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Kein Fortschritt ohne Anatomie

28.11.2003 - (idw) Universität zu Köln

Kein Fortschritt ohne Anatomie
Der Grundstein der modernen Medizin

Der Sprung vom Mittelalter in die Neuzeit wurde in der Medizin unter anderem dadurch vollzogen, dass die Beobachtung des menschlichen Leichnams in den Mittelpunkt des Denkens und Handels gestellt wurde. Mit der Einführung regelmäßiger und systematischer Sektionen wurde ein neuer medizinischer Standard geschaffen. 1537 wurde Andreas Vesal an der Universität Padua zum ersten Professor für Anantomie ernannt. Damit wurde der Grundstein für die neuzeitliche Medizin gelegt. Die seit der ausgehenden Antike verbreitete Lehre, dass die Gesundheit des Menschen durch die vier Körpersäfte determiniert werde, den festen Körperteilen hingegen keine weitere Bedeutung zukomme, konnte durch Vesals Schaffen überwunden werden. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Christian Norbert Eikermann in einer Studie am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin.

Vesal widerlegte nicht weniger als 200 anatomische Irrtümer. So korrigierte er die Ansicht, der Mann besitze eine Rippe weniger als die Frau sowie die Annahme, die Leber bestehe aus fünf Lappen. Auch die Überzeugung, die Wundeiterung sei ein nützlicher Vorgang, den es zu fördern gelte, konnte überwunden werden. Vesal forderte, den menschlichen Körper ohne vorgefasste Konzepte und Theorien so zu untersuchen, wie er wirklich sei. So sei der Kopf nicht deshalb als der wertvollste Teil des Körpers zu betrachten, weil er rund sei, wie Platon gefolgert hatte. Platon hatte den Kopf als Sitz von Verstand und Geist bezeichnet, weil er als runder Körperteil die höchstwertige Form besitze.

Außerdem brach Vesal mit der Tradition, dass Seziergehilfen, Barbierchirurgen in wenig angesehener Stellung, die praktische Arbeit an der Leiche leisteten, während der Professor lediglich dozierte. Als erster Anatomieprofessor führte er seine Obduktionen mit eigener Hand aus. Bis zu seinem Tode im Jahre 1564 hatten sich die Gewohnheiten soweit geändert, dass nun jeder gebildete Arzt selbst an der Leiche tätig war. In Basel präparierte Vesal aus dem Leichnam eines exekutierten Verbrechers das erste Skelett für Lehrzwecke.

Seine Forschungsergebnisse ließ Vesal von Stephan von Kalkar in 300 Abbildungen
festhalten. Neu war, dass der Körper in diesen Zeichnungen nicht mehr als unbewegliche Leiche auf einem Tisch dargestellt wurde, sondern aufrecht und in Bewegung. Vesals Wirkung auf die Medizin wird mit der seines Kommilitonen Kopernikus auf die Astronomie verglichen. Kopernikus entdeckte, dass die Sonne -und nicht die Erde- den Mittelpunkt unseres Planetensystems bildet. Vesal, der seit 1544 Leibarzt Kaiser Karls des Fünften und seines Sohnes Philipp von Spanien war, spaltete seine Zeitgenossen in Anhänger und Gegner. Diese postulierten gar zur Ehrenrettung des Begründers der Vier-Säfte-Lehre, seit der Spätantike habe eine Wandlung der menschlichen Natur stattgefunden.

Begründer der Sektion sind die alten Griechen. Seit dem zweiten Jahrhundert nach Christus gab es über tausend Jahre lang keine systematischen Leichenöffnungen. Man ging davon aus, dass es keinen weiteren Forschungsbedarf gebe, da die Funktion des menschlichen Körpers vollständig und schlüssig erklärt sei. Zum anderen wurde die wissenschaftliche Untersuchung des menschlichen Körpers mittels Sektionen lange Zeit durch Ignoranz, Aberglauben und Furcht verhindert. Sektionen wurden als "Entehrendes Zergliederungsgeschäft" herabgewürdigt, der Zweifel an der herrschenden Lehrmeinung galt als Sakrileg.

Während der Senat von Venedig bereits im Jahre 1308 befohlen hatte, dass Ärzte jährlich eine Leiche für anatomische Studien zu öffnen hätten, fanden in Deutschland die ersten Sektionen erst im ausgehenden 15. Jahrhundert statt. Im Jahre 1479 bekamen Chirurgen der Kölner Universität von Kaiser Friedrich dem Dritten die ersuchte Erlaubnis, jährlich ein bis zwei Obduktionen durchführen zu können. Durch das Einführen regelmäßiger Sektionen und der Anatomie als Lehrfach wurde ein neuer Standard in der Medizin etabliert.

Verantwortlich: Bettina Tiefenbach

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