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Wissenschaftler mahnen zurückhaltenden Einsatz von Tierarzneimitteln an (BfR PD v. 12.11.2003)

13.11.2003 - (idw) Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

BfR - Pressedienst
Bundesinstitut für Risikobewertung
Thielallee 88 - 92, D - 14195 Berlin, Telefon: 01888/412-4300, Telefax: 01888/412-4970 Presserechtlich verantwortlich: Dr. Irene Lukassowitz

23/2003, 12. November 2003

Wissenschaftler mahnen zurückhaltenden Einsatz von Tierarzneimitteln an

BfR sieht erhebliche Einsparpotenziale bei der Anwendung an Lebensmittel liefernden Tieren

Die Entwicklung und Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen bei Mikroorganismen und der Einfluss des Einsatzes antibiotisch wirksamer Substanzen in der Tierhaltung standen im Mittelpunkt eines internationalen Symposiums, zu dem das Bundesinstitut für Risikobewertung am 10. und 11. November 2003 nach Berlin geladen hatte. Es war bereits die vierte Veranstaltung an diesem Ort zu einem Thema, das weltweit als ernstes Problem betrachtet wird: Bereits 1995, 1997 und 2002 hatte sich das damalige Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin mit der Resistenzproblematik befasst. Das ab 2006 in der Europäischen Union geltende Verbot des Einsatzes antibiotisch wirksamer Wachstumsförderer wertet das BfR als Erfolg der Bemühungen und ersten Schritt bei der Bekämpfung von Resistenzen. "Damit sind wir aber noch lange nicht am Ziel" so der Präsident des Bundesinstituts, Professor Andreas Hensel. "Wenn wir die Wirksamkeit unserer Antibiotika langfristig für den Gesundheitsschutz der Verbraucher erhalten wollen, müssen wir den Antibiotikaeinsatz auch in der Tierhaltung weiter reduzieren". Insbesondere bei der Behandlung ganzer Herden, in denen nur einzelne Tiere erkrankt sind, sahen die Wissenschaftler verbesserte Haltungsbedingungen, konsequente Hygiene und den verstärkten Einsatz von Impfstoffen als Alternative zur Anwendung von Antibiotika.

Die Veranstaltung, an der rund 200 Wissenschaftler aus 16 Ländern teilnahmen, fand auf Initiative des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft unter Beteiligung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sowie der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft statt. Unter den Teilnehmern waren zahlreiche Vertreter internationaler Organisationen, wie z.B. der Weltgesundheitsorganisation, der Welternährungsorganisation und des Internationalen Tierseuchenamtes. Die Ergebnisse des Symposiums wird das BfR in die Bewertung des Risikos, das aus dem Einsatz von Antibiotika bei Lebensmittel liefernden Tieren resultiert, einfließen lassen. Die Risikobewertungen bilden die Grundlage für Handlungsempfehlungen, die das BfR dem Management zur Risikominimierung unterbreiten wird. Die Empfehlungen sollen die Grundlage für eine Folgeveranstaltung zum Risikomanagement sein, die das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im kommenden Jahr organisiert.

Seit Antibiotika zur Behandlung bakterieller Erkrankungen von Menschen und Tieren eingesetzt werden, hat es Bakterien gegeben, die diesen "Angriff" überleben und eine Resistenz ausbilden. In der Praxis resultierte daraus solange kein Problem, wie die Resistenz frühzeitig erkannt wurde und ausreichend andere, wirksame Substanzen zur Behandlung von Erkrankungen zur Verfügung standen. Seit Antibiotika bei Mensch und Tier aber in großem Umfang eingesetzt werden und die Zahl der Bakterien, die gleichzeitig gegen mehrere Antibiotika resistent sind, weltweit steigt, stellt sich die Situation anders dar: Neue, wirksame Substanzen sind nicht in Sicht und erste Todesfälle haben sich ereignet, weil die Therapie bei den Patienten versagt hat. Vor diesem Hintergrund erfordert jede Anwendung antibiotisch wirksamer Substanzen, unabhängig davon, ob sie beim Menschen oder beim Tier eingesetzt werden, eine Abwägung zwischen Nutzen und Risiko.

Zwar konnte der Einfluss, den der Einsatz von Antibiotika bei Lebensmittel liefernden Tieren in Deutschland auf die Resistenzentwicklung hat, auch bei der jüngsten Veranstaltung im BfR nicht beziffert werden. Daran, dass Resistenzen über tierische Lebensmittel und Produkte auf den Menschen übertragen werden können, bestand aber kein Zweifel. Auf den Anstieg von Resistenzen gegenüber Antibiotika, die beim Tier und beim Menschen eingesetzt werden, hat das BfR wiederholt hingewiesen, zuletzt im April dieses Jahres in einem Pressedienst zu den Ergebnissen eines Forschungsprojekts (BfR-Pressedienst 08/2003). Darin hatte das Bundesinstitut ausdrücklich vor der Zunahme der Unempfindlichkeit von Mikroorganismen gegenüber der Antibiotika-Substanzklasse der (Fluor)Chinolone gewarnt.

Im Sinne der Vorsorge sprachen sich die Teilnehmer der Veranstaltung dafür aus, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die geeignet sind, das Risiko der Resistenzentwicklung zu minimieren. Die Reduzierung des Einsatzes von Antibiotika, in der Tierhaltung und in der Humanmedizin, steht dabei im Vordergrund. Die Teilnehmer an der Veranstaltung wiesen ausdrücklich darauf hin, dass die Therapie von dieser Empfehlung ausgenommen ist: Wie jeder Mensch hat jedes kranke Tier einen Anspruch auf Behandlung. Die Kritik der Wissenschaftler richtete sich vielmehr gegen die sogenannte "metaphylaktische" Anwendung von Antibiotika, bei der ein ganzer Bestand "behandelt" wird, nachdem einzelne Tiere erkrankt sind. Weil die Dosierung bei dieser Behandlungsform stark variiert und einzelne Tiere suboptimale Antibiotikamengen erhalten, können sich Resistenzen bevorzugt ausbilden. Dass in diesem Bereich große Einsparpotentiale vorhanden sind, haben die Skandinavier bewiesen: Sie konnten den Antibiotikaeinsatz in der Schweinemast deutlich reduzieren und einen Rückgang der Resistenzen belegen, ohne dass die Zahl der erkrankten Tiere in der Folge angestiegen wäre.

Ausführliche Informationen zum Thema finden Sie auf der Homepage des BfR (www.bfr.bund.de) unter dem Menupunkt Lebensmittel/Lebensmittelsicherheit/Mikrobielle Risiken bzw. über den Suchbegriff "Resistenz".

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