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Europäer wollen in Afrika mehr sein als nur Entwicklungshelfer

29.10.2003 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Bürgerkrieg, Hungersnot, Aids: Afrika wird bei diesen Themen häufig als "der vergessene Kontinent" bezeichnet. "In der Tat ist Afrika im vergangenen Jahrzehnt von der internationalen Staatengemeinschaft sträflich vernachlässigt worden", so die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Gisela Müller-Brandeck-Bocquet von der Uni Würzburg. Doch gerade für die Europäische Union (EU) sei es dringend nötig, ihre afrikapolitischen Konzepte mit Nachdruck zu verfolgen.

Die Würzburger Politikwissenschaftlerin arbeitet mit finanzieller Förderung durch die Fritz-Thyssen-Stiftung (Köln) an einem Forschungsprojekt, bei dem die Afrikapolitik der EU analysiert und weiterentwickelt werden soll. "Seit Mitte der 1990er-Jahre hat die EU ihre bislang auf die Entwicklungs- und Handelspolitik konzentrierten Aktivitäten in Afrika um neue Ansätze ergänzt", erklärt die Professorin. Das neue Konzept drücke den Anspruch der EU aus, nicht nur als Entwicklungshelfer aufzutreten, sondern als vollwertiger Akteur, der in Afrika auch außen- und sicherheitspolitische Interessen verfolgt.

Dieser konzeptionelle Neuanfang sei aber weitgehend noch nicht in die Tat umgesetzt, und gerade das hält Gisela Müller-Brandeck-Bocquet aus mehreren Gründen für dringend nötig. Zum einen werde Afrika künftig allein schon wegen des hohen Bevölkerungswachstums punktuell zunehmend attraktive Absatzmärkte und Produktionsstandorte bieten. Hiervon sei auszugehen, so die Professorin, auch wenn die wirtschaftlichen Perspektiven des Kontinents unter den Afrika-Spezialisten umstritten sind.

"Auf der anderen Seite verfügt Afrika über ein großes Chaos-Potenzial, dessen negative Auswirkungen an erster Stelle die EU betreffen", warnt die Politik-Expertin: "Die Unterstützung, die manche afrikanische Staaten dem internationalen Terrorismus vermutlich gewährten oder noch gewähren, sowie der wachsende Einfluss, den extremistische Islamisten in etlichen Ländern Afrikas ausüben, veranschaulichen die Bedrohungen, die von Afrika ausgehen können." Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sei dies auch allenthalben erkannt worden. Hinzu kommen andere Gefahren wie die Pandemie von Aids und weiterer Infektionskrankheiten.

Nicht zuletzt aus diesen Gründen hat sich die industrialisierte Welt im Rahmen der UN-Weltgipfel und dem Treffen der G-8-Staaten des Jahres 2002 erneut zu ihren entwicklungspolitischen Verpflichtungen bekannt. "Erwartungsgemäß hat sich die EU hier ehrgeizigere Ziele gesetzt als beispielsweise die USA", sagt die Professorin. In den kommenden Jahren werde es nun darum gehen, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Nach Ansicht der Würzburger Politik-Expertin muss es dabei Aufgabe der EU sein, dafür Sorge zu tragen, dass das neue Afrika-Engagement der Staatengemeinschaft nicht auf eine einseitige und militärische Mittel bevorzugende Terrorismus-Bekämpfung reduziert wird.

Darum sei es dringend nötig, Handlungsoptionen und Rollenkonzepte für die Afrikapolitik als wichtigen Teilbereich der Außen- und Sicherheitspolitik der EU zu erarbeiten. Dies setze eine bessere Abstimmung zwischen Entwicklungszusamenarbeit sowie Handels- und Agrarpolitik voraus - "eine riesige Herausforderung für die EU, die sich besonders vor der Welthandelsorganisation gerne als Anwalt Afrikas versteht."

Weitere Informationen: Prof. Dr. Gisela Müller-Brandeck-Bocquet, T (0931) 888-4858, Fax (0931) 4893, E-Mail:
mbb@mail.uni-wuerzburg.de
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