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Linguistische Feldforschung in Nepal

11.10.2003 - (idw) Universität Leipzig

Leipziger Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Balthasar Bickel an der Dokumentation bedrohter Sprachen beteiligt

Vor etwa zehn Jahren haben Linguisten weltweit festgestellt, sagt Balthasar Bickel, Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig, dass in 100 Jahren die meisten Sprachen auf unserer Erde, etwa 70 Prozent der rund 6500 Sprachen, ausgestorben sein werden. Wenn nicht etwas dagegen getan wird! Dieser Warnschuss wurde von der Zunft nicht überhört, vielmehr wurden in der Linguistik die Prioritäten vielerorts neu gesetzt. Die Dokumentation bedrohter Sprachen erhielt Vorrang. Es hat noch einmal fast zehn Jahre gedauert, bis internationale Organisationen und Stiftungen reagierten und entsprechende Forschungsprogramme auflegten. So auch die Volkswagen-Stiftung.
Nach einer Startphase im Jahr 2000 mit ersten Bewilligungen für Projekte hat die Volkswagen-Stiftung im Vorjahr insgesamt 12 Bewilligungen in Höhe von 3,5 Millionen Euro in dem Programm "Dokumentation bedrohter Sprachen" ausgesprochen. An einem der zunächst auf drei Jahre angelegten Projekte ist auch Prof. Dr. Bickel beteiligt, der bereits seit mehreren Jahren als Linguist und Ethnolinguist Feldforschung in Nepal betreibt. Der vor anderthalb Jahren an die Leipziger Universität berufene 37-jährige Schweizer untersucht in dem Projekt (Beginn 2004) zusammen mit einheimischen Forschern zwei von über 100 noch in Nepal existierenden Sprachen, die jeweils nur noch von einigen hundert Sprechern benutzt wird. Von Interesse ist neben der Aufzeichnung der Sprachen mittels Tonband, Videokamera und Notizblock auch das soziale und kulturelle Umfeld der Sprecher oder die Frage, wie die Sprachen von Kindern erworben werden. Wie bei diesem Projekt kooperieren alle Forscher mit der zentralen Datenbank, die am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen (Niederlande) angesiedelt ist. Hier erfolgt die elektronische Aufarbeitung des Materials und hier werden Lösungen für eine dauerhafte Archivierung entwickelt.
In Nepal hat eine frühere Dokumentationsarbeit bereits den schönen Nebeneffekt gezeitigt, dass jetzt gegenüber Jahren zuvor, als der Rundfunk nur in der Nationalsprache sendete, Radioprogramme in 15 bis 20 verschiedenen Sprachen ausgestrahlt werden. Dabei sind die Unterschiede zwischen den zwei Hauptgruppen, dem indoeuropäischen Nepali und dem Sinotibetischen, von dem Bickel und seine Gruppe zwei Sprachen untersuchen, so groß wie beispielsweise zwischen Deutsch und Chinesisch. Dabei ist sich der Leipziger Sprachwissenschaftler bewusst, dass diese Forschungsarbeit immer auch eine Gratwanderung ist zwischen dem positiven Anliegen der Förderung der Sprachenvielfalt und des Hineingezogenwerdens in ethnische Konflikte. Was Nepal angeht, sind Koordinator Bickel und seine Teamkollegen aus Katmandu, Heidelberg und vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig optimistisch, werde es solche Probleme nicht geben. In drei Jahren werde ein Datenmaterial vorliegen, dessen Korpus, also die Belegsammlung über die beiden Sprachen - beide sind keine Schriftsprachen - , mit dem des Lateinischen vergleichbar ist. Erfasst werden diese Sprachen in einer Lautschrift gemäß dem internationalen phonetischen Alphabet, das auf lateinischen Buchstaben basiert, und zugleich in einer lokalen Schrift des Nepali, dem Devanagari. Zugleich sollen bis dahin eine kurze Grammatik und ein Wörterbuch erarbeitet werden.

Diese Forschungsarbeit vollzieht sich vor dem Hintergrund, dass unzählige lokale Sprachen in Asien, Afrika, Australien, Amerika, aber auch in Europa in ihrer Existenz gefährdet sind. Über die Hälfte der heutigen Sprachen werden von weniger als 0,3 Prozent der Weltbevölkerung gesprochen. Anders gesagt: Über die Hälfte der heutigen Sprachen werden von jeweils weniger als 10 000 Menschen geprochen. Die Sprachenvielfalt ist ein historisches Erbe, keine Frage, eine einsprachige Bevölkerung auf einem riesigen Territorium, wie wir es heute kennen - die Hälfte der Menschheit spricht heute eine der 20 größten Sprachen - war in Vorzeiten nicht gegeben. Heute reicht oft schon der Bau einer Straße in ein entlegenes Dorf oder auch der erste Fernseher, der das Programm in der Nationalsprache ausstrahlt, um eine Sprache auf die Liste "Vom Aussterben bedroht" zu setzen.
Fragt man den Linguisten Prof. Bickel nach den Motiven für sein Engagement in der weltweiten Sprachendokumentation, so führt er wenigstens zwei an: zum einen, dass die linguistische Wissenschaft, will sie das Wesen der Sprache erforschen, ihre tatsächliche Vielfalt kennen muss, und zum anderen, dass man den Sprechern der seltenen Sprache, die meist ohne Schrift ist, beispielsweise über das Erstellen von Wörterbüchern hilft, mit der Entwicklung im Lande und darüber hinaus besser Schritt zu halten. Entwicklungshilfe der speziellen Art - "Mir ist es eine Freude, etwas dazu beizutragen", unterstreicht Balthasar Bickel.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Balthasar Bickel
Telefon: 0341 - 97 37604
E-Mail: bickel@uni-leipzig.de
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