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Erwachsene mit Aufmerksamkeitsstörung leben gefährlich

22.11.2003 - (idw) Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

ADHS führt zu schlechterem Berufsabschluss und höherem Unfallrisiko

Konzentrationsstörungen, innere Unruhe, Verhaltensauffälligkeiten - solche Anzeichen der ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) werden in der Regel mit Kindern in Verbindung gebracht. Doch bei vielen Betroffenen bildet sich die Störung nicht zurück, sondern dauert auch im Erwachsenenalter fort. Symptome wie Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivitat führen dann oft zu schlechteren Schul- und Berufsabschlüssen, häufigeren Kündigungen und Jobwechseln sowie einem höheren Unfallrisiko, insbesondere für Verkehrsunfälle mit schweren Verletzungen, wie Experten auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin betonten.

Von der so genannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind nicht nur Kinder betroffen. "Entgegen früherer Erwartungen bildet sich die Störung bei einem beachtlichen Teil der Betroffenen nicht zurück, sondern setzt sich im Erwachsenenalter fort", betonte Prof. Dr. Michael Rösler, vom Neurozentrum der Universität des Saarlandes. "Etwa zwei bis vier Prozent der Erwachsenen sind davon betroffen." Die ADHS ist in allen sozialen Schichten und auf allen Begabungsniveaus anzutreffen. Sie ist stark genetisch bedingt, wobei Männer bis zu zwei Mal häufiger betroffen sind als Frauen. Daneben tragen Umweltfaktoren in der Kindheit, insbesondere ein unflexibles, vorwiegend auf Bestrafungen basierendes Erziehungsverhalten der Eltern, zum Erscheinungsbild der Erkrankung bei.

Betroffene unaufmerksam, überaktiv und impulsiv
Störungen der Aufmerksamkeit, motorische Überaktivität und Impulsivität sind die drei Hauptsymptome der ADHS. Hinzu kommen bei Erwachsenen noch Desorganisation, emotionale Überreaktion und Störungen der Affektkontrolle. Doch die Diagnose ADHS lässt sich bei Erwachsenen nicht so leicht stellen wie bei Kindern. Zum einen müssen sich die Grundsymptome bereits bis zum siebten Lebensjahr manifestiert haben. Da sich die Patienten meist nur schlecht an ihre Kindheit erinnern können, sind Fremdbeurteilungen durch Eltern und Lehrer bzw. Zeugnisse für die Diagnosestellung unerlässlich. Zum anderen meiden die Betroffenen Situationen, in denen die Symptome häufig hervorgerufen werden, etwa lange Theaterbesuche, Lesen oder Schlangestehen. Außerdem tritt die ADHS nur in Ausnahmefällen allein auf. In der Regel wird sie von einer oder mehreren komorbiden Erkrankungen begleitet. So leiden zum Beispiel rund 20 Prozent der betroffenen Erwachsenen an antisozialen Persönlichkeitsstörungen, bis zu 25 % entwickeln Angststörungen, 35 Prozent an affektiven Störungen und 60 Prozent an Drogen- oder Alkoholmissbrauch.

Soziale Anpassung stark beeinträchtigt
Verlaufsuntersuchungen von Kindern mit ADHS bis ins Jugendlichen- und Erwachsenenalter hinein zeigen, dass mit der Störung eine Reihe von Einschränkungen einhergehen können, die den Prozess der sozialen Anpassung negativ beeinflussen. So konnte die Milwaukee Young Adult Outcome Study nachweisen, dass Menschen mit ADHS qualitativ niedrigere Schul- und Berufsabschlüsse erreichen als gesunde Kontrollpersonen. Sie werden häufiger vom Unterricht suspendiert bzw. ganz vom Schulbesuch ausgeschlossen und sind öfter von Kündigungen und Arbeitsplatzwechseln betroffen. Auch auf ihr Sexualverhalten wirkt sich die Störung aus: Sie laufen eher Gefahr, sich sexuell übertragbare Krankheiten zuzuziehen; bei weiblichen Jugendlichen treten oftmals Schwangerschaften auf. Darüber hinaus bieten Personen mit ADHS ein höheres Risiko für Arbeits- und Freizeitunfälle. "Auf Grund ihrer generellen Neigung, gegen Regeln im Straßenverkehr zu verstoßen, verursachen sie insbesondere Verkehrsunfälle mit erheblichen Verletzungen", so Prof. Rösler auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin. "Zudem hat sich in der Cambridge-Studie zur Delinquenzentwicklung ebenso wie in der Kurpfalzstudie (Prof. Schmidt/ Mannheim) herausgestellt, dass Impulsivität, Überaktivität und Konzentrationsstörungen im Kindesalter ein Anzeichen für spätere Aggressivität und Delinquenz im Erwachsenenalter sind. Entsprechend konnte bei bis zu 72 Prozent der Insassen von untersuchten Gefängnissen eine ADHS festgestellt werden."

Medikamentöse und verhaltenstherapeutische Gruppentherapie erfolgreich
Erwachsene mit ADHS können heute effizient behandelt werden. Obwohl die Datenlage für Kinder und Jugendliche besser als für Erwachsene ist, wird zunehmend klar, dass es hinsichtlich der Wirksamkeit von Behandlungen mit Medikamenten, die den Dopamin- oder Noradrenalin-Transporter hemmen, keine grundlegenden Unterschiede zwischen den Altersgruppen gibt. Das psychotherapeutische Angebot umfasst neben der sozialpsychiatrischen Begleitung der Patienten immer mehr spezifische Verfahren, die direkt auf die Symptomatik der ADHS zielen. Prof. Rösler: "Verhaltenstherapeutische Gruppentherapien erweisen sich dabei zunehmend als effektiv und ökonomisch. Außerdem sollten betroffene Kinder frühzeitig behandelt und gefördert werden, um den drohenden Komplikationen im Erwachsenenalter vorzubeugen."

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