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Prof. Diedrich: "Können mehr als jedem zweiten Paar zum Kinderglück verhelfen"

19.11.2003 - (idw) Universität zu Lübeck

Internationaler Kongress in Lübeck am Wochenende - Reproduktionsmedizin etabliertes Behandlungsverfahren geworden

Mit der so genannten künstlichen Befruchtung kann Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch inzwischen sehr erfolgreich zum lang ersehnten Nachwuchs verholfen werden. "Bei mehr als jedem zweiten früher als aussichtslos steril geltendem Paar gelingt es uns mittlerweile, ihnen mit den modernen Methoden der Fortpflanzungsmedizin zum Kinderglück zu verhelfen", erläutert Prof. Dr. Klaus Diedrich, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtsmedizin der Universität Lübeck. Ob und welche Möglichkeiten es gibt, diese Ergebnisse weiter zu verbessern, diskutieren vom 20.-22. November 2003 etwa 350 ausgewiesene Experten beim 4. Symposium für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin in Lübeck. Eine begleitende Pressekonferenz findet am Freitag, 21. November, um 14.30 Uhr statt.

Die Referentenliste beim bedeutendsten Kongress dieser Art ist handverlesen und wird angeführt von Prof. Dr. Richard G. Edwards von der Universität Cambridge. Reproduktionsbiologe Edwards ist einer der "wissenschaftlichen Väter" des weltweit ersten, im Reagenzglas gezeugten Babys: Die kleine Louise Brown kam 1978 in England zur Welt und galt als echte medizinische Sensation. Prof. Edwards spricht über die Entwicklung der Fortpflanzungsmedizin in den vergangenen 25 Jahre.

Beinahe ebenso große Berühmtheit hat Prof. Dr. René Frydman in Frankreich er-langt, der für das erste französische Baby nach In-vitro-Befruchtung verantwortlich zeichnete. Er beschäftigt sich neben seiner klinischen Tätigkeit heute vor allem mit ethischen und philosophischen Fragestellungen rund um die Reproduktionsmedizin und wird dazu am Eröffnungsabend sprechen. Sein Vortragsthema: "Gott, die Medizin und der Embryo". Prof. Dr. Inge Liebaers ist Humangenetikerin an einem der weltweit bedeutendsten Behandlungszentren für reproduktive Medizin und Präimplantationsdiagnostik in Brüssel. Sie befasst sich besonders mit der körperlichen und geistigen Entwicklung der Babys nach künstlicher Befruchtung.

Welche Bedeutung die Reproduktionsmedizin in Deutschland inzwischen hat, verdeutlicht ein Blick in die Statistik: Inzwischen werden allein mit den beiden wichtigsten Verfahren zur künstlichen Befruchtung (IVF und ICSI) mehr als 60 000 Behandlungen pro Jahr in Deutschland durchgeführt. "Damit haben wir den Status der Au-ßenseitermedizin längst verlassen", sagt Prof. Ricardo Felberbaum, leitender Oberarzt an der Lübecker Frauenklinik und gemeinsam mit Prof. Diedrich Kongresspräsident. "Die Zahlen belegen, dass die Fortpflanzungsmedizin hierzulande längst nicht mehr zur Behandlung einer Randgruppe unserer Gesellschaft dient."

Das Prinzip der In-vitro-Fertilisation (IVF), mit deren Hilfe schon Louise Brown zur Welt kam, hat sich bis heute nicht wesentlich verändert: Eine reife Eizelle wird im Reagenzglas mit dem Samen des Mannes befruchtet. Nach etwa zwei Tagen wird der entstandene Embryo in die Gebärmutter der Frau eingebracht. Bei der Intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) wird ein einzelnes Spermium mit der Pipette in eine reife Eizelle injiziert. Auch dieses Verfahren ist nur im Labor möglich.

Die anfangs experimentellen Verfahren haben sich heute zu etablierten Behand-lungsmethoden entwickelt, die nicht sofort, aber bei 50 bis 60 Prozent der behandelten Paare spätestens nach dem vierten Embryonentransfer zur gewünschten Schwangerschaft führen. Ein Grund für die Etablierung der Verfahren waren die Fortschritte bei der medikamentösen Stimulation der weiblichen Eierstöcke. So ist es heute möglich, während eines Zyklus nicht nur eine, sondern eine ganze Gruppe von reifen Eizellen heranreifen zu lassen und unter Ultraschallkontrolle per Follikelpunktion zu gewinnen. Das wiederum erhöht die Chancen auf eine Befruchtung im Reagenzglas und damit auch auf eine erfolgreiche Schwangerschaft erheblich.

