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Saarbrücker Ausbildung: Ingenieur der Zukunft

15.11.2003 - (idw) Universität des Saarlandes

Neues Grundstudium gestartet:
Gemeinsame Grundlagenvermittlung für alle Ingenieursstudiengänge

Neuer Ingenieursstudiengang in Vorbereitung:
Mechatronik verbindet Produktionstechnik mit System- und Elektrotechnik


Maschinenbau, Elektrotechnik und Werkstoffwissenschaften sind die klassischen Studiengänge, die zum Ingenieurberuf führen. "Es sind Disziplinen, die weitgehend unabhängig voneinander gewachsen sind und gleich Bäumen eine Krone sich immer weiter verästelnder Spezialisierungszweige ausgebildet haben", charakterisiert der Saarbrücker Werkstoffwissenschaftler Prof. Dr.-Ing. Frank Mücklich die Entwicklung und ergänzt: "Doch mittlerweile beobachten wir, dass die Zweige der drei Kronen ineinander wachsen und so etwas wie eine neue Einheit bilden". Sein Kollege aus der Saarbrücker Elektrotechnik Prof. Dr. rer. nat. Andreas Schütze pflichtet ihm bei: "Die neueren technischen Entwicklungen zeigen, dass man die klassischen Ingenieurdisziplinen nicht nur alle braucht, sondern dass diese auch zunehmend aufeinander angewiesen sind. Es ist heute meist ihr Zusammenwirken, das zu innovativen Produkten führt, beispielsweise in der Mikrosystemtechnik". Verdeutlichen kann dies ein vergleichender Blick auf das Auto gestern und heute: War unser fahrbarer Untersatz früher eine rein mechanische Konstruktion, ist das Fahrzeug heute durchdrungen und gewissermaßen "belebt" von Elektronik. Gleich Heinzelmännchen selbständig ohne Einwirken des Fahrers erledigen die komplexen Systeme ihre Arbeit: Beispielsweise das ESP-System, dessen raffiniertes Zusammenspiel von Sensorik, Elektronik, Software und Aktorik das Ausbrechen des Fahrzeugs verhindert und damit jeden "Elch-Test" bestehen lässt. "Das immer engere Ineinandergreifen von Elektronik, Mechanik sowie Informations- und Systemtechnik erfordert einen neuen Typus des Ingenieurs, der in allen technischen Bereichen zu Hause und dabei auch zu fachübergreifendem Systemdenken in der Lage ist", betont Prof. Dr. techn. Andreas Kugi. Er vertritt den Saarbrücker Lehrstuhl für Systemtheorie und Regelungstechnik.

Alle drei, Mücklich, Schütze und Kugi sind junge Vertreter eines sich abzeichnenden Paradigmenwechsels in den Ingenieurwissenschaften. Sie wissen um das Zukunftspotential, das gerade auf den Schnittflächen zwischen ihren Disziplinen liegt, und suchen die interdisziplinäre Zusammenarbeit miteinander. Sie tun dies in der Forschung, vor allem aber auch mit ihrem Konzept einer modellhaften Neuausrichtung der Ingenieursausbildung. Entstanden ist so das Konzept des neuen Studiengangs Mechatronik (seit einigen Jahren etablierte Wortneuschöpfung aus Mechanik und Elektronik), der zwei der drei bisherigen Saarbrücker ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge, nämlich System- und Elektrotechnik sowie Produktionstechnik, miteinander verbindet und an ihre Stelle treten wird. "Mit dem neuen Studiengang Mechatronik wollen wir der anhaltend großen Nachfrage der Industrie nach qualifiziert ausgebildeten Ingenieuren mit mechatronisch orientiertem Ausbildungsprofil konsequent Rechnung tragen", erklärt Kugi und hebt hervor: "Dieser Schritt bedeutet entgegen der derzeit noch vorherrschenden Tendenz in der Hochschullandschaft keine Spezialisierung und Einengung von bekannten Wissensgebieten. Mechatronik besteht vielmehr aus einer Verbreiterung durch Zusammenfassung und synergetische Erweiterung von unterschiedlichen sich ergänzenden ingenieurtechnischen Wissensgebieten."

