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Was bietet sie eigentlich sachlich? Eine Analyse der Hohmann-Rede durch Prof. Thomas Stamm-Kuhlmann

27.11.2003 - (idw) Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

PM 170/2003

Bei der Auseinandersetzung um die Festrede des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann zum Tag der Deutschen Einheit 2003 ist viel von Anstand und Fingerspitzengefühl die Rede, wenig aber davon, ob die historischen und tagespolitischen Bezüge, die Hohmann hergestellt hat, sachlich richtig oder falsch waren. In vielen Stellungnahmen vor allem von der Parteibasis in Hohmanns Heimat ist davon die Rede, daß Hohmann als eine integre Persönlichkeit mit großen Kenntnissen angesehen sei. Um so bestürzender ist das Ergebnis, wenn man die Rede auf die Fakten analysiert. Es bestätigt sich dann, daß die Rede ausgesprochen demagogischen Charakter trägt.

Hohmann beginnt mit Anspielungen darauf, daß der vorbestrafte Islamistenführer Kaplan nicht in die Türkei abgeschoben werden kann, weil die Deutschen eine so niedrige Selbstachtung hätten, daß sie ihm lieber Sozialhilfe zahlen würden. Keine Rede davon, daß Kaplan nicht abgeschoben werden darf, weil ihm in der Türkei die Folter droht. Diese Vorschrift ist aber das Gegenteil von Selbsterniedrigung, sondern Ausdruck unseres Stolzes auf unser eigenes Rechtssystem, das den Schutz vor Folter garantiert. In der Türkei wird dies durchaus verstanden, und hier ist eher damit zu rechnen, daß man sich in der Türkei deswegen gekränkt fühlt. Mit deutscher Selbsterniedrigung hat das auf jeden Fall nichts zu tun.

In diesem Stil der Auslassungen und Verdrehungen fährt Hohmann fort. So vergleicht er die Französische Revolution mit der NS-Herrschaft und Napoleon mit Hitler. Selbstverständlich werden die großen Opfer, die Napoleons Kriege gefordert haben, in der französischen wie der internationalen Geschichtswissenschaft erwähnt. Wer die Schilderungen des napoleonischen Diktatursystems durch prominente französische Historiker liest, muß feststellen, daß diese Schilderungen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Außerdem kannte die napoleonische Herrschaft in Europa keine organisierte Verfolgung ethnischer oder religiöser Gruppen, die die bloße Mitgliedschaft in einer solchen Gruppe zum Verfolgungsgrund gemacht hätte. Und drittens hat die napoleonische Herrschaft über den Kontinent tatsächlich Ideen von Freiheit und Menschenrechten nach Deutschland, Italien, Spanien oder Polen verbreitet und im Code Napoléon und anderen Institutionen ein bleibendes Menschheitserbe hinterlassen. Dieses System mit der bloßen Destruktion Hitlers zu vergleichen, ist eine Unverfrorenheit.

Deutsche Wissenschaftler, so behauptet Hohmann dann weiter, erforschen "mit geradezu neurotischem Eifer" "auch noch die winzigsten Verästelungen der NS-Zeit". Tatsächlich sind diese Wissenschaftler in ihrem Umgang mit der NS-Zeit wesentlich nüchterner und kühler als große Teile der Öffentlichkeit, und sie erforschen andere Epochen der deutschen Geschichte mit nicht minderer Akribie.

Daniel Goldhagen hat das deutsche Volk nicht als "Mörder von Geburt an" bezeichnet. Dieser Begriff kommt in seinem Buch nicht vor, obwohl Hohmann das behauptet. "Es wird Sie überraschen", fährt Hohmann dann fort, daß es 1920 ein Buch von Henry Ford mit antisemitischem Inhalt gegeben habe. Wieso können so alte Kamellen überraschen? Und macht die Tatsache, daß Henry Ford Hitler finanzierte, diesen als Gewährsmann tauglich?

In seinen weiteren Ausführungen über die Juden in der Arbeiterbewegung macht sich Hohmann dann die Definitionen der Nürnberger Rassegesetze vom Juden zu eigen, in dem er jedermann, der jüdische Vorfahren hatte, als Juden zählt, unabhängig von dem Selbstverständnis, das der einzelne besaß. Sodann behauptet er, Kurt Eisner sei "als unbestrittene Führungspersönlichkeit" in der "Münchner Räterepublik" tätig gewesen. Tatsache ist, daß Kurt Eisner schon tot war, als die Münchner Räterepublik ausgerufen wurde. Eisner, der durch die friedliche Revolution des 7. November 1918 Bayerischer Ministerpräsident geworden war, wurde durch den Grafen Arco-Valley ermordet, als er sich auf dem Weg in den Bayerischen Landtag befand, um dort sein Amt niederzulegen. Als Reaktion auf diese Schandtat bildete sich die Räterepublik. Die Geiselerschießung, der die rechtsradikalen Mitglieder der Thule-Gesellschaft zum Opfer fielen, war eine der wenigen Repressalien der Räterepublik. Dem anschließenden weißen Terror der Freikorps, die München von der Räterepublik befreiten, fielen wesentlich mehr Menschen zum Opfer, darunter ein ganzer Kolpingverein, der aus Versehen liquidiert wurde.

Indem er die Formulierung von den Juden als "Tätervolk" in dem Konjunktiv stellt und anschließend negiert, stellt sich Hohmann so, als habe er ja gar nichts gesagt. Jedoch dient seine Analogie nur dem Zweck, die Deutschen zu entlasten. Nur, weil die Deutschen kein Tätervolk sein sollen, sollen es auch die Juden nicht sein. Stillschweigend unterstellt ist dabei, dass Menschen, die in unterschiedlicher Weise von einer weltweit verbreiteten Glaubensgemeinschaft abstammten, mit Menschen gleichgesetzt werden, die einer politischen Einheit, dem Deutschen Reich, das einen einheitlichen politischen Willen und eine einheitliche Führung auswies, angehörten. Der Unterschied zwischen der staatsrechtlichen Tatsache, die das Deutsche Volk darstellte, und dem nur vagen Zusammenhang des "Jüdischen Volkes" auf der Welt wird verwischt.

Am Ende findet Hohmann dann eine neue Zielscheibe für seine Hetze. Nicht "die Deutschen", nicht "die Juden" sollen Tätervölker gewesen sein. Die "Gottlosen" waren es! Also, auf zur Atheistenjagd. Der neue bequeme Feind ist gefunden.

Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann, Historisches Institut, Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit, Domstraße 9a, D-17487 Universität Greifswald, Telephon: 03834-86-3328 und 86-3332, Telefax: 03834-86-3329,

e-mail: stamm@uni-greiswald.de
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