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"Jetzt ist die Zeit, das Gras wachsen zu hören"

14.10.2003 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Professor Jean Ziegler sprach beim SWR UniForum an der Universität Heidelberg über eine Welt zwischen Furcht und Hoffnung - Der Bestsellerautor wendet sich mit spitzer Feder gegen nationale und internationale Finanzstrukturen

Sehr gut besucht war beim SWR UniForum, das sich mit dem Thema "Globalisierung" befasste, die Veranstaltung "Jean Ziegler - Autor im Gespräch" im Literaturcafé des Marstallhofes. Der Schweizer Professor Jean Ziegler gilt als ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen den Neoliberalismus, der sich seiner Ansicht nach global durchsetzt. Diese zentrale These vertritt er auch wieder in seinem jüngst erschienenen Buch "Die neuen Herrscher der Welt - und ihre globalen Widersacher". Ziegler gehört dem Führungsgremium der Schweizer Sozialdemokraten an, wurde von UNO-Chef Kofi Annan zum Sonderbotschafter für Recht und Nahrung ernannt und ist Bestsellerautor. Seine Schriften zogen im reichlich Klagen zu, das Sachbuch "Eine Schweiz - über jeden Verdacht erhaben" provozierte in den 1980er Jahren einen nationalen Skandal. Die Liste seiner Feinde ist lang, Ziegler erhielt mehrere Morddrohungen, zeitweise steht er unter Polizeischutz. Doch er gibt sich unverdrossen: "Es ist meine Pflicht diesen Kampf zu führen, es ist unsere demokratische Aufgabe auch die Stimme der Rechtlosen zu sein."

Zunächst wies Ziegler, vorgestellt von SWR-Moderator Wolfgang Niess, darauf hin, wie komplex der Prozess der gegenwärtigen Globalisierung sei. Selbstverständlich bliebe ein Gespräch über sie also immer schematisch. Dennoch seien ihre Auswirkungen unmittelbar zu erfahren und so dramatisch, dass er sich offen als Globalisierungsgegner bekenne. "Jeden Tag sterben 100 000 Menschen an Hunger, alle vier Minuten verliert ein Mensch aus Mangel an Vitamin A sein Augenlicht", so Ziegler. Diese Zustände seien nicht hinnehmbar, der Planet Erde besäße mehr als genug Ressourcen, um die Menschheit zu ernähren. "Nehmen wir die vier Hauptprobleme zusammen, Hunger, verseuchtes Wasser, Krieg und Epidemien - so sterben an ihnen in der Dritten Welt pro Jahr 53 Millionen Menschen. Dies entspricht nahezu der Zahl der Toten des gesamten Zweiten Weltkriegs".

Nach der Implosion der Sowjetunion seien einige Unternehmen mächtiger als manche Staaten geworden. "Das ist eine Gefahr für uns. Die Normativkraft unserer Staaten schmilzt dahin wie ein Schneemann im Frühling in Zerrmatt!", meinte Ziegler. Auch die Strukturanpassungs-Programme des internationalen Währungsfonds führten in vielen Drittweltländern zu gefährlichen Fehlentwicklungen. Um ihre Schulden mit Devisen begleichen zu können, stellten diese Länder ihre Landwirtschaft grundlegend um: Statt Nahrungsmitteln würden Kakao, Kaffee oder Baumwolle für den Export erzeugt. Die Folge sei, dass diese Länder ihre Bevölkerung nicht mehr ernähren könnten. Auch das Schweizer Bankgeheimnis kritisierte Ziegler scharf, es werde oft missbraucht um unrechtmäßig erworbenes Vermögen zu verschleiern.

Dennoch sehe er Hoffnung, betonte Ziegler. Weltweit, quasi als globale Kehrseite der Medaille, beginne sich Widerstand zu regen. Er zeige sich in vielen Formen, in Europa sei es Attac, in Südamerika gäbe es Indianerbewegungen, jede Kultur entwickle eigene Strukturen. "Sind dies nicht machtlose Gesten Einzelner? Sozialromantisch gefärbte Utopien?", wandte Nies ein. "Nein, gerade vor dem Irakkrieg zeigte sich, dass diese diffusen Strömungen sich rasch zu einer mächtigen Massenbewegung entwickeln können." Es werde sicher keine Internationale mehr geben, betonte Ziegler "eher sehe ich die Form eines lebendigen Internets auf uns zukommen." Es bestehe berechtigte Hoffnung auf die Ausbildung einer neuen planetarischen Zivilgesellschaft. Auch wenn diese noch nicht konkret greifbar sei. "Marx hat viel Wahres und viel Falsches gesagt. Aber eine Aussage ist sicher richtig: "Der Sozialrevolutionär muss das Gras wachsen hören". Und an exakt dieser Schwelle stehen wir heute."

Eigens aus Neustadt reiste Jürgen Schmidt zu dem Autorengespräch an. "Ich habe zwar Zieglers Bücher noch nicht gelesen, aber schon viel über seine Arbeit gehört. Es war eine sehr anregende Gesprächsrunde mit ausgezeichneter Moderation. Die Atmosphäre war offen, intelligent und unterhaltsam. Viele von Zieglers Thesen sind gut nachvollziehbar, und als Person hinterlässt er bei mir einen höchst integren und glaubwürdigen Eindruck!"

Johannes Schnurr

Rückfragen von Journalisten bitte an:
Dr. Michael Schwarz, Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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