Zu dieser Entwicklung haben die Lübecker Reproduktionsmediziner maßgeblich beigetragen. In Lübeck kam 1982 das zweite deutsche "IVF-Baby" zur Welt. Heute ist die Universitätsfrauenklinik die bundesweit einzige mit dem Forschungsschwerpunkt Fortpflanzungsmedizin. Prof. Diedrich ist gleichzeitig Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Prof. Felberbaum wissenschaftlicher Leiter des deutschen IVF-Register, in dem alle Daten zur künstlichen Befruchtung in Deutschland gesammelt und analysiert werden. Sitz des europaweit größten nationalen Registers ist die Landesärztekammer Schleswig-Holstein in Bad Segeberg.

Erstmals vorgestellt wird beim Kongress die Analyse von mehr als 80 000 Daten, die 2002 im IVF-Register gesammelt wurden. Sie weisen, wie Prof. Felberbaum mitteilte, "stabile und akzeptable Ergebnisse der deutschen Reproduktionsmedizin auf - die aber ohne Zweifel besser sein könnten". Insgesamt lag die Schwangerschaftsrate pro durchgeführtem Embryonentransfer in Deutschland im Jahre 2001 bei 28,4 Prozent nach IVF und bei 27,9 Prozent nach ICSI. (In anderen Ländern beträgt diese Rate oftmals bis zu 50 Prozent. Verantwortlich für diese vergleichsweise niedrigen Quoten ist das eng gefasste deutsche Embryonenschutzgesetz, das weitergehende Beurteilungen der Embryonen vor der Implantation verbietet. Siehe hierzu die Pressemitteilung vom 18. September 2003 "Zu geringe Erfolgsrate, zu viele Mehrlingsgeburten")

Das Register ermöglicht etwa, Angaben über den Zeitpunkt der Geburt und über das Geburtsgewicht zu machen. "Hier haben wir uns auf die Daten von 39 366 Kindern gestützt, die zwischen 1997 und 2002 nach assistierter Reproduktion geboren wurden", erläutert Prof. Felberbaum. Besonders bei den Mehrlingsschwangerschaften stellen die Ärzte sehr häufig Frühgeburten und ein zu niedriges Geburtsgewicht fest: "Die Rate der Frühgeburten, dass heißt Geburten vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche, beträgt bei Zwillingen mehr als 53 Prozent. Von den Drillingen sind sogar nur 1,2 Prozent der geborenen Kinder nach der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen." Eine Frühgeburt beinhalte jedoch immer das Risiko einer erhöhten Säuglingssterblichkeit, weil diese Babys oftmals zu leicht und noch unreif seien, so Felberbaum.

Zu Mehrlingsschwangerschaften kommt es, weil pro Zyklus bis zu drei befruchtete Eizellen in den Uterus zurück gesetzt werden. Dies erhöht einerseits die Chance für eine Schwangerschaft, andererseits aber auch das Risiko einer Mehrlingsgeburt. Etwa 40 Prozent aller künstlich gezeugten Babys in Deutschland sind Mehrlinge. Mit dem Einsetzen von vorab ausgewählten Embryonen könnte diese Zahl deutlich gesenkt werden.

Die Auswertung des von Lübeck aus geleiteten Zentralregisters verdeutlicht auch die Bedeutung des Lebensalters der Frauen für die Wahrscheinlichkeit eines Be-handlungserfolgs. Beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft pro Behandlungszyklus bei Frauen bis zum 31. Lebensjahr noch über 30 Prozent, fällt diese bei den über 40jährigen auf 16 Prozent bei der IVF-Methode. Felberbaum: "Deshalb dürfen wir bei der Behandlung steriler Paare keine Zeit verlieren mit nicht-wirksamen konservativen Behandlungsmethoden."

Trotz erheblicher technischer und medikamentöser Fortschritte, die sich in gestiegenen Erfolgsraten widerspiegeln, stellt die Behandlung weiterhin eine hohe physische und psychische Belastung für die betroffenen Paare dar, wie Prof. Diedrich erläutert. "Wir müssen sie umfassend über die Erfolgsaussichten, die Art der Behandlung und deren Risiken aufklären und beraten. Ziel unserer Forschungsbemühungen muss es sein, die Behandlung noch einfacher und für die hilfesuchenden Paare risikoärmer und weniger belastend zu gestalten."

Bei dem Kongress handelt es sich um eine gemeinsame Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF), des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren (BRZ) und der Arbeitsgemeinschaft Reproduktionsbiologie des Menschen (AGRBM). Das wissenschaftliche Programm beginnt am Freitag und Sonnabend jeweils um 9 Uhr im großen Hörsaal des Zentralklinikums; Journalisten sind herzlich willkommen.

Am Freitag, 21. November, findet um 14.30 Uhr im Hörsaal Z 3 (Zentralklinikum) unter Leitung von Prof. Diedrich eine Pressekonferenz statt, in der die wichtigsten wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen des Kongresses vorgestellt und erörtert werden.

Uwe Groenewold / Wissenschaftsdienst Uni Lübeck

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