Es liegt auf der Hand, dass für den Mechatroniker das Fundament nicht breit genug angelegt sein kann. Das Gleiche gilt für den Werkstoffwissenschaftler, dessen neue Materialentwicklungen nicht nur von allen Ingenieurwissenschaften nachgefragt werden, sondern dessen naturwissenschaftliche Verankerung gleichfalls im Schnittfeld verschiedener Fächer liegt, so der Physik, der Chemie und zunehmend auch der Biologie (Entwicklung biologischer, biokompatibler und biomimetischer Materialien sind hier die Stichworte). Vor diesem Hintergrund hat man in Saarbrücken zunächst eine Reform des ingenieurwissenschaftlichen Grundstudiums angepackt und ein integriertes Modell entwickelt. Ganz gleich, ob Saarbrücker Studierende der Ingenieurwissenschaften einmal in Mechatronik das Diplom machen werden oder in den Werkstoffwissenschaften, alle werden zunächst einmal in einem integrierten ingenieurwissenschaftlichen Grundstudium ausgebildet. Für die Studierenden hat dies enorme Vorteile. Denn ihre definitive Entscheidung für eine ingenieurwissenschaftliche Fachrichtung, die sie von der Schule her noch gar nicht kennen, können sie erst einmal zurückstellen. Andererseits ergibt sich das für alle verpflichtende integrierte Ingenieurgrundstudium aber auch aus dem dargelegten neuen Trend zum Generalisten, dem kein Ingenieurzweig ganz fremd sein sollte.

Am 13. November wurden nun auf dem Saarbrücker Campus der Universität des Saarlandes beide neuen Ansätze offiziell vorgestellt. Das integrierte Grundstudium ist bereits seit diesem Semester Realität. Was es auszeichnet, sei hier noch einmal zusammengefasst: zum einen eine gewisse Breite, die sich auf die Vermittlung von Wissen aus allen ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen sowie den ihnen zugrundeliegenden naturwissenschaftlichen Fächern erstreckt, und zum anderen eine Fokussierung auf die Systemansätze, welchen die neuesten Entwicklungen in den Ingenieurwissenschaften fachübergreifend bestimmen. Doch damit noch nicht genug: Betriebswirtschaftliche Kenntnisse sollen in diesem Ingenieurgrundstudium ebenso vermittelt werden wie die in der herkömmlichen Ingenieursausbildung noch unbekannte Dimension der Technikfolgenabschätzung. Und nicht zuletzt stehen Kommunikationstraining und Persönlichkeitsbildung auf dem Stundenplan. Kurz: Mit der inhaltlichen Neuorientierung soll auch das klassische Ingenieursimage vom introvertierten Tüftler abgelöst werden. Ingeniös in seinem Fach soll der Ingenieur zwar immer noch sein, er soll dies aber auch kommunizieren, nicht nur im Fachgespräch, sondern auch im fachübergreifenden, im betrieblichen und letztlich auch im gesellschaftlichen Diskurs überzeugen können.

Ist dies alles zu schaffen? Die Saarbrücker Ingenieurwissenschaftler verweisen auf die Vorteile einer kleinen und feinen Ingenieursausbildung. Sie selbst haben die Erfahrung gemacht, dass es an einer Universität mit einem relativ überschaubaren ingenieurwissenschaftlichen Bereich einfacher ist, das interdisziplinäre Gespräch zu führen und auf diesem Wege zu Innovationen zu kommen. Hinzu kommt in Saarbrücken der in Deutschland eher seltene Fall einer Campus-Universität. Das heißt, hier kommen sich die Vertreter der verschiedensten Fächer auch räumlich sehr nahe, was einen persönlichen interdisziplinären Dialog weiter begünstigt. Dass all dies auch für ein besonders zukunftsweisendes Studium hervorragende Möglichkeiten bietet, sind sich die Saarbrücker Ingenieurwissenschaftler sicher. Auch spricht manches dafür, dass sie mit ihrem Spirit und ihrer ansteckenden Aufbruchstimmung die Studierenden mitreißen und exzellent ausbilden können. Zumal auch die Betreuungsverhältnisse stimmen!

Unter dem Titel "Verblassende Mythen" machte unlängst die Süddeutsche Zeitung den Niedergang der einst strahlenden Reputation des deutschen Ingenieurs zum Thema (Ausgabe vom 29.10.03). Möglicherweise war die Autorin des Artikels noch nicht in Saarbrücken an der Universität des Saarlandes?


Fragen beantworten Ihnen:
Prof. Dr. techn. Andreas Kugi: Tel. 0681/302-64270
Prof. Dr.-Ing. Frank Mücklich: Tel. 0681/302-2048
Prof. Dr. rer. nat. Andreas Schütze: Tel. 0681/302-4663
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