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Klinische Studie belegt Wirksamkeit der Psychoanalyse

15.10.2003 - (idw) Universitätsklinikum Heidelberg

Heidelberger Tagung am 17./18. Oktober befasst sich mit neuen Ergebnissen / Vorteile gegenüber kurzfristiger Psychotherapie nachgewiesen

Wissenschaftler der Psychosomatischen Abteilungen des Universitätsklinikums Heidelberg und des Universitätsklinikums Benjamin Franklin, Berlin, haben in einer aufwendigen Langzeitstudie nachgewiesen, dass psychoanalytische Behandlungen nicht nur Symptome beseitigen, sondern eine Umstrukturierung der Persönlichkeit mit höherer Wahrscheinlichkeit erreichen können als kürzere Psychotherapien. Die noch unveröffentlichten Ergebnisse der "Praxisstudie analytischer Langzeittherapien" werden auf einer Tagung am 17. und 18. Oktober in Heidelberg vorgestellt, die sich mit der Wirksamkeit von Psychoanalyse und Psychotherapie befasst. Die Tagung wird von der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Gerd Rudolf) veranstaltet.

Seit 1996 untersuchten die Heidelberger und Berliner Forscher insgesamt 72 Personen, die an neurotischen und Persönlichkeitsstörungen litten, meist verbunden mit körperlichen Beschwerden. Bei insgesamt 60 Prozent der psychoanalytisch behandelten Patienten wurde eine nachhaltige Persönlichkeitsveränderung nachgewiesen; wurde dagegen Psychotherapie angewandt, gelang dies nur bei ca. 11 Prozent der Patienten.

Die psychoanalytische Behandlung ist gekennzeichnet durch eine Dauer von bis zu 240 bis 300 Stunden mit etwa drei Sitzungen pro Woche, während Psychotherapien rund 50 bis 80 Stunden und meist eine Sitzung pro Woche umfassen. "Psychoanalyse und Psychotherapien haben unterschiedliche Ziele", erklärt Dr. Tilman Grande, Psychologe und Forschungsleiter an der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg. Während Psychotherapien auf die Bewältigung der aktuellen Konflikte und Belastungen abzielten, soll durch die Psychoanalyse eine tiefergreifende Änderung der Persönlichkeitsstruktur erreicht werden.

Langzeitstudien für wissenschaftliche Untersuchung der Psychoanalyse erforderlich

Die Ergebnisse der Langzeitstudie sind eindrucksvoll: Sowohl die Patienten selbst als auch ihre Therapeuten sowie die wissenschaftlichen Beobachter der Studie stellten unabhängig voneinander deutliche Merkmale der Strukturveränderung bei Psychoanalyse-Patienten fest. So waren bei diesen intensivere Therapieprozesse zu beobachten, ihre Symptome gingen deutlich zurück, das Selbsterleben wurde positiver, die Lebensqualität nahm zu. Dadurch waren die Betroffenen in der Lage, die Belastungen zu ertragen und ihr Leben besser zu gestalten. Gleichzeitig wurden medizinische Leistungen wesentlich weniger häufig in Anspruch genommen.

Die Heidelberger Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Ergebnisse der Studie gerade unter dem gegenwärtigen Kostendruck im Gesundheitswesen von Bedeutung seien. "Oft wird die Wirksamkeit der Psychoanalyse mit dem Hinweis angezweifelt, dass bereits kürzere Psychotherapien effektiv seien", sagt Prof. Gerd Rudolf. Psychische und psychosomatische Beschwerden seien jedoch häufig Ausdruck von tieferliegenden Schwierigkeiten der Persönlichkeit. Nachhaltige Veränderungen der Persönlichkeit könnten aber meist nur durch eine intensive und längere Behandlung erreicht werden, wie sie in der Psychoanalyse angeboten wird.

Da solche Therapien mehrere Jahre dauern können, sei die Effektivität der Behandlung bislang noch nicht ausreichend wissenschaftlich geprüft worden, sagte Prof. Rudolf. Es sei schwierig, die nötigen Finanzmittel für derartige Studien der Versorgungsforschung einzuwerben. Darüber hinaus gibt es Schwierigkeiten, eine über viele Jahre hinweg laufende Studie zu organisieren. Die "Praxisstudie analytischer Langzeittherapien" wurde überwiegend von der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) sowie der Robert-Bosch-Stiftung finanziert.

In einer weiteren Studie untersuchen die Heidelberger und Berliner Wissenschaftler, ob die erfolgreich behandelten Patienten auch nach einer therapiefreien Zeit von ein bis drei Jahren immer noch besser in der Lage sind, ihre Lebensprobleme zu meistern, und zudem weniger Krankheitssymptome zeigen.

Journalisten sind herzlich eingeladen, an der Tagung teilzunehmen!

Weitere Informationen:
Sekretariat Prof. Dr. Gerd Rudolf, Ärztlicher Direktor der Psychosomatischen
Universitätsklinik: 06221 / 56-5879

Das Programm zur Veranstaltung finden Sie im Internet unter:
http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/Downloads/programm_psychosomatik_tagung_10-03.pdf

Literatur:
- Rudolf, G., T. Grande, C. Oberbracht (2000): Die Heidelberger Umstrukturierungsskala. Ein Modell der Veränderung in psychoanalytischen Therapien und seine Operationalisierung in einer Schätzskala. Psychotherapeut 45, 237-246
- Rudolf G, Grande T, Dilg R, Jakobsen Th, Keller W, Oberbracht, C., Pauli-Magnus C, Stehle S, Wilke St (2001): Strukturelle Veränderungen in psychoanalytischen Behandlungen - Zur Praxisstudie analytischer Langzeittherapien (PAL). In: Stuhr, U.; Leuzinger-Bohleber, M.; Beutel, M. (Hrsg.): Langzeitpsychotherapie. Perspektive für Therapeuten und Wissenschaftler. Kohlhammer, 238

(Die Originalartikel können bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter

http://www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/
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