie auch im Word Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).
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