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Klanggesten im Raum26.06.2012 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Elena Ungeheuer ist neue Professorin für Musik der Gegenwart an der Universität Würzburg. Musik der Gegenwart erforscht den Klang und seine Räume auch Räume der Universität.
Mit einer Klischee-Erwartung ins Konzert gehen und sein Klischee bestätigt finden: Diese Möglichkeit besteht jederzeit. Wir haben aber immer auch die Möglichkeit, etwas Neues zu erleben. Das sollte man nutzen. Was Elena Ungeheuer über Konzertbesuche sagt, gilt in gleichem Maße für einen Besuch bei ihr. Denn wer erwartet, bei der Professorin für Musik der Gegenwart ausgiebig über Linkin Park, Adele und den neuesten Hit der Ärzte plaudern zu können, der erlebt eine Überraschung.
Natürlich: Rock und Pop kommen in den Vorlesungen von Elena Ungeheuer auch vor. Dann stellt sie schon mal die prinzipielle Frage, ob Popmusik erforschbar ist. Ausgehend von ihrer Doktorarbeit über die Anfänge elektronischer Musik hat sie sich mit allen, auch nicht elektronischen Arten von Musik der Gegenwart befasst, darunter sind bekannten Komponisten wie Karlheinz Stockhausen oder Luciano Berio.
Elektronische Musik: Mehr als Lautsprecherkonzerte
Um 1950 entstand das erste elektronische Studio in Deutschland im Kölner Funkhaus, schildert die Musikforscherin die Anfänge von Musik der Gegenwart. Die neue Technik gab Komponisten neue Möglichkeiten, Klänge neu zu gestalten und nie zuvor gehörte Töne auf die Bühne zu bringen. Damals entstand ein ganz neuer Typus von Musik, sagt Ungeheuer. Ihre vielen Varianten über viele verschiedene Zugänge zu erschließen, sei ihre Aufgabe.
So verschieden die Zugänge, so unterschiedlich sind die Methoden, auf die die Musikwissenschaftlerin zugreift: Wie eine Archäologin geht sie in Archive, sucht Originalquellen, liest Briefwechsel aus vergangenen Jahrzehnten. Als Feldforscherin besucht sie Zeitzeugen, führt Interviews, besorgt Informationen. Als Technikerin misst sie Lautstärke, Volumen, Raumqualität der Musik, um die für musikwissenschaftliche Arbeit unentbehrlichen Werkanalysen herzustellen. Und natürlich interessiert sie sich ganz wie eine Psychologin dafür, wie Hörer diese Musik aufnehmen.
Die Psychologie des Musikhörens
Man muss das psychologische Moment und den situativen Kontext einbeziehen, wenn man ein Musikstück in allen seinen Variablen erfassen will, sagt sie. Also: Warum stört sich niemand an der miesen Klangqualität, wenn er sein Lieblingsstück aus dem Küchenradio hört? Warum jammert derjenige aber über die angeblich schlechte Qualität von datenreduzierten MP3-Files? Und bekommt sentimentale Anwandlungen, wenn die Nadel seines Schallplattenspielers mit einem deutlichen Knacken auf dem Vinyl aufsetzt?
Immer noch eine Schicht tiefer graben, die Strukturanalyse mit weiteren theoretischen Überlegungen verbinden, die hochkomplexen Handlungskonzepte der elektronischen Musik beschreibbar machen: Darin sieht Elena Ungeheuer ihre Aufgabe als Wissenschaftlerin. Ihr Ansatz, immer neue Fragen zu stellen, ist für ihre Studierenden im ersten Moment nicht unbedingt direkt nachzuvollziehen. Die erwarten eigentlich Antworten von mir, sagt sie. Sie hingegen wolle ihnen zeigen: Nur mit viel Wissen kann man auch viele kluge Fragen stellen.
Das Atelier Klangforschung
Elektronische Musik: Sie steht auch im Mittelpunkt einer Einrichtung, die Elena Ungeheuer gemeinsam mit dem Akademischen Rat Oliver Wiener an der Universität Würzburg neu ins Leben gerufen hat das Atelier Klangforschung. Als Ort, an dem sich Kunst und Wissenschaft begegnen, beschreibt Ungeheuer das Atelier. Es bietet Raum für Forschungsprojekte und Lehrveranstaltungen, veranstaltet Konzerte, Lesungen und multimediale Abende, richtet Workshops aus und kooperiert mit Künstlern und Institutionen. In den Projekten des Ateliers Klangforschung geht es unter anderem um musikalisches Handeln, Hörweisen, Gestenforschung und Klangkonzepte.
Untergebracht ist das Atelier Klangforschung zurzeit in einem ehemaligen Offiziershaus auf dem Hubland-Campus Nord. Der erste Künstler hatte dessen Räume bereits erforscht und zur Grundlage einer Komposition gemacht: Gerriet K. Sharma ist zurzeit Artist in Residence. Auf der Internetseite Keine Ahnung von Schwerkraft Kanzlei für Raumbefragungen schildert er ausführlich seine Vorgehensweise im Atelier Klangforschung.
Klänge in der alten Offiziersvilla
Tagelang hat sich Sharma in dem Gebäude an die unterschiedlichsten Stellen gesetzt und intensiv gelauscht. Später hat er Kontaktmikrofone an die Fensterscheiben geklebt und die Geräusche zu unterschiedlichen Tageszeitungen aufgenommen. Diese Aufnahmen hat er anschließend gefiltert, verändert und über Lautsprecher an verschiedenen Stellen im Gebäude wieder eingespielt. Ich sammle, notiere und versuche, Reaktionen, Zusammenspiele und Durchdringungen zu reproduzieren, beschreibt er seine Vorgehensweise.
Es geht dabei darum, den Raum auf seine akustischen Eigenschaften zu befragen und Klänge sich bewegen zu lassen, erklärt Elena Ungeheuer diese Kompositionsmethode. Irgendwann gerinnen die Raumbewegungen zu Gesten und kombinieren sich untereinander neu, so die Wissenschaftlerin. In einem langen Hörprozess sei es möglich, Klanggesten herauszufiltern, die bestehen bleiben und Aussagen begründen. Am Ende ordnet sich der Klang dem Raum unter, der Raum kann sich entfalten.
Konzert im Toscanasaal
Wer das einmal selbst erleben möchte, hat bereits am 4. Juli die Gelegenheit dazu. Im Toscanasaal in der Residenz präsentiert das Atelier Klangforschung ein Konzert mit Werken von Marco Stroppa und Gerriet K. Sharma. Sharma hat eigens ein Werk für den Toscanasaal eingerichtet. Sehr gut durchhörbar sei diese Arbeit, so Elena Ungeheuer. Auch wer bisher keine oder nur wenig Erfahrung mit dieser Art von Musik habe, könne problemlos Klanggesten und ihre Bewegungen identifizieren.
Marco Stroppa stellt an diesem Abend eine Würzburger Fassung des elektronischen Teils seiner Komposition für Klavier und Elektronik aus dem Jahr 1982 Traiettoria vor. Das Konzert beginnt um 18 Uhr; zwischen den Stücken stellen die Musikwissenschaftler den ersten Band der Atelierreihe Klangforschung in Musik vor. Der Eintritt ist frei.
Kann einem diese Art von Musik tatsächlich gefallen? Ein bisschen klingt Elena Ungeheuers Antwort wie eine Mischung aus Ja und Nein: Ich habe diese Musik als etwas unglaublich Faszinierendes kennen gelernt, sagt sie. Ob ich es mag, ist dritt- oder viertrangig. Und fügt nach kurzem Überlegen noch hinzu: Wenn man mit den Klängen vertraut ist, bilden sich die ästhetischen Kriterien anders, gute Musik muss nicht beim ersten Hören gefallen.
Zur Person
Elena Ungeheuer hat 1981 an der Universität Bonn das Studium der Musikwissenschaft, Ethnologie, Hispanistik und Psychologie aufgenommen. 1990 wurde sie promoviert; das Thema ihrer Dissertation lautet: Wie die elektronische Musik erfunden wurde. Quellenstudie zu Werner Meyer-Epplers Entwurf zwischen 1949 und 1953. Nach Stationen in Bochum, Düsseldorf, Berlin und Graz habilitierte sie sich 2009 an der Technischen Universität zu Berlin mit der Arbeit tatort musik. Aneignung von Musik im medienästhetischen Fokus.
Ab 2009 war sie Mitglied im Exzellenzcluster Languages of Emotion der Freien Universität Berlin; ihr Projekt beschäftigte sich mit Medien und Emotion. Zur emotionalen Wirkung von Musik in verschiedenen medialen Rezeptionssituationen. Seit Oktober 2011 ist Elena Ungeheuer Professorin für Musik der Gegenwart am Institut für Musikforschung der Universität Würzburg.
Kontakt
Prof. Dr. Elena Ungeheuer, T: (0931) 31-85803, elena.ungeheuer@uni-wuerzburg.de